Draghis Nullzinspolitik, Friedmans Regel und die deutsche Presse

Die deutsche Presse ist völlig aus dem Häuschen. Nein, nicht wegen der andauernden Flüchtlingskrise, auch nicht wegen Griechenland, nicht einmal Fußball ist der Grund des Aufruhrs. Der Grund ist die jüngste Entscheidung der Europäischen Zentralbank den Hauptrefinanzierungssatz (vulgo Leitzins) von 0,05% auf 0,00% zu senken.

Na mehr brauchst’ nicht.

Die Süddeutsche Zeitung titelt „Draghi kennt keinen halt mehr“, die Welt legt noch eins drauf: „Mario Draghi raubt der Welt des Geldes das Fundament“, „Ist das Mario Draghis letzte Schlacht?“ fragt Spiegel-Online und die FAZ raunt: „Wie geht es weiter mit dem Euro?“

Nun, wie ich auf diesem Blog schon früher einmal festgestellt habe, macht Geld eben verrückt – sogar die biedere deutsche Wirtschaftspresse. Aber hier scheint mir das Maß der monetären Manie neue Höchststände zu erreichen. Nehmen wir den „Welt“-Artikel her. Dieser wirft Draghi vor Inflationserwartungen zu schüren – in deutschen Augen die schlimmste Sünde für einen Geldpolitiker – und erklärt ohne jeden Anschein von Ironie nur wenige Zeilen davor, dass die Niedrigzinspolitik weitgehend wirkungslos gewesen sei. Er beklagt, dass die EZB den Banken jetzt kostenlos Geld leiht, und wirft ihr gleichzeitig vor, dass sie die „Profitabilität der Geldhäuser massiv unter Druck“ bringe. Die Nullzinspolitik, so die „Welt“, setze alle Regeln des Marktes außer Kraft.

Wie reagiert der gute Ökonom auf solchen Unsinn? Ein guter Anfang ist wie immer bei Milton Friedman zu finden.

Jeder weiß, dass Friedman den Monetarismus begründet hat. Das ist jene Doktrin, der zufolge die Zentralbank für ein möglichst konstantes Wachstum der Geldmenge zu sorgen hat. Wenige wissen, dass Friedmans Monetarismus eine einfache Regel für den optimalen Nominalzins impliziert. Das optimale Zinsniveau beträgt – die Spannung steigt – null.

Das Argument, warum der Nullzins optimal ist, sollte nicht schwer zu verstehen sein. Die Regel für die optimale Bereitstellung von Geld ist dieselbe wie die für die optimale Bereitstellung von Wiener Schnitzeln. Die privaten Grenzkosten des Schnitzelkonsums (also die Menge an anderen Gütern, auf die die einzelne Konsumentin verzichten muss, wenn sie ein zusätzliches Schnitzel isst) muss gleich sein den sozialen Grenzkosten der Schnitzelproduktion (die Menge an anderen Gütern, auf die die Gesellschaft verzichten muss, wenn sie ein zusätzliches Schnitzel produziert). Die optimale Geldmenge ist erreicht, wenn die privaten Kosten der Geldhaltung gleich den sozialen Kosten der Geldproduktion sind. Die privaten Kosten der Geldhaltung sind die nominalen Zinserträge, auf die ich verzichte, wenn ich mein Vermögen in Form von Geld halte anstatt in Anleihen und andere Wertpapiere zu investieren. Die sozialen Kosten der Geldproduktion sind praktisch null. Euroscheine zu drucken kostet fast nichts, digitales Buchgeld zu schaffen genau nichts. Ergo sollte die Zentralbank genau so viel Geld bereitstellen, dass der Nominalzins auf null sinkt.

Aber was ist mit Inflation? Heizt eine Nullzinspolitik nicht die Preissteigerung an? Nein. Die Inflation wird, zumindest langfristig, vom Wachstum der Geldmenge bestimmt und nicht von ihrem Niveau. Eine Nullzinspolitik ist vereinbar mit einer wachsenden, fallenden oder gleichbleibenden Geldmenge und daher mit Inflation, Deflation oder perfekter Preisstabilität. (Friedmans ursprüngliche Analyse verlangt im Optimum eine leichte Deflation.)

Und die Banken? Werden die durch die Nullzinspolitik nicht zu immer riskanteren Investitionen gedrängt? Wieder daneben. Ich bin eine Bank. Investition A garantiert eine Rendite von 4% jährlich. Investition B bringt 10% oder 0% mit gleichen Wahrscheinlichkeiten. Wenn ich, solange der Leitzins bei 1% lag, Investition A gegenüber Investition B bevorzugt habe, warum sollte ich meine Präferenz ändern wenn der Leitzinssatz auf 0% sinkt?

Damit hier kein falscher Eindruck entsteht sollte ich vielleicht darauf hinweisen, dass Friedmans Regel eher wenig mit der jüngsten Zinsentscheidung der EZB zu tun hat. Mario Draghi weiß bestimmt, dass diese Regel, obwohl hilfreich als eine erste Annäherung an gute Geldpolitik, in unserer komplexen Realität nicht ganz optimal ist.

Wenn er an eine Regel denkt, dann wohl eher an die Taylor-Regel, die grob besagt, dass der Nominalzinssatz sich an der Inflation und der „Outputlücke“ (Differenz zwischen tatsächlichem BIP und seinem „natürlichen“, d.h. idealen Niveau) orientieren sollte. Gemäß der Taylor-Regel sollte der Leitzinssatz schon seit geraumer Zeit nicht null, sondern negativ sein. Weil aber der Nominalzins nicht negativ sein kann (der Beweis dieser Aussage ist dem geneigten Leser überlassen!), ist null die nächstbeste Alternative.

Wie dem auch sei, die EZB-Politik der Nullzinsen steht durchaus im Einklang mit der ökonomischen Lehrmeinung. Das heißt selbstverständlich nicht automatisch, dass sie auch richtig ist. Aber die Hysterie, mit der sie in deutschen Medien diskutiert wird, basiert weitgehend auf ökonomischem Analphabetismus.

(Die andere geldpolitische Entscheidung der EZB, den Aufkauf von Staatsanleihen auszuweiten, steht auf wesentlich dünnerem Eis – aber davon ein andermal.)

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