Das Schulbuch-Debakel und das Imageproblem der Ökonomik

Timon Scheuer lenkt meine Aufmerksamkeit auf einen Artikel auf NZZ.at, den wir beide zunächst für einen Aprilscherz hielten. Doch nun ist es traurige Gewissheit: Das Niveau des Wirtschaftskundeunterrichts an Österreichs Schulen ist wirklich unter jeder Sau.

Das belastende Beweismaterial: ein neues Wirtschaftskunde-Schulbuch, das völlig zu Recht den Spott und Hohn der NZZ-Redakteure auf sich gezogen hat. Österreichs Ökonomieprofessoren (darunter einige Grazer) haben auch schon mit einem offenen Brief an das Bildungsministerium reagiert. Um das gesamte Ausmaß der Katastrophe einschätzen zu können, sollte man auch den Text des Schulbuchs lesen, den der verantwortliche Veritas-Verlag dankenswerter Weise online zur Verfügung gestellt hat.

Tiefpunkt des Lehrbuchs und Auslöser des Skandals ist eine Grafik auf Seite 89, die verschiedene ökonomische Denkschulen abbildet. Links außen steht Keynes als Begründer des Keynesianismus, ihm gegenüber Hayek als Vertreter des Neoliberalismus, ein gewisser Friedmann, der als Begründer des Monetarismus vorgestellt wird, an der Spitze natürlich Marx (wer sonst?) und – jetzt kommt’s – mitten drin Christian Felber als Begründer der Gemeinwohlökonomie. Da staunt der Laie und der Fachmann wundert sich.

Laut eigenem Lebenslauf hat Felber nach seinem Spanischstudium als „zeitgenössischer Tänzer und Performer“ gearbeitet bevor er Attac-Österreich mitgegründet und das Buch „Gemeinwohl-Ökonomie“ geschrieben hat. Klingt spannend. Was ist das? „Gemeinwohl-Ökonomie bezeichnet ein Wirtschaftssystem, das auf gemeinwohlfördernden Werten aufgebaut ist. Die Gemeinwohl-Ökonomie ist ein Veränderungshebel auf wirtschaftlicher, politischer und gesellschaftlicher Ebene – eine Brücke von Altem zu Neuem.“ Wenn Sie jetzt sagen, das kann doch aber nicht alles gewesen sein, können Sie sich hier vertiefen. Ich hatte bis heute nicht den Nerv mich durch das Dickicht aus abgedroschenen Phrasen und Gemein(wohl-)plätzen hindurch zu quälen, das vom intellektuellen Anspruch her irgendwo zwischen dem Ikea-Katalog und dem „Wachturm“ rangiert.

Genug der Häme. Es ist immer leicht über etwas herzuziehen, das man nur vom Hörensagen kennt; und immerhin hat Felber eine Utopie und stellt sie zur öffentlichen Diskussion. Trotzdem bleibt die Frage wie die Utopien eines politischen Aktivisten als „alternative Wirtschaftstheorie“ in ein AHS-Schulbuch gelangt.

Die Antwort ist einfach: Die Autoren des Schulbuchs, genauso wie die breite Öffentlichkeit, sehen Wirtschaftstheorie immer nur im Hinblick auf ihre politischen Implikationen. Es gibt keine Trennung zwischen positiver und normativer Wirtschaftswissenschaft. Keynesianismus ist die Theorie, dass der Staat die Konjunkturzyklen stabilisieren soll, Marxismus die Theorie, dass der Staat die Produktionsmittel besitzen soll, Neoliberalismus die Theorie, dass der Staat so wenig wie möglich tun soll. Volkswirtschaftslehre als ein buntes Nebeneinander von wirtschaftspolitischen Ideologien, wo sich jeder nach seinem Geschmack was Passendes aussuchen kann. Das ist der Eindruck, den das Schulbuch vermittelt.

Woher kommt das?

Ich glaube das kommt zu einem großen Teil daher, wie sich die Volkswirtschaftslehre lange Zeit nach außen präsentiert hat und es teilweise immer noch tut. Viel zu oft macht die VWL einen zerstrittenen, politisch gefärbten und unwissenschaftlichen Eindruck. Manchmal wird dieses Image von den Medien bewusst geschürt, indem sie selbsternannte Starökonomen zu führenden Vertretern der Wissenschaft hochstilisiert (man denke nur an Heiner Flassbeck oder Stephan Schulmeister). Doch oft sind wir einfach selber schuld, z.B. wenn Gene Fama und Robert Shiller gleichzeitig den Nobelpreis bekommen. Da kann ja nur Verwirrung rauskommen. Auch ist es nicht unbedingt hilfreich, dass viele große Ökonomen der Vergangenheit im weitesten Sinne politische Aktivisten waren: Adam Smith für den klassischen Liberalismus, Karl Marx für den Sozialismus, Milton Friedman für den Neoliberalismus, Joseph Stiglitz für die soziale Marktwirtschaft usw.

Das öffentliche Image von Ökonomen als politisierende Streithähne steht für mich jedenfalls in krassem Widerspruch zur Realität der VWL im 21. Jahrhundert. Lesen Sie ein gut verständliches Fachjournal wie das Journal of Economic Perspectives oder den Wissenschaftsteil des Economist oder den Graz Economics Blog und Sie werden sehen, dass Ökonomik heute eine stark empirisch ausgerichtete, thematisch breite und weitgehend ideologiefreie Wissenschaft ist. Die typische Fachpublikation sieht so aus: Hier ist meine Theorie, hier sind meine Daten, hier das Ergebnis des Tests der Theorie.

Das war nicht immer so. Bis in die 70er-Jahre war die VWL sehr theorielastig und ökonometrische Methoden noch relativ unterentwickelt. Der relative Preis von empirischer Forschung war hoch: Daten waren nur schwer zugänglich und Regressionsrechnungen mühsam. Computer und Internet haben die Angebotskurve von empirischer Ökonomik gehörig nach außen verschoben und damit die Disziplin grundlegend gewandelt.

Ihr Image hat diesen Wandel nur leider nicht mitvollzogen. Und so kommt es, dass ein österreichisches Schulbuch Keynesianismus und Monetarismus immer noch als widerstreitende Theorien darstellt, obwohl Christopher Sims und seine Vektor-Autoregressionen diesen Streit vor Jahrzehnten beendet haben; dass Hayek und Marx und als Vertreter „alternativer Theorien“ vorgestellt werden, die für die moderne Volkswirtschaft ungefähr so viel Relevanz haben wie Aristoteles für die moderne Physik oder Galenus für die moderne Medizin.

Was sollte nun ein Schulbuch über Volkswirtschaftslehre enthalten?

Gute Frage. Meiner Meinung nach sollte ein Schulbuch drei Dinge tun: Einen Überblick über den Gegenstandsbereich geben (Womit beschäftigen sich Ökonomen?), in grundlegende Konzepte und Methoden einführen (Was heißt Wirtschaftswachstum?) und vor allem Neugierde am Fach wecken. Für letzteres eignen sich Experimente der Verhaltensökonomik besonders gut. Beispielsweise könnte das Schulbuch eine Anleitung für das Ultimatum-Spiel enthalten, das die Schüler durchführen, auswerten und diskutieren könnten. Das Prinzip des komparativen Vorteils, die Preisbildung auf einem Wettbewerbsmarkt oder das Gefangenendilemma sind für Gymnasiasten nicht schwer zu verstehen, vielseitig anwendbar und unglaublich wertvoll.

Ein intelligenter Schüler, der diese drei Konzepte verstanden hat, wird schnell selbst erkennen, warum die Utopien des Herrn Felber zum Scheitern verurteilt sind.

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