Bitte weitersagen: Modellannahmen sind keine Werturteile!

In einem Kommentar zu meinem letzten Blogeintrag behauptet Wolfgang Eichert frech, Modellannahmen seien Werturteile. Ich höre diese Behauptung nicht zum ersten Mal. Sie scheint besonders bei Grazer VWLern sogar fast zum Allgemeinwissen zu gehören. Nur ist sie halt – wie so oft bei Allgemeinwissen – nicht wahr.

Werturteile sind Aussagen darüber, ob man etwas gut oder schlecht, schön oder schiach findet. Sie sind subjektiv und bieten keinen Stoff für vernünftige Debatten. De gustibus non est disputandum.

Modellannahmen sind strategische Vereinfachungen, die einem helfen, die wesentlichen Aspekte der Realität von den unwesentlichen zu trennen. Ockham’s Rasiermesser verlangt, dass der Modellbauer alle unwesentlichen Aspekte aus seinem Modell raushält.

Ob ein Aspekt wesentlich ist oder nicht, ist auch kein Werturteil, sondern eine empirische Frage: Wird das Modell von den Daten bestätigt oder nicht? Das ist genau der Job von Ökonometrikern. Warum Wolfgang glaubt, dass solche Fragen in der Regel nicht objektiv beantwortbar sind, ist mir ein absolutes Rätsel. Natürlich ist es schwierig, weil ökonomische Daten noisy sind und wir keine kontrollierten Experimente machen können (abgesehen von den Experimentalökonomen). Aber das heißt nur, dass man in den Fällen, in denen die empirische Beweislage für ein Modell unklar ist, mit hochtrabenden Aussagen vorsichtig sein muss. Es heißt nicht, dass die Auswahl von Modellen eine Sache der Ideologie oder des „Geschmacks“ bleiben muss.

Wer Modellannahmen auf den Rang von Werturteilen degradiert, verhindert letztendlich eine vernünftige Diskussion über das Modell. “Ach, du glaubst also an Rationale Erwartungen? Naja, bist halt ein Neoliberaler.” Oder “Du glaubst an die Arbeitswertlehre? Verdammter Kommunist!”

Diese Einstellung ist höchst destruktiv, weil sie suggeriert, dass die Wissenschaft ein Selbstbedienungsladen ist, bei dem halt jeder an das Modell „glaubt“, das gerade am besten zu seiner ideologischen Weltanschauung passt. Und sie führt zu einem stupiden Nihilismus, der auf keine Frage mehr eine brauchbare Antwort geben kann. „Führen höhere Steuern zu geringerem Wirtschaftswachstum? Naja, das kommt drauf an: Bist du ein Roter oder ein Schwarzer?“

Kurzum: Wer darauf besteht, dass Modellannahmen Werturteile sind, verhindert einen sachlichen, datengetriebenen Diskurs über ökonomische Theorie.

Und jetzt die ganze Klasse: MODELLANNAHMEN SIND KEINE WERTURTEILE!

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5 thoughts on “Bitte weitersagen: Modellannahmen sind keine Werturteile!

  1. Ich mag spannende intellektuelle Diskussionen sehr, aber nur, wenn dabei prinzipielle Mindeststandards erfüllt sind. Dies betrifft unter anderem das korrekte Zitieren von Inhalten.

    Ich schreibe “Die Entscheidung, welche nötigen und vereinfachenden Annahmen getroffen werden liegt natürlich beim Modellbauer und sind in einem starken Ausmaß Werturteile”. Daraus wird plötzlich “In einem Kommentar zu meinem letzten Blogeintrag behauptet Wolfgang Eichert frech, Modellannahmen seien Werturteile”.

    Das geht so nicht! Aber wirklich nicht! Ganz und gar nicht! Das ist falsch, populistisch, billig und hat in einer wissenschaftlichen Diskussion nichts zu tun. Das wurde so nie gesagt und ist eine reine Unterstellung.

    Natürlich sind Annahmen falsifizierbar oder vorläufig bestätigbar im Popper’schen Sinne und damit ganz klar keine Werturteile. Die Entscheidung des Modellbauers selbst (ich zitiere mich erneut: “ich glaube diese Annahmen bilden die Realität in Hinblick auf die Untersuchungsfrage hinreichend ab”) ist jedoch ein höchst subjektive, nicht widerlegbare (“ich glaube”) und fällt damit in die normative Kategorie. Ein Glaubenssatz (“ich glaube an Gott”, “ich glaube nicht an Gott”) ist immer ein Werturteil. Wer kann widerlegen, was ich glaube? Genau das habe ich gesagt. Max Weber folgend ist schon die Auswahl des Forschungsgegenstands durch den Wissenschaftler ein Werturteil (“das ist wichtig”). Wieso sollte es bei der Auswahl der Annahmen fundamental anders sein?

    Ein paar weitere Anmerkungen (alles natürlich Werturteile):

    Ich glaube nicht, dass Adjektive wie “frech” in einer seriösen wissenschaftlichen Debatte Platz haben.
    Ich glaube nicht, dass Sätze mit lauter Großbuchstaben automatisch einen höheren Wahrheitsgehalt aufweisen.
    Ich glaube nicht, dass das Wiederholen von Inhalten durch die Klasse ein probates didaktisches Mittel ist.

    So lange auf diesem Blog Unterstellungen gemacht werden, werde ich mich auch nicht mehr weiter dazu äußern.

  2. Also ich weiß echt nicht wo ich anfangen soll… vielleicht bei: Ich schließe mich dem obigen Beitrag an und bin dafür, dass wir diesen Post löschen. Sorry, Max, aber das ist echt nicht unser Niveau…
    “Sie scheint besonders bei Grazer VWLern sogar fast zum Allgemeinwissen zu gehören?”
    Ich mein, ohne Spaß…

    • Ich finde wir sollten hier am Boden bleiben. Natürlich habe ich Wolfis Position überspitzt formuliert um meinen Punkt deutlich zu machen. Aber das hier ist ein Blog, und da muss es erlaubt sein gegensätzliche Standpunkte ein bissl schroffer zu formulieren als man das in einem Journal-Artikel tun würde. Es steht jedem, der sich von mir falsch verstanden fühlt, frei seine Position zurecht zu rücken und meine Argumentation anzugreifen – genau das tut Wolfi ja hier. Wir brauchen uns dabei nicht die Samthandschuhe anzuziehen.

  3. Ich finde den Post extrem aggressiv und er erinnert mich im Ton am ehesten an die Bild-Zeitung. Jedem steht seine eigenen Meinung zu, aber man kann sie auch so formulieren, dass man dabei nicht Einzelpersonen, gesamte VWL Fakultäten und jeden beleidigt, der NICHT seiner Meinung ist. Denn seine Meinung darzustellen und gleichzeitig andere Meinungen niederzumachen und zu behaupten sie führen zu einem “stupiden Nihilismus” und was weiß ich, kreiert sicherlich keine Diskussionskultur. Einen gewissen Respekt und eine gewisse Höflichkeit vorauszusetzen hat mit “Samthandschuhen” meiner Meinung nach nichts zu tun… aber mach was du willst, ich muss es ja nicht lesen.

    PS: Und, btw, ich glaube sehr wohl, dass viele Modellannahmen eher wertbasiert als wissenschaftlich fundiert sind, denn da ein Modell nie die Realität vollständig abbildet, so wie eine Karte nie die Welt vollständig abbildet, obliegt es immer dem Urteil desjenigen, der modelliert, welche vereinfachenden Annahmen er trifft und welches die WESENTLICHEN Teile sind, die er nicht vereinfachen darf (und darüber scheiden sich die Geister wohl ganz dramatisch). Ich glaube, du musst zwischen dem Modell selbst und, wenn dies der Zweck des Modelles ist, seiner Funktion einen Teil der Realität abzubilden unterscheiden. Im letzten Fall, kannst du meiner Meinung nach nie wissenschaftlich feststellen, ob deine Annahmen wirklich korrekt sind bzw. ob du die richtigen Annahmen getroffen hast, denn auch Modelle mit falschen Annahmen generieren richtige Forecasts und vice versa. In ersterem Fall würde ich das Modell mit einem logischen Argument vergleichen und das kann deduktiv korrekt sein, wie ein mathematischer Beweis eben einfach logisch richtig ist, … das hat dann mit Werturteilen wirklich wenig zu tun. Denn das fragt dann nicht nach der Richtigkeit der Annahmen, sondern nur danach, ob wenn diese zutreffen, die Conclusio zutrifft.

  4. Pingback: Re: Bitte weitersagen: Modellannahmen sind keine Werturteile! | Graz Economics Blog

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