Schäuble, Varoufakis und das Angsthasen-Spiel

Christian Klamler erklärt in der heutigen Ausgabe der Kleinen Zeitung, dass die Verhandlungen zwischen der griechischen Regierung und der Eurogruppe als Angsthasen-Spiel aufgefasst werden können. Was war nochmal das Angsthasen-Spiel?

Zwei Autos rasen aufeinander zu; wer zuerst ausweicht hat verloren. Jeder Fahrer hat die Wahl auszuweichen oder weiterzufahren. Die Auszahlungen sehen so aus:

Auto 1/Auto 2 Ausweichen Weiterfahren
Ausweichen 2/2 1/5
Weiterfahren 5/1 0/0

In reinen Strategien hat das Spiel zwei Gleichgewichte: Auto 1 weicht aus, Auto 2 fährt weiter; Auto 1 fährt weiter, Auto 2 weicht aus. Na super. Wie gewinne ich das Spiel? Ganz einfach indem ich den anderen Fahrer überzeuge, dass ich auf jeden Fall weiterfahren werde, ganz egal was er tut. Gut, so einfach ist das auch wieder nicht, weil der Gegner ja weiß, dass ich damit gegen meine Interessen handle – wenn der andere weiterfährt, wär’s für mich besser auszuweichen. Damit ich gewinne muss der Gegner glauben, dass ich verrückt bin.

Manchen Menschen fällt es leichter den Rest der Welt von ihrer Verrücktheit zu überzeugen als anderen. Denen, die wirklich verrückt sind, fällt es natürlich am leichtesten.

Womit wir bei Griechenland wären. (Sorry, Griechenland!) Bei den Griechenland-Eurogruppe-Verhandlungen geht es im Kern darum ob und in welchem Zeitraum die griechische Regierung ihre Schulden zurückzahlen soll. Die Syriza-Regierung will mehr Zeit bei der Rückzahlung und eventuell einen Schuldenschnitt, die Gläubiger-Länder bestehen auf den derzeitigen Rückzahlungsplan und lehnen einen Schuldenschnitt ab. Der griechische Finanzminister Janis Varoufakis hat die Wahl nachzugeben und den bisherigen Plan einzuhalten oder stur zu bleiben. Der inoffizielle Chef der Eurogruppe, Wolfgang Schäuble, hat die Wahl den Forderungen der Griechen nachzugeben oder auf den eingeschlagenen Kurs zu beharren. Die Auszahlungen könnten so aussehen:

Schäuble/Varoufakis nachgeben stur bleiben
nachgeben 2/2 1/5
stur bleiben 5/1 0/0

Geben beide nach, einigt man sich auf einen Kompromiss. Der Kompromiss wird irgendwo zwischen dem Syriza-Plan und dem bisherigen Troika-Kurs liegen – Schäuble und Varoufakis gehen mit 2 Punkten nach Hause. Wenn Schäuble stur bleibt und Varoufakis nachgibt, wird der bisherige Kurs fortgesetzt. Das tut den Griechen weh: sie bekommen nur 1 Punkt. Schäuble steht als Gewinner dar: er erhält 5 Punkte. Genau umgekehrt verhält es sich, wenn Schäuble nachgibt und Varoufakis sich durchsetzt. Wenn niemand nachgibt kommt es zu keiner Einigung. Die griechische Regierung wird zahlungsunfähig, möglicherweise mit fatalen Folgen für das griechische Bankensystem, und schließlich der Grexit. Das ist für beide – Schäuble und Varoufakis – der schlechteste Ausgang: beide erhalten 0 Punkte.

Die spieltheoretisch entscheidende Frage ist nun: Wem fällt es leichter den jeweils anderen davon zu überzeugen, dass er verrückt ist – Schäuble oder Varoufakis?

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