Ist Rechtsvertretung ein Nullsummenspiel?

Timon wirft auf Facebook eine interessante Frage auf. Er zitiert aus einem Artikel von Adair Turner: “But many higher-paid jobs may play no role in driving productivity improvement. If more people become more highly skilled lawyers, legal cases may be fought more effectively and expensively on both sides, but with no net increase in human welfare.“ Stimmt es, dass Rechtsanwälte keinen Netto-Wohlfahrtsgewinn erzeugen? Schließlich ist ja in einem Rechtsstreit der Gewinn des einen der Verlust des anderen.

Angenommen, Timon behauptet, Max habe ihn in seinen Rechten verletzt, und klagt ihn an. Die Rechtslage ist nicht ganz klar. Im besten Fall (aus Timons Sicht) muss Max 2000 Euro an Timon zahlen, im schlechtesten Fall muss er gar nichts zahlen.

In ihrem Größenwahn beschließen Timon und Max auf Anwälte zu verzichten und ihre Rechtsvertretung selbst in die Hand zu nehmen. Nachdem sie vom Recht keine Ahnung haben, ist der Ausgang des Gerichtsverfahrens rein zufällig, sagen wir genau 50-50. Der erwartete Gewinn aus dem Gerichtsverfahren für Timon beträgt somit 1000 Euro mit einer Standardabweichung von 1414 Euro. Was Timon gewinnt, verliert Max.

Timon könnte eine Anwältin heranziehen, die aufgrund ihrer Expertise im relevanten Rechtsgebiet, den für Timon schlechtesten Fall verhindern kann. Max kann seinerseits verhindern, dass er die Höchststrafe von 2000 zahlen muss, indem er sich eine Anwältin nimmt. Wenn beide Kontrahenten sich von ihren Anwältinnen vertreten lassen, geht das Gerichtsverfahren mit je 50 Prozent Wahrscheinlichkeit so aus, dass Max 500 Euro oder 1500 Euro zahlen muss. Der erwartete Gewinn für Timon (Verlust für Max) beträgt also wieder 1000 Euro, aber die Standardabweichung ist auf die Hälfte (707 Euro) gesunken!

Wie viel wären Timon und Max bereit für ihre Anwältinnen auszugeben? Das hängt von ihrer Risikoaversion ab. Je höher ihre Risikoaversion, desto mehr werden sie für ihre Rechtsvertretung ausgeben.

Der springende Punkt dabei ist: Die Anwältinnen nutzen beiden Streitparteien, nicht weil sie den Gewinn oder Verlust, den sie aus dem Rechtsverfahren erwarten können, verändern, sondern weil sie das Risiko (also die Standardabweichung des Gewinns bzw. Verlusts) verringern. Die Bereitschaft für Rechtsvertretung Geld auszugeben hängt von der Risikoaversion der Streitparteien und vom Grad der intrinsischen Unsicherheit des Rechtssystems ab. Je höher die Risikoaversion bzw. je höher die Unsicherheit, desto teurer die Anwältinnen. Wenn beide Anwältinnen durch bessere juristische Ausbildung immer geschickter darin werden, das für ihre jeweiligen Klienten schlechteste Ergebnis zu verhindern, verringert das ebenfalls die Varianz im Ausgang von Rechtsprozessen und daher den gesellschaftlichen Nutzen von Anwältinnen.

Bei Situationen unter Unsicherheit ist es immer irreführend auf Ex-Post-Geldtransfers zu schauen. Aus dieser Sicht wäre jede Versicherung und jedes Wettgeschäft ein Nullsummenspiel. Wenn man auf den Ex-Ante-Nutzen der beteiligten Akteure schaut, ist weder das Versicherungswesen noch das Wettgeschäft noch das Anwaltswesen ein Nullsummenspiel sondern leistet einen Beitrag zur gesellschaftlichen Wohlfahrt.

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2 thoughts on “Ist Rechtsvertretung ein Nullsummenspiel?

  1. Lieber Max,
    Risikoaversion ist eine Präferenz. Mit Produktivitätszuwächsen hat das nicht viel zu tun. Den gibt es in Deinem Fall nicht.

    • Hallo Jörn, die Nachfrage nach Schweinsbraten ist auch eine Präferenz. Wenn ich ein Rezept entwickle, das den Schweinsbraten noch saftiger macht, ist das dann kein Produktivitätszuwachs?

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