Reinhard Selten (October 5, 1930 – August 23, 2016)

Heute habe ich per Post die neueste Ausgabe des German Economic Review, ein „Special Issue in Honor of Reinhard Selten’s 85th birthday“ bekommen und gleichzeitig zu meiner Trauer erfahren, dass Reinhard Selten, einer der Begründer der modernen Spieltheorie und Wirtschaftsnobelpreistäger 1994 (gemeinsam mit John Nash und John Harsanyi), gerade vor einigen Tagen  verstorben ist. Die Wirtschaftswissenschaften haben damit einen ihrer bedeutendsten Vertreter verloren.

Spieltheorie ist eine mathematisch formalisierte (stets wachsende) Sammlung von Theorien und Konzepten über strategische Interaktion.  In erster Linie geht es um die strategische Interaktion zwischen Menschen, aber inzwischen beschäftigt sich die Spieltheorie auch mit der Interaktion von Tieren, Pflanzen, und sogar Computern (wie z. Bsp. programmierte miteinander interagierende Server im Internet).

Reinhard Selten’s bekannteste Beiträge zu dieser Theoriensammlung sind seine bereits 1965 (auf deutsch) verfasste Arbeit über teilspielperfekte Gleichgewichte sowie seine 1975 (auf englisch) erschienene Arbeit über „trembling hand perfect equilibria“. Selten hat erkannt, dass sich die damals bekannten Theorien des menschlichen Handelns in strategischer Interaktion nicht sehr gut oder nicht sehr glaubhaft auf Probleme anwenden ließen, in denen es eine zeitliche Struktur gibt, das heißt Situationen, in denen ein Akteur vor einer anderen Akteurin handelt. Damals bekannte Theorien (Gleichgewichtskonzepte) konnten nicht gut mit unglaubwürdigen Drohungen umgehen. Was ist eine unglaubwürdige Drohung? Zum Beispiel mein Kind sagt mir, dass, wenn es jetzt nicht sofort ein Eis bekommt, es nie wieder überhaupt irgendetwas essen wird. Wenn ich meinem Kind das glaube und an ihm hänge, dann gebe ich ihm lieber ein Eis. Das ist ein Nash-Gleichgewicht (nach John Nash) in diesem Spiels zwischen mir und meinem Kind. Es ist aber kein teilspielperfektes Gleichgewicht (nach Reinhard Selten), denn ich sollte mir in dieser Situation überlegen, ob mein Kind das Essen dann auch wirklich dauerhaft verweigern wird, oder ob mein Kind dann nicht doch vielleicht noch einmal von neuem sein Verhalten „optimiert“ und wieder etwas isst, auch wenn es kein Eis bekommen hat. Dieselbe (eventuell bedeutendere) Situation, und der Grund, warum Reinhard Selten den Nobelpreis in den Wirtschaftswissenschaften bekommen hat und nicht in den Erziehungswissenschaften, ergibt sich, wenn eine bestehende Firma einem potentiellen Konkurrenten damit droht, dass sie bei einem Markteintritt des potentiellen Konkurrenten einen Preiskrieg ohne Rücksicht auf Verluste beginnen wird. Wenn dieser Drohung geglaubt wird, sollte sich der potentielle Konkurrent zwar davor hüten, in den Markt einzutreten, aber er sollte dieser Drohung wahrscheinlich nicht ohne weiteres Glauben schenken.

Reinhard Selten hat also den Begriff der sequentiellen Rationalität, eine Art Hyperrationalität, die manchmal, aber nicht immer plausibel ist, in die Spieltheorie eingeführt. Er hat sich aber auch von Beginn an mit Abschwächungen von Rationalität beschäftigt und war einer der ersten, die auch konsequent spieltheoretische Versuche durchgeführt haben. So hat er bereits 1984 das BonnEconLab, ein ganzes Labor für eben solche Zwecke an der Universität Bonn, gegründet, das damit sicher eines der ersten solcher Labors weltweit war. Inzwischen gibt es wahrscheinlich Hunderte solcher Labors weltweit.  Er hat mit seiner Forschung unter anderem auch seine Schülerin, Koautorin und Professorin an der Universität Graz, Ulrike Leopold-Wildburger, angeregt und die Universität Graz übrigens auch einige Male besucht.

Reinhard Selten hat sich auch mit evolutionärer Spieltheorie beschäftigt, um feststellen zu können, welche Abweichungen von rationalem Verhalten evolutionär plausibler sind als andere. Er war hiermit auch einer der ersten, der die Spieltheorie nicht nur auf das Verhalten von menschlichen Akteuren, sondern auch auf das von Tieren und sogar Pflanzen anwendbar gesehen hat.

Ich habe Reinhard Selten persönlich leider nur einmal erlebt, bei einer Summer School zu Bounded Rationality in Steyr vor etwa fünfzehn Jahren. Allerdings war das schon ein Erlebnis. Zwei Dinge sind mir noch besonders gut in Erinnerung. Sein Vortrag natürlich aber vor allem ein knapper Kommentar, den Reinhard Selten zu einem anderen Vortrag abgab. Bei einem Vortrag eines prominenten Verhaltensforschers, der Abweichungen von „Standardrationalität“ mit alternativen und sehr konkreten Nutzenfunktionen über das eigene materielle Wohl sowie das materielle Wohl anderer zu erklären versuchte, rief er aus dem Publikum nur: „utility is futility!“, was ich als klare, wenn auch nicht ganz ausformulierte, Kritik an diesem Vorgehen interpretiert habe – eine Kritik, die ich mir seither, nach langem Nachdenken über die Schlußfolgerungen, die man aus ihr ziehen kann, in meiner Forschung zu Herzen nehme.

 

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One thought on “Reinhard Selten (October 5, 1930 – August 23, 2016)

  1. Ich kann mich nur anschließen, dass wir mit Reinhard Selten einen der wichtigsten Wirtschaftswissenschaftler der Nachkriegszeit verloren haben. Ich durfte Selten bei mehreren Veranstaltungen erleben und hatte insbesondere bei den Tagungen der Gesellschaft für Experimentelle Wirtschaftsforschung immer wieder Gelegenheit, auch längere Gespräche mit ihm zu führen. Er machte es sich zum Prinzip, Tagungen an welchen er teilnahm, immer von Beginn bis Ende zu besuchen, womit er sich von vielen ähnlich hochrangigen Vertreterinnen und Vertretern des Fachbereichs abhob. Gerade dieses Prinzip erlaubte es aber auch gerade jüngeren Kolleginnen und Kollegen, ihn persönlich anzusprechen und von seinem Fachwissen, seiner Erfahrung und natürlich seinem einzigartigen Verstand zu profitieren.

    Reinhard Selten wird mir gerade dafür besonders in Erinnerung bleiben: für seine Neugierde und seine immerwährende Bereitschaft, Kolleginnen und Kollegen für ihre Ideen und Forschungspläne als “Sounding Board” mit guten Ratschlägen und kritischen Anmerkungen zur Verfügung zu stehen.

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