Das Pendlerpauschale oder wie man jemandem was in die rechte Hosentasche steckt, das man vorher aus der linken genommen hat

Ob die Steuerreform ein großer Wurf ist oder nicht, darüber kann man sicher trefflich diskutieren. Das Angenehme dieser Diskussion ist vor allem, dass sie nicht lange dauern wird. Neben anderen Enttäuschungen über mangelnde strukturelle Maßnahmen wurde auch wieder mal das Pendlerpauschale nicht angegriffen, was meiner Meinung nach eine der größten Fehlkonstruktionen des österreichischen Steuerrechts ist.

Was will der Gesetzgeber mit dieser Regelung eigentlich erreichen? Hier werden immer wieder zwei Argumente angeführt, die bei näherer Betrachtung jedoch unhaltbar sind. Zum Beispiel:

1. “Das Pendlerpauschale hilft dabei, den ländlichen Raum zu erhalten und die Abwanderung in Städte zu verlangsamen.”
Der Urbanisierung entgegenzuwirken kann ja ein legitimes Bestreben der öffentlichen Hand sein, das würde man so auch durchaus akzeptieren. Nur verfehlt das Pendlerpauschale (folgend PP) diesen Zweck, weil beim Anspruch nur auf die Distanz zwischen Arbeitsort und Wohnort abgestellt wird. Ich kann genauso gut zwischen zwei Städten pendeln, oder von der Stadt aufs Land. Wieso soll das gefördert werde? Wäre die Erhaltung des ländlichen Raums das wahre Bestreben des Gesetzgebers, so müsste dieses Kriterium (einpendeln in eine größere Agglomeration als der Wohnort) berücksichtigt werden.

2. “Das PP unterstützt die armen kleine ArbeitnehmerInnen und ist verteilungspolitisch eine ganz wichtige Maßnahme”.
Das ist aus zweierlei Sicht problematisch bis unrichtig. Erstens steht das PP allen Personen unabhängig vom Einkommen zu, damit also auch Didi Mateschitz. Zweitens ist das PP als Freibetrag konzipiert und Personen mit geringen Einkommen profitieren davon weniger als jene mit hohen. Verteilungspolitik wäre wiederum ein legitimes Ziel des Gesetzgebers, nur so erreicht er das halt nicht. In dieser Ausgestaltung erscheint die Wirkung des PP eher regressiv und verteilt von unten nach oben. Ohne Einkommensgrenzen (wie bei der Studienbeihilfe, etc.) kaufe ich das distributive Argument jedenfalls nicht ab.

Abgesehen von den oben genannten Problemen halte ich das PP schlichtweg für eine unnötige, ineffiziente, ökologisch und distributiv höchst fragwürdige Regelung, die genauso nötig wie Fusspilz ist. Einerseits wird der PKW-Verkehr über die NoVA und die Mineralölsteuer kräftig besteuert um ihn dann wieder über das PP zu subventionieren? Hat genauso viel Sinn wie eine Zugticket-Steuer, mit der dann eine Senkung der ÖBB Ticketpreise finanziert wird.

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Re: Bitte weitersagen: Modellannahmen sind keine Werturteile!

In den letzten beiden Beiträgen wurde hitzigst im weitesten Sinne über Modellannahmen diskutiert. Beim Lesen sind mir einige Dinge in den Sinn gekommen, die ich hier gerne als Kommentare bzw. Denkanstöße beitragen möchte.

  1. Max behauptet, Modellannahmen wären strategische Vereinfachungen, die einem helfen, die wesentlichen Aspekte der Realität von den unwesentlichen zu trennen. Das mag in der Theorie stimmen, aber tut es das auch in der Praxis? Sind Modellannahmen nicht allzu oft von Mach- bzw. Rechenbarkeit getrieben? Ist euch die Aussage „Wir machen das so und so, weil nur dann eine analytische Lösung existiert.“ noch nie untergekommen? In einer perfekten Welt würde Modellierung wohl so funktionieren, wie Max es beschreibt. Ich glaube aber nicht (Sic! Ein Glaubenssatz!), dass wir in solch einer idealen Welt leben. Darüber hinaus denke ich auch nicht, dass es überhaupt durchführbar ist, Modellierung ausschließlich durch strategische und objektiv einwandfreie Überlegung zu bewerkstelligen. Und hier kommt wohl Wolfgangs Zugangsweise ins Spiel: „Die Entscheidung, welche nötigen und vereinfachenden Annahmen getroffen werden, liegt natürlich beim Modellbauer und sind in einem starken Ausmaß Werturteile.” Ich würde das „im starken Ausmaß“ nicht unterschrieben, aber dieser Zugang entspricht im Wesentlichen sicherlich oftmals der Realität. Wer hat also recht? Irgendwie doch beide, Max und Wolfgang. Während Max eine normative Herangehensweise wählt („Wie sollte Modellierung aussehen.“), geht Wolfgang den deskriptiven Weg („Wie sieht Modellierung tatsächlich aus.“). Die beiden behandeln also unterschiedliche Probleme, weswegen diese hitzige Diskussion darüber zumindest für mich nicht ganz nachvollziehbar ist.
  1. Katharina Maria unterschiedet zwei Zwecke von Modellen: „Ich glaube, du musst zwischen dem Modell selbst und, wenn dies der Zweck des Modelles ist, seiner Funktion einen Teil der Realität abzubilden unterscheiden. Im letzten Fall, kannst du meiner Meinung nach nie wissenschaftlich feststellen, ob deine Annahmen wirklich korrekt sind bzw. ob du die richtigen Annahmen getroffen hast, denn auch Modelle mit falschen Annahmen generieren richtige Forecasts und vice versa. In ersterem Fall würde ich das Modell mit einem logischen Argument vergleichen und das kann deduktiv korrekt sein, wie ein mathematischer Beweis eben einfach logisch richtig ist, … das hat dann mit Werturteilen wirklich wenig zu tun.“ Dem stimme ich grundsätzlich zu. Ein mathematisches Modell ist im Grunde ein Theorem, das aus den Annahmen (welche zuvor sauber definiert werden müssen) durch logische Schlussfolgerung Eigenschaften ableitet. Diese Eigenschaften in Frage zu stellen, ist wenig sinnvoll, da sie direkte Implikationen der Annahmen sind. Sobald ein Modell jedoch die schöne, mathematische Welt verlässt und dafür miss-/ge-braucht wird, um die tatsächliche Welt zu beschreiben, ist es mit der Exaktheit auch schon wieder vorbei. Denn die Richtigkeit der Eigenschaften und Implikationen innerhalb des Modells sagen nichts über die Richtigkeit außerhalb des Modells aus – ob ein Modell in der Realität also brauchbar ist, ist eine gänzlich anders geartete Frage. Zwei Probleme sehe ich im obigen Statement dennoch: Zunächst halte ich es für problematisch, die Frage nach der Güte eines Modells mit der Produktion richtiger „Forecasts“ zu beantworten. Ein Modell kann durchaus die Vergangenheit und vielleicht auch die Gegenwart gut beschrieben, aber für die Zukunft komplett versagen. Die Welt, in der wir leben, ist glücklicherweise komplex genug, um uns ständig neu zu überraschen. Möchte man Mechanismen verstehen, ist es wichtig die Dynamiken richtig abzubilden und nicht unbedingt akkurate zukünftige Vorhersagen zu treffen. Die Vorhersagekraft eines Modells spielt meines Erachtens nach nur eine untergeordnete Rolle in der Validierung desselben. (Selbstverständlich hängt dies natürlich auch vom letztlichen Zweck eines Modells ab.) Andererseits möchte ich betonen, dass die Unterscheidung von Modell und Modellannahme – sit venia verbo – sinnlos ist. Die Annahmen sind grundlegender Teil eines jeden Modells und können niemals davon losgelöst betrachtet werden.
  1. Max vertritt die These – zumindest habe ich das so aufgefasst – dass ökonomisches Arbeiten darin besteht, ein theoretisches Modell zu formulieren und daraufhin die Gültigkeit des proklamierten Mechanismus anhand von Daten zu bestätigen oder zu falsifizieren. Vielmehr noch meint er, dass die Gültigkeit von Annahmen durch das Füttern des Modells mit empirischen Daten und einem „guten“ (also im Rahmen der Erwartungen liegenden) Ergebnis bestätigt werden kann. Das ist zwar sicherlich eine recht praktikable Herangehensweise (wenn nicht sogar eine der wenigen tatsächlich durchführbaren), aber dennoch muss festgehalten werden, dass Daten nie und nimmer ein Modell bestätigen können. Das Beste, was erwartet werden kann, ist, dass Daten ein Modell nicht grundsätzlich widerlegen. Das heißt, dass die Aussage „Dieses Modell trifft nicht zu.“ nicht getätigt werden kann. Die Aussage „Dieses Modell ist wahr.“ ist damit aber noch lange nicht bestätigt. Zugegebenerweise legt natürlich ein Nicht-Widerlegen durch sehr viele unterschiedliche aber gleichgeartete Datensätze die Vermutung nahe, dass das Modell, welches – wie ich nochmals betonen möchte – niemals ohne seine zugrundeliegenden Annahmen gedacht werden darf, wohl nicht ganz so falsch sein wird. Aber das ist natürlich kein Beweis!
  1. Der Ton der Unterhaltung: Ich finde Moralisieren öde, weil es zum Einen eine Diskussion erstickt und zum Anderen kaum auf Interesse der Leserschaft stößt. Ich denke, wir sind alle alt genug, um selbst entscheiden zu können, welchen Ton wir in welcher Situation als angemessen erachten und es steht uns allen frei, diesen auch zu verwenden.

Bitte weitersagen: Modellannahmen sind keine Werturteile!

In einem Kommentar zu meinem letzten Blogeintrag behauptet Wolfgang Eichert frech, Modellannahmen seien Werturteile. Ich höre diese Behauptung nicht zum ersten Mal. Sie scheint besonders bei Grazer VWLern sogar fast zum Allgemeinwissen zu gehören. Nur ist sie halt – wie so oft bei Allgemeinwissen – nicht wahr.

Werturteile sind Aussagen darüber, ob man etwas gut oder schlecht, schön oder schiach findet. Sie sind subjektiv und bieten keinen Stoff für vernünftige Debatten. De gustibus non est disputandum.

Modellannahmen sind strategische Vereinfachungen, die einem helfen, die wesentlichen Aspekte der Realität von den unwesentlichen zu trennen. Ockham’s Rasiermesser verlangt, dass der Modellbauer alle unwesentlichen Aspekte aus seinem Modell raushält.

Ob ein Aspekt wesentlich ist oder nicht, ist auch kein Werturteil, sondern eine empirische Frage: Wird das Modell von den Daten bestätigt oder nicht? Das ist genau der Job von Ökonometrikern. Warum Wolfgang glaubt, dass solche Fragen in der Regel nicht objektiv beantwortbar sind, ist mir ein absolutes Rätsel. Natürlich ist es schwierig, weil ökonomische Daten noisy sind und wir keine kontrollierten Experimente machen können (abgesehen von den Experimentalökonomen). Aber das heißt nur, dass man in den Fällen, in denen die empirische Beweislage für ein Modell unklar ist, mit hochtrabenden Aussagen vorsichtig sein muss. Es heißt nicht, dass die Auswahl von Modellen eine Sache der Ideologie oder des „Geschmacks“ bleiben muss.

Wer Modellannahmen auf den Rang von Werturteilen degradiert, verhindert letztendlich eine vernünftige Diskussion über das Modell. “Ach, du glaubst also an Rationale Erwartungen? Naja, bist halt ein Neoliberaler.” Oder “Du glaubst an die Arbeitswertlehre? Verdammter Kommunist!”

Diese Einstellung ist höchst destruktiv, weil sie suggeriert, dass die Wissenschaft ein Selbstbedienungsladen ist, bei dem halt jeder an das Modell „glaubt“, das gerade am besten zu seiner ideologischen Weltanschauung passt. Und sie führt zu einem stupiden Nihilismus, der auf keine Frage mehr eine brauchbare Antwort geben kann. „Führen höhere Steuern zu geringerem Wirtschaftswachstum? Naja, das kommt drauf an: Bist du ein Roter oder ein Schwarzer?“

Kurzum: Wer darauf besteht, dass Modellannahmen Werturteile sind, verhindert einen sachlichen, datengetriebenen Diskurs über ökonomische Theorie.

Und jetzt die ganze Klasse: MODELLANNAHMEN SIND KEINE WERTURTEILE!

Varoufakis: Sehr gut, Schäuble: Nicht beurteilt, öffentliche Berichterstattung: Nicht genügend, Setzen!

20. Februar 2014.Vorläufig letzter Akt im griechischen Schuldendrama. Die deutschen Zuschauer nehmen Platz. Diejenigen, die die Darstellung schon länger verfolgen haben sich ihre Meinung längst gebildet. Einige Neuankömmlinge schlagen noch schnell die Bildzeitung auf um selbiges zu tun. Oder doch besser die F.A.Z? Egal – meint ein interessierter Leser beider Zeitschriften: gleicher Inhalt auf Hochdeutsch geschrieben. Vereinzelt mischen sich auch ein paar Österreicher unter die Gäste. Der Außenstehende merkt allerdings keinen großen Unterschied wenn es um die Bewertung des Dramas geht. Der Vorhang geht auf und die Hauptdarsteller, allen voran der griechische Finanzminister und sein deutsches Pendant betreten die Bühne. Ein Raunen geht durch die letzten Unentschlossenen: „Der Varoufakis hat doch nicht einmal eine Krawatte an“ flüstert eine gutbürgerliche Frau aus dem schönen Schwabenland ihrem Gatten ins Ohr. „Zuerst bringen die Griechen keinen ausgeglichenen Haushalt zustande und dann auch noch das.“ Nachdem sämtliche Plätze besetzt und alle Positionen bezogen sind kann der Akt beginnen. Im letzten Teil des Dramas kommt es schlussendlich zur lang ersehnten Einigung (hier das offizielle Communiqué). Die drei Tage später erfolgte Einreichung konkreter Ziele von Seiten Athens ändert an dem Konsens vom 20. Februar nichts Grundlegendes mehr. Es kommt wie es fast kommen musste: “Wolfgang Schäuble und einige andere Finanzminister, unter ihnen der österreichische, haben die weltfremden griechischen Linkspopulisten inklusive ihrer völlig unrealistischen Wahlversprechen auf den Boden der Realität zurückgeholt. Diese versuchen nun verzweifelt ihre Niederlage bei den Verhandlungen zuhause als Sieg zu verkaufen.” So könnte man die Berichterstattung deutschsprachiger Medien zum letzten Akt etwas überspitzt zusammenfassen. Sind Schäuble & Co. tatsächlich die großen Gewinner des Dramas? Angesichts des Ziels eines gemeinsamen Europas sollte man mit Begriffen wie “Gewinner” oder Verlierer” vorsichtiger umgehen. Vergeben wir stattdessen, etwas hochtrabend, Schulnoten für die Beteiligten. Diese ergeben sich je nachdem ob die Betreffenden ihre jeweiligen Ziele in den Verhandlungen erreicht haben oder nicht. Was wurde also im Communiqué konkret vereinbart?

  1. Verlängerung des aktuellen Hilfsprogramms
  2. Zusicherung der Griechen eng mit den “Institutionen” zusammenzuarbeiten
  3. Verpflichtung der Griechen zu strukturellen Reformen um dauerhaft Wachstum und Beschäftigung zu schaffen
  4. Bekämpfung von Korruption und Steuerhinterziehung
  5. Angemessene fiskalische Überschüsse oder Einnahmen/Erlöse um nachhaltige Staatsfinanzen zu gewährleisten.

Beginnen wir mit den Griechen: In aller erster Linie ging es ihnen um eine Verlängerung des aktuellen Hilfsprogramms ohne die “Austeritätspolitik” fortsetzen zu müssen. Dies sollte Athen zumindest für die kommenden Monate mit zusätzlichen Krediten versorgen. Ob auch eine dauerhafte Verlängerung basierend auf dem Abkommen geplant ist kann nur spekuliert werden. Nebenbei wollten Varoufakis & Co auch die Troika ausschalten. Punkt 2 kann man diesbezüglich so oder so verstehen: Eine “enge Zusammenarbeit” bedeutet nicht, dass die “Institutionen” weiterhin in Griechenland schalten und walten können wie es ihnen beliebt. Je nach Auslegung könnte das auch heißen, dass Tsipras und Varoufakis einmal pro Woche mit deren Vertretern Essen gehen und sich anschließend mit ihnen gemeinsam ein Gläschen griechischen Weins gönnen. Insofern kann man Punkt 2 kaum als Niederlage für Griechenland werten, zumindest nicht solange unklar ist wie diese “enge Zusammenarbeit” tatsächlich aussehen wird. Punkt 1, 3 und 4 waren mehr oder weniger ohnehin im Interesse aller Verhandlungsteilnehmer. Bedeutet: Es keilt sich bei Punkt 5. Berichtet wird in den Medien, dass Varoufakis hier die Bedingungen des bestehenden “Austeritätsabkommens” bedingungslos akzeptiert hat. Stimmt das? Hier der Text im englischen Original: “The Greek authorities have also committed to ensure the appropriate primary fiscal surpluses or financing proceeds required to guarantee debt sustainability in line with the November 2012 Eurogroup statement. The institutions will, for the 2015 primary surplus target, take the economic circumstances in 2015 into account.  Im Abkommen vom November 2012 werden bezüglich fiskalischer Nachhaltigkeit zwei konkrete Aussagen getroffen (siehe hier):

  1. Griechenland verpflichtet sich zu einem Primärüberschuss in Höhe von 4,5% des BIP im Zeitraum von 2014-2016
  2. Ziel ist eine Staatschuldenquote von 175% des BIP im Jahr 2016, eine von 124% im Jahr 2020 und eine Quote von 110% im Jahr 2022.

Man könnte meinen, dass damit “notwendige Primärüberschüsse” in Höhe von 4,5% des BIP zur Sicherstellung einer “nachhaltigen Haushaltspolitik” im Sinne der Erreichung der Vereinbarungen von Punkt 2 eindeutig definiert sind. Das ist aber ein fundamentaler Irrtum. Man kann theoretisch zeigen, dass diese beiden Ziele unter Umständen konfligierend sind. Im Falle Griechenlands wird dies von verschiedenen einflussreichen Ökonomen argumentiert (zum Beispiel hier und hier). Im juristischen Sinn beweisen kann man nicht wer hier richtig liegt. Wenn Krugman, Stiglitz & Co. aber Recht hätten, und Griechenland wird dieses Argument mit Sicherheit bringen, welches der beiden Ziele gilt dann vorrangig? Das relevantere im Bezug auf die Nachhaltigkeit der Staatsfinanzen ist unzweifelhaft unter Punkt 2 definiert. Weiters wird in der Vereinbarung von “angemessenen Primärüberschüsse ODER Einnahmen/Erlösen” (was auch immer mit Zweiterem gemeint sein mag) gesprochen. Übersetzt: Tsipras und Varoufakis können mit Berufung auf Wirtschaftsnobelpreisträger behaupten, dass man, um das relevantere Ziel Nummer 2 zu erreichen vorübergehend sogar ein neues Defizit in Kauf nehmen muss. Dieses sollte dann laut Vereinbarung, die ja nur angemessene Überschüsse ODER Einnahmen vorschreibt, auch von den anderen Ländern finanziert werden. Griechenland hat also eine Verlängerung des Hilfsprogramms erhalten und kann mit Funk und Recht behaupten, dass in der Vereinbarung keine klare Verpflichtung zu neuen Sparmaßnahmen festgelegt ist. Note für Varoufakis daher: SEHR GUT. Kommen wir zu Wolfgang Schäuble und den übrigen “Hardlinern” unter den Finanzministern. Haben sie sich von geschickten Griechen einfach “über den Tisch ziehen lassen”? Das ist angesichts ihrer gewaltigen Beraterstäbe doch eher unwahrscheinlich. Was waren dann ihre eigentlichen Ziele? Die “Sparpolitik” um jeden Preis durchsetzen? Griechenland aus der Eurozone hinauswerfen? Still und leise einen Kurswechsel einleiten? Zuhause als unnachgiebig erscheinen? Darüber kann man nur mutmaßen. In den Medien als “Sieger” im Schuldenstreit gefeiert zu werden gehörte aber unzweifelhaft dazu. Das haben sie erreicht, ob sie ihre sonstigen Ziele durchgesetzt haben kann man nicht bewerten. Fazit: NICHT BEURTEILT. Kommen wir zu denjenigen, die den Finanzministern diesen “Sieg” ermöglicht haben. Wenn die vorderen Überlegungen richtig sind, dann hat der öffentliche Meinungsbildungsprozess hier völlig versagt. Auf den ersten Blick ist es einleuchtend, dass die Schuldenquote durch die Erzielung von Haushaltsüberschüssen zwangsläufig gesenkt wird. Die für das griechische Beispiel plausible Möglichkeit, dass diese Politik aber zu einem Rückgang der Wirtschaftsleistung führt, der den positiven Effekt der Überschüsse auf die Staatsschuldenquote mehr als aufhebt, erfordert etwas genauere Kenntnis der Problematik. Genau das sollte aber dann von Ökonomen, Wirtschaftsjournalisten und Politikern aufgezeigt werden. Die Öffentlichkeit hat ein Recht zu erfahren, wie ein Abkommen, in dem es um Abermilliarden an Steuergeldern geht, interpretiert werden sollte. Es mag einige geben, die froh darüber sind, dass das im konkreten Fall nicht funktioniert hat. Ein solches “Institutionenversagen” bei derart zentralen Themen ist für eine demokratische Gesellschaft auf die Dauer aber gefährlich. Note für die öffentliche Berichterstattung: NICHT GENÜGEND, SETZEN! Die gutbürgerliche schwäbische Frau geht hingegen an der Seite ihres Gatten zufrieden nach Hause. „Ohne Krawatte kann man eben keine Verhandlungen gewinnen, sag ich immer…“

Sind Staatsschulden eine Belastung für unsere Kinder?

Dass Staatschulden eine Belastung für zukünftige Generationen sind, gehört zu den Dingen, die nun wirklich jedes Kind über die Volkswirtschaft weiß – neben der Tatsache, dass unbegrenztes Wirtschaftswachstum unmöglich ist, und dass eine negative Leistungsbilanz schlecht für ein Land ist.

Leider ist das, was jedes Kind über die Volkswirtschaft weiß, falsch. Die Frage ist nur wie falsch. Völlig falsch? Unter Umständen richtig, aber in der Regel falsch? Oder unter Umständen falsch aber in der Regel richtig?

Sagen wir unsere Regierung beschließt jedem österreichischen Haushalt 100 Euro zu schenken. Finanziert wird das über eine neue Anleihe mit einer Laufzeit von 30 Jahren (einer Generation). Belastet diese Staatsschuld die zukünftige Generation?

Ja sicher: Die zukünftige Generation wird höhere Steuern zahlen müssen um die Anleihe zu bedienen. Angenommen der Zinssatz beträgt r und das Bevölkerungswachstum n, dann muss jeder zukünftige österreichische Haushalt 100*(1+r)/(1+n) Euro an zusätzlichen Steuern schultern.

Unsinn: Die zukünftige Generation erbt ja auch die Anleihen, die ihre Eltern gekauft haben! Die Zusatzsteuern, die sie zahlen müssen, fließen ihnen selbst zu, weil sie die Anleihen halten. Ihre Eltern haben ihr „Geschenk“ vom Staat selbst finanziert indem sie die Anleihen gezeichnet haben. Für die zukünftige Generation entsteht überhaupt keine Belastung.

Moment mal: Da haben wir aber ein paar implizite Annahme gemacht. Wer sagt denn, dass die gesamte Anleihe an die nächste Generation weitervererbt wird? In der Realität erbt nicht jeder Haushalt was, und nicht alle Haushalte haben Nachkommen, denen sie was vererben könnten. Was, wenn die erste Generation die Staatsschulden an die nächste Generation verkauft anstatt vererbt?

Sagen wir die erste Generation hat die Anleihe als Altersvorsorge gekauft (entweder direkt oder über eine Pensionsversicherung) in der Erwartung sie im Alter wieder verkaufen zu können. Zunächst bekommt jeder Haushalt der ersten Generation 100 Euro vom Staat und zeichnet Staatsanleihen im gleichen Wert. Wenn die erste Generation in den wohlverdienten Ruhestand übergeht, verkauft jeder Althaushalt die Anleihe an einen jungen Haushalt der nächsten Generation um 100*(1+r) Euro. Nach 30 Jahren – die erste Generation ist mittlerweile tot – hebt der Staat von jedem Haushalt der zweiten Generation 100*(1+r)/(1+n) Euro an zusätzlichen Steuern ein und begleicht damit seine Schuld gegenüber dem Haushalt in derselben Höhe. Somit hat sich die erste Generation um 100 Euro bereichert – zu Lasten ihrer Kinder!

Okay, aber das ist wohl auch kein realistisches Szenario. Die Wahrheit liegt wie immer irgendwo dazwischen: Sagen wir ein Anteil s der Staatsschulden wird vererbt und der Rest verkauft. Dann beträgt die Belastung der zukünftigen Generation nur 100*(1-s)*(1+r)/(1+n) pro Haushalt.

Moment, es geht noch weiter: Wer sagt denn, dass die Anleihen nur von österreichischen Haushalten gehalten werden? Was, wenn die Staatsschulden in den Händen ausländischer Haushalte sind? Sagen wir der Anteil der von Inländern gehaltenen Staatschulden beträgt d. Dann muss jeder Haushalt der zukünftigen Generation 100*(1-d)*(1+r)/(1+n) Euro an ausländische Gläubiger zahlen. Die Last der Staatsschulden verteilt sich dann wie folgt: die erste Generation trägt 100*d*s*(1+r) Euro pro Haushalt, die zweite Generation 100*(1-d*s)*(1+r)/(1+n).

Zum Beispiel: d=1/3, s=1/2, r=10%, n=5%. Dann beträgt die Last der Staatsschulden für die erste Generation 17,5 Euro und für die zweite 87,3 Euro pro Haushalt. Gemessen in Gegenwartswerten wird somit die erste Generation zu Lasten der zweiten Generation um 83,3 Euro bereichert.

Das heißt, die populäre Doktrin, dass Staatsschulden unsere Kinder belasten, stimmt in aller Regel. Nur dann, wenn die gesamte Staatsschuld im Inland gehalten und zur Gänze an die nächste Generation vererbt statt verkauft wird, ist sie falsch.