Me, myself, and economics: Specialization versus Interdependency

According to Wikipedia, the probably most widely used and most broadly reviewed encyclopaedia on earth, and the references cited therein, economics as a term was suggested by economists in order to establish their science “as a separate discipline outside of political science and other social sciences”. Looking back at my study of economics, I have to say that we probably pursued this intention a bit too far.

The definition for economics as well as economic science to be found in textbooks, dictionaries, and encyclopaedias often reduces our subject to concerns about “production, distribution, and consumption of goods and services”. In addition, we commonly narrow our investigations further down to only those goods and services whose exchanges are market outcomes or are at least accompanied by official transactions.  At the end, we frequently draw conclusions about optimality with regard to welfare and utility while a huge part of interactions, which our utility and welfare depend on, is not even taken into account.

It simply may not be a good idea to separate economic science from other social sciences, while final conclusions about the economic system can hardly be drawn independent of the social system it is embedded in. Instead of narrowing our perspective, we should rather reconsider a broader definition of economic science which is still used in some textbooks, according to which we should deal with all of those human activities that serve the satisfaction of needs. This does not only extent our investigation to individual behaviour aside from markets. It also emphasizes that it may be fundamentally wrong to exclude normative considerations from economic analysis. If our welfare and utility also depends on the satisfaction of needs for things like fairness and equality, our concept of efficiency has to be refined.

This already suggests that also the intended separation from political science has to face limits. In addition, every exchange and negotiation, on markets or not, crucially depends on initial endowment and corresponding bargaining power. Endowment as well as power is not god-given. Just like markets are not god-given institutions. They are manmade and just like every law and order they root in temporary compromises. There is no property right that does not depend on normative rules in the past. There is no economic outcome that does not depend on the institutional framework determined by the political system in charge.

For the same reasons, there may be no separation of economics from other social and political sciences without a corresponding loss in validity of our conclusions. While we certainly have to specialize in our disciplines, our disciplines themselves should not specialize more than there interdependencies allow for.

References

Wikipedia, https://en.wikipedia.org/wiki/Economics. (last access 29.01.2017)
The Free Dictionary, http://www.thefreedictionary.com/economic+science. (last access 29.01.2017)
Wöhe, Günter and Ulrich Döring (2008). Einführung in die Allgemeine Betriebswirtschaftslehre. 23rd ed. München: Vahlen. (p. 1)
Estrin, Saul, David Laidler, and Michael Dietrich (2008). Microeconomics. 5th ed. Edinburgh: Pearson Education and Prentice Hall. (p. 1)
Snyder, Christopher and Walter Nicholson (2008). Microeconomic Theory: Basic Principles and Extensions. 10th ed. Mason: South-Western. (p. 6)
Pindyck, Robert and Daniel Rubinfeld (2009). Mikroökonomie. 7th ed. München: Pearson Studium. (p. 27)

Österreichs Wirtschaftsgeschichte in einer Grafik

Wenn es eine Grafik gibt, die die wirtschaftliche Geschichte Österreichs kompakt zusammenfassen kann, dann diese. Sie zeigt das reale Bruttoinlandsprodukt pro Einwohner für Österreich zwischen dem Jahr 1870 und heute, logarithmisch transformiert, sodass die Steigung der Kurve als prozentuelle Wachstumsrate gelesen werden kann. Die Daten stammen aus der großartigen Madison-Datenbank. Das BIP-pro-Kopf ist kein ideales Maß für gesellschaftlichen Wohlstand und die Madison-Daten sind nicht perfekt. Dennoch gibt diese Grafik einen eindrucksvollen Einblick in unsere Geschichte.

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Diese Grafik legen folgende Einteilung nahe:

1870-1914: Die Zeit der Doppelmonarchie, in der das BIP pro Kopf ziemlich kontinuierlich mit etwa 1,5% pro Jahr wuchs und sich so innerhalb einer Generation verdoppelte.

1914-1945: Die Zeit der Weltkriege, gekennzeichnet von den drei große Krisen, nämlich der Hyperinflation, der Großen Depression und der Katastrophe des Zweiten Weltkriegs. Am Ende dieser Periode war Österreich wirtschaftlich gesehen da, wo es 1870 gestanden hatte.

1945-1975: Die Wirtschaftswunderjahre, in denen das Pro-Kopf-Einkommen um sagenhafte 6% jährlich anstieg und sich innerhalb einer Generation mehr als verfünffachte.

1975-heute: Die Zeit der “neuen Normalität’’, in der Österreichs Pro-Kopf-Einkommen weiterhin wuchs, aber mit deutlich langsameren Tempo, etwa um 2% pro Jahr.

Insgesamt hat sich während dieser ganzen Periode Österreichs BIP pro Kopf von 1.800 Dollar auf 24.000 US-Dollar (in internationalen Geary-Khamis-Dollar von 1990) gesteigert, also circa verdreizehnfacht. Das heißt, was ein durchschnittlicher Österreicher im Jahr 1870 jährlich verdient hat, verdient er heute in weniger als einem Monat! Mit dem Durchschnittseinkommen des Jahres 1870 (ungefähr 2,800 heutige Euros) würde man heute weit unter der Armutsgrenze (13.000 Euro pro Jahr) leben. Umgekehrt wäre man mit dem Durchschnittseinkommen von heute höchstwahrscheinlich unter den 1% der reichsten Österreicher im Jahr 1870.

Ich finde es lohnt sich diese Fakten im Blick zu behalten.

Achtung Satire: Institut für Volkswirtschaftslehre stellt irrtümlich Ökonomen an

Am repräsentativen Institut für Volkswirtschaftslehre im englischen Foresighton wurde eine Stelle als wissenschaftlicher Mitarbeiter an einen jungen Ökonomen vergeben. In Kreisen der Sozial- und Wirtschaftswissenschaften ist man sich uneinig, ob es sich dabei um einen Marketing-Gag oder doch bloß um einen Fehler handelt.
Der Dekan seinerseits glaubt nicht an einen Fehler. „Die Kommission war mit mehreren Professoren der Volkswirtschaftslehre besetzt. Es würde mich sehr wundern, wenn es unter Mathematikern zu menschlichem Versagen gekommen wäre.“ Sollte sich doch ein Fehler nachweisen lassen, hätte dies jedoch gewiss ein Nachspiel.
Andere Mitglieder der Kommission verweisen darauf, dass es im Zuge des Bewerbungsprozesses durchaus Auffälligkeiten gegeben haben soll. So habe der Bewerber im persönlichen Gespräch angeben, sich für die soziale Relevanz von untersuchten Problemstellungen und die politische Umsetzbarkeit von Lösungen zu interessieren. Der Institutsleiter versucht zu relativieren: „Wir versuchen derlei qualitativen Input kein Gewicht beizumessen. Wenn wir Aussagen nicht in eine für das Modell taugliche analytische Form bringen können, gelten sie für uns als vernachlässigbar“.
Der mittlerweile eingesetzte Untersuchungsausschuss hat jedoch eine weitere Auffälligkeit festgestellt. Der Bewerber soll beim Einstellungstest nicht alle gestellten Aufgaben mittels Optimierungsansätzen gelöst haben. Teilweise soll es gar bei der kritischen Diskussion der Aufgabe belassen worden sein. Auf die Frage, wie ein solcher Umstand so lange unbemerkt bleiben konnte, entgegnet das Sekretariat: „Da unsere Professoren vollständig rationale und informierte Bewerber annehmen, schien uns die Überprüfung der Ergebnisse beim Einstellungstests unnötig.“ Auf den Vorwurf hin, dass diese Annahme doch sehr gewagt ist, bekommt das Sekretariat Rückendeckung seitens des Institutsleiters: „Es kann ja wohl nicht sein, dass man nun beginnt, unsere Annahmen zu hinterfragen.“
Die anderen Professoren am Institut unterstützen die Ansicht des Institutsleiters und ergänzen gar: „Wenn die Einstellung eines Ökonomen tatsächlich ein unlösbares Problem darstellt, dann nehmen wir eben an, der neu eingestellte Mitarbeiter sei kein Ökonom.“ Dies sei keine Realitätsverweigerung, sondern eine durchaus zulässige Approximation genereller Gültigkeit. Rückendeckung bekommt das Institut dabei auch von diversen Ökonometrikern anderer Universitäten. „Wir haben mehrere Regressionsanalysen durchgeführt. Für die Behauptung, dass im Bereich der Volkswirtschaftslehre auf Ökonomen zurückgegriffen wird, konnten wir keine ausreichende Signifikanz feststellen“. Selbst als ihnen Kopien der unterzeichneten Verträge vorgelegt werden, schütteln sie bloß den Kopf: „Nicht signifikant.“

Ein Hauch von Ökonomik: Zieh dem Unmut eine Nase, zaubere eine Seifenblase!

Rosamunde Bushart wollte uns mit ihrem Sprichwort wohl kaum zu jener Routine raten, welche sich in beunruhigend hohem Maße in unserer Kommunikation wiederfindet. Jene Routine, in der wir eine Konversation mit potenziell andersdenkenden zum Geduldspiel degradieren. Ein Geduldsspiel, das sich grundsätzlich in zwei sich wahlweise wechselnden Akten beschreiben lässt. Im ersten Akt üben wir uns in geradezu autodidaktischem Nicken und geheucheltem Verständnis, um die Ausführungen des Gegenübers nicht unnötig zu verlängern. Je nach Interesse am Gegenüber und Wirkungskreis der Konversation entscheiden wir uns dann für oder gegen einen zweiten Akt, in welchem wir in einem rechthaberischen Vortrag möglichst rasch auf all die uns vom Gegenüber offenbarten Wissenslücken hinweisen. Die von uns anerkannte Auswahl an Kommunikationsverläufen beschränkt sich demnach darauf, dem Gegenüber dessen Dummheit vorzuführen oder es in eben dieser Dummheit sterben zu lassen. Die Selbstgefälligkeit dieses Blickwinkels ist wohl schwer zu verkennen.
Eine gemäß dieser Routine geführte Debatte dient nur noch zur Übung der eigenen Beweisführung. Das eigentliche Urteil haben wir längst gefällt und unter Gleichgesinnten bestätigen lassen. Dank des dort gesuchten und gefundenen Konsenses ist unsere Wahrnehmung auch längst zur vollsten Überzeugung gereift, mit welcher wir den armen bis bösen Rest fleißig zum Opfer lachhafter bis gemeiner Lügenmärchen und Irrtümer stilisieren.
Die daraus resultierende Gefahr einer sich spaltenden Gesellschaft ist dem Großteil von uns mittlerweile bewusst. Doch das Bewusstsein dieser Gefahr bewirkt nicht zwangsläufig eine Abkehr von dieser Routine. Dies hängt viel mehr davon ab, wie teuer uns die Folgen einer gespaltenen Gesellschaft persönlich zu stehen kommen könnte.
An dieser Stelle tun sich mehrere Hürden auf. Fühlen wir uns kompetent und informiert, können wir uns Kontrollverlust nur schwer vorstellen und neigen dazu, Risiken zu unterschätzen. Dieser könnte uns auch in Bezug auf die drohende Entladung von Spannungen in einer Gesellschaft unterlaufen. Des Weiteren hängen unsere letztendlichen Kosten aus einem solchen Konflikt davon ab, welche Seite der Gesellschaft sich durchsetzt. Unsere sorgsam gepflegte Blase lässt uns dabei vermutlich auch die Wahrscheinlichkeit eines Unterliegens unserer Seite im Konflikt unterschätzen. Außerdem liegt das Auftreten dieser Kosten in der Zukunft und werden von uns daher nur in diskontierter – und entsprechend reduzierter – Form berücksichtigt. Es gibt also allen Grund dafür, anzunehmen, dass wir die uns durch Beibehalten der Routine drohenden Kosten nur zu einem Bruchteil ihres nominellen Werts berücksichtigen.
Hinzu kommt nun, dass eine Abkehr von der Routine ebenfalls Kosten verursacht. Zum einen würde sie von uns erhöhte Konzentration, Empathie und Reflektion in Konversationen und über diese hinaus verlangen. Dies würde uns nicht nur Zeit und Energie kosten. Viel mehr könnte die aufgeweichte und offenere Haltung auch unserer Bestimmtheit und Überzeugungskraft abträglich sein. Jeder Schritt den wir auf Andersdenkende zu gehen, könnte uns einen weiteren von den bisher Gleichgesinnten und deren Unterstützung entfernen.

Am Ende drohen uns bei einer Abkehr von der Routine also nicht bloß neue Kosten, sondern auch noch der Verlust gewohnten Nutzens.
Wir stehen vor dem Eingeständnis, dass nicht bloß wir und unsere Routine die Blase nährten, sondern die Blase letztlich auch uns. Gegeben unsere Zeitpräferenz und Inkompetenz bei der Risikoabschätzung haben wir also gute Chancen, den Wert unserer Blase höher einzuschätzen, als die bei ihrem Zerbersten drohenden Kosten. Nur wenige von uns werden sich also dem Unmut von außerhalb unserer Blase öffnen, während der Rest eifrig weiter an der Festigung unserer subjektiven Wahrnehmung zaubert.

Me, myself, and economics: Out of the bubble, into the crisis

The title suggests a meanwhile well-known discussion of one of the most common economic issues. But please do not expect an article about financial markets, booms, busts, and crashes. Instead the title refers to an economist’s perspective after finishing his or her master’s degree.

At this point in our career I am looking back at about five to six years of study. Large parts of the curriculum were rooted in neoclassical theory or at least dealt with fully rational and well informed representative agents maximizing their utility. Of course, I was sceptical. Until I started studying the term utility did not play such a huge role in my conversations and considerations. Many of my past decisions did not seem very rational. And with regard to information so far I had been taught that the most important thing to know is that I know nothing. So these representative agents I now had to deal with did not seem to represent guys like me or anyone I knew.

However, I was just a student and I was here to learn. So I tried to get used to the approximation called homo oeconomicus and analysed a world that did not seem to be the one I knew, but appeared to be fascinating in its own way. A world that was distinctively describable in clear mathematical terms and thereby allowed me to derive general solutions even to big problems. A world without doubts but with reliable and stable paths towards optimality. Within this world of assumptions and equations I suddenly even seemed to be able to approach the once sceptically seen approximation of my own self – fully rational and well informed.
After some time it therefore certainly felt good to coruscate in solving artificial problems given by exams. Yet, I did not have lost touch with reality and kept asking how to deal with the lack of practical applicability of all our analytically derived solutions. An answer given by a Nobel prize winner was that any lack of applicability arises just because the real world has not sufficiently managed to approach our assumptions yet. This answer was not really satisfying. First, the responsibility of an economist as a social scientist cannot end at conclusions about how the world should have been in order to meet the predictions of a model. Secondly, the world seemed way too far from some of the assumptions used to build this model. Thirdly, I was not in a position to move the world even a tiny bit towards what the assumptions had implied. And last but not least, with regard to some assumptions such movement even did not seem desirable to me.

No wonder therefore that I hopefully longed for the fragments of game theory and institutional economics waiting for us in later semesters. Dealing with bounded rationality, incomplete and asymmetric information, imperfect competition, strategic behaviour and even things like altruism and reciprocity these strands finally seemed to work on dropping some of the assumptions I have seen that critical for so long. What I was not supposed to drop in the course of my study, however, was the analytical framework, the search for general solutions and the therefore necessary simplifications. Five to six years later, I still found myself dealing with representative agents performing mathematical operations, a huge part of the world’s population is not even capable of.

To be clear, I appreciated the theoretical value of analysing a purely materialistic world populated by identical robots following the sacrificed rule of optimization. I still do. Just like I appreciate several other, partly refining, approaches taught in the course of my study. I do so because I appreciate science as a process of trial and error in which both, trials and errors, may be of value. It is the lack of appreciation for its own errors that I complain about when it comes to the economic discipline. It is this hesitant accounting for tiny flaws in an apart from that still idealizing model of an optimizing world, while the real world partly rather occurs to be the other way around: messing up due to people and manmade institutions flawed to the core with a tiny animus for optimality. One has to excuse my exaggeration, but remarkably large and influential parts of the economic discipline seem to consider the errors in hitherto existing approaches only to an extent that does not require a renunciation from the obsession with purely analytical frameworks and general solutions derived therein. Maybe some of us do so because mathematical sophistication makes us feel like natural scientists and technical experts. The bundle of assumptions our mathematical sophistication depends on, though, largely reduces our expertise to knowledge about a bubble we have been creating for decades. When it comes to reality, one of our most remarkable skills just seems to be denial. Equipped with our models we may feel like engineers, but often all we are engineering is a bundle of beliefs – frequently wronged, but bullheadedly preached.

A young economist like me therefore has to make a crucial decision. Either, I am able to accept things just like they are, try to sell what I have learned and ride the bubble for a few more years in order to achieve the ultimate goal: an extraordinary long publication list and a perpetual contract. Or I am simply not able to cotton up to this type of economics and pursue my own trials and errors independent of the expected lack of appreciation.

When I decided to study economics in the first place, I did that because of my interest in the economic system and not because of the returns achievable as an economist. This has not changed at all. So, if reaching out of the bubble means to risk my personal bust, crash and crisis with regard to the common type of a career, I self-confidently will do so. It remains the right and maybe even the utility maximizing path for a type of scientist I want to be. And despite our curriculum often suggests that economics are deadlocked, I meanwhile know that there are still a lot of us trying to change tack. So do not fear a crisis outside the bubble, but look forward to the downturn of beliefs you are not able to share.

Ein Hauch von Ökonomik: Pünktlichkeit ist eine Zier, doch weiter kommt man ohne ihr

Ohne Zweifel gibt es auch in der guten Stube gute Gründe, zu spät zu kommen. Solche, die einem niemand übelnimmt. Jene, um die einen niemand beneidet und jene, die unvorhersehbar und unvermeidbar sind. Über diese überschaubaren Ausnahmen hinaus jedoch stößt unsere Unpünktlichkeit nicht immer auf Verständnis, wenn auch ebenso selten auf Sanktionen. Beides ist am Ende nicht verwunderlich.

Zeit ist ein knappes Gut und nicht nur deshalb kostbar. Ein präzise getimter Termin soll uns helfen, eine beschränkte und unersetzliche Ressource in unserem Sinne zu verwenden anstatt zu verschwenden.

Zeitverschwendung ist somit die naheliegende Konsequenz, welche jenen droht, die wir unentschuldigt warten lassen. Dies bedeutet nicht, dass wir die Kostbarkeit der Zeit nicht begriffen haben. Viel mehr bringt es zum Ausdruck, wie sehr wir unsere eigene Zeit und die freie Verfügbarkeit über diese schätzen. So sehr nämlich, dass wir für ein bisschen mehr Freiraum auch gern mal die Zeit anderer aufs Spiel setzen. Wir notorisch Unpünktlichen sind also nicht zwangsweise begriffsstutzig oder gar irrational, sondern eventuell einfach die egoistischen Optimierer, welche die Mainstream-Ökonomik gern in uns sieht.

Unsere Unpünktlichkeit lässt schließlich nur die auf uns Wartenden die entsprechende Menge an Zeit unwiederbringlich verlieren. Wir verspüren deren Verlust vorerst nicht. Aus unserer Perspektive handelt sich dabei bloß um externe Effekte, die wir im Zuge unserer Entscheidung rund um den eigenen Nutzen nicht zu berücksichtigen haben. Dies müssten wir nur, würden wir der effektiven Zeitnutzung anderer einen entsprechenden Wert und Nutzen unsererseits zusprechen. Mit unserer Unpünktlichkeit verweigern wir diese Wertschätzung und konzentrieren uns ganz auf uns selbst. Kein Wunder also, dass unsere Unpünktlichkeit bei unseren verlässlicheren Gegenübern auf Unbehagen stößt.

Dass uns dieses Unbehagen jedoch selten zum Verhängnis wird, deutet darauf hin, dass die Mainstream-Ökonomie unsere Gesellschaft eben nicht in allen Belangen völlig falsch zeichnet. Es mag sich teilweise nur um eine selbsterfüllende Prophezeiung des Liberalismus handeln, doch Angriff scheint im Fall notorischer Unpünktlichkeit eine äußerst effektive Verteidigungsstrategie. In diesem Sinne reagieren wir auf allfällige Anklagen mit unserer liebsten Gegendarstellung. In dieser sind wir spontanen Freigeister die Opfer einer kleinkarierten Welt, die uns mit terminlichen Verpflichtungen zu knechten sucht. Wehe jenen daher, die sich an diesem schmutzigen Spiel so vorbildlich beteiligen. Jene, welche sich in ungebetener Verlässlichkeit üben und nur aufgrund mangelnder Toleranz und Frust über die Beschränktheit der eigenen Flexibilität auch von uns Pünktlichkeit einfordern wollen. Sie sind die wahren Täter und ihre Klagen bestätigen bloß die ihnen angestammte Rolle des Miesepeters, Querulanten und Stimmungskillers.

Keine sonderlich beliebte Rolle, die unseren Kritikern ihrerseits Vorwürfe einbringen kann. Selbst wenn einem die von unserer Unpünktlichkeit verursachten Kosten bewusst sind, würde die Aufregung darüber nur weitere Zeit kosten – meist lauter und weitreichender als unser stilles Vergehen. Andere für die Investition in diese Aufregung zu begeistern, würde eine langfristige Perspektive und Vertrauen in unserer Änderungsbereitschaft verlangen. Beides lässt sich durch geschicktes Spiel unsererseits ganz gut boykottieren. Daher scheint es gerade in der von uns in den Mittelpunkt gerückten kurzen Frist oft naheliegender, sich und anderen die Aufregung zu sparen und die durch uns verlorene Zeit als versunkene Kosten einfach hinzunehmen.

Am Ende gilt: wo kein Kläger, da kein Richter. Unsere Unpünktlichkeit mag also zwar egoistisch und respektlos sein, doch bestraft werden wir eher selten. Danke dafür, mit freundlichen Grüßen, Deine individualistische Spaß-Gesellschaft