Österreichs Wirtschaftsgeschichte in einer Grafik

Wenn es eine Grafik gibt, die die wirtschaftliche Geschichte Österreichs kompakt zusammenfassen kann, dann diese. Sie zeigt das reale Bruttoinlandsprodukt pro Einwohner für Österreich zwischen dem Jahr 1870 und heute, logarithmisch transformiert, sodass die Steigung der Kurve als prozentuelle Wachstumsrate gelesen werden kann. Die Daten stammen aus der großartigen Madison-Datenbank. Das BIP-pro-Kopf ist kein ideales Maß für gesellschaftlichen Wohlstand und die Madison-Daten sind nicht perfekt. Dennoch gibt diese Grafik einen eindrucksvollen Einblick in unsere Geschichte.

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Diese Grafik legen folgende Einteilung nahe:

1870-1914: Die Zeit der Doppelmonarchie, in der das BIP pro Kopf ziemlich kontinuierlich mit etwa 1,5% pro Jahr wuchs und sich so innerhalb einer Generation verdoppelte.

1914-1945: Die Zeit der Weltkriege, gekennzeichnet von den drei große Krisen, nämlich der Hyperinflation, der Großen Depression und der Katastrophe des Zweiten Weltkriegs. Am Ende dieser Periode war Österreich wirtschaftlich gesehen da, wo es 1870 gestanden hatte.

1945-1975: Die Wirtschaftswunderjahre, in denen das Pro-Kopf-Einkommen um sagenhafte 6% jährlich anstieg und sich innerhalb einer Generation mehr als verfünffachte.

1975-heute: Die Zeit der “neuen Normalität’’, in der Österreichs Pro-Kopf-Einkommen weiterhin wuchs, aber mit deutlich langsameren Tempo, etwa um 2% pro Jahr.

Insgesamt hat sich während dieser ganzen Periode Österreichs BIP pro Kopf von 1.800 Dollar auf 24.000 US-Dollar (in internationalen Geary-Khamis-Dollar von 1990) gesteigert, also circa verdreizehnfacht. Das heißt, was ein durchschnittlicher Österreicher im Jahr 1870 jährlich verdient hat, verdient er heute in weniger als einem Monat! Mit dem Durchschnittseinkommen des Jahres 1870 (ungefähr 2,800 heutige Euros) würde man heute weit unter der Armutsgrenze (13.000 Euro pro Jahr) leben. Umgekehrt wäre man mit dem Durchschnittseinkommen von heute höchstwahrscheinlich unter den 1% der reichsten Österreicher im Jahr 1870.

Ich finde es lohnt sich diese Fakten im Blick zu behalten.

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2 thoughts on “Österreichs Wirtschaftsgeschichte in einer Grafik

  1. Besonders spannend finde ich außerdem den sich aufdrängenden Abgleich der Linearität (in der Log-Grafik) vor 1914 und nach 1975. Es scheint fast so, als könnte man ein systematisches Wachstumspotenzial und den zugehörigen repräsentativen Pfad erkennen, auf den wir nach verheerender Abkehr zurückgefunden haben. Etwaig “goldenes” der Nachkriegszeit ergäbe sich in dieser Geschichte dann bloß aus ungenutztem Potenzial vergangener Jahre – wie es nach geglückter Aufholjagd eben nicht mehr vorzufinden ist.

    Achtung: es handelt sich hier um keine fundierte Hypothese, die nach harscher Kritik verlangt, sondern bloß um einen oberflächlichen Gedankengang zur Relevanz der dargestellten Daten 😉

    • Nein, nein, du hast völlig recht. Dieser Gedanke liegt tatsächlich nahe. Das Wirtschaftswunder war hauptsächlich ein Aufholprozess nach der Zerstörung des 2. WK, getrieben eher von Kapitalakkumulation als von technischem Fortschritt. Ich glaube das ist eine allgemein akzeptierte These. Sie passt zu meiner Grundthese, dass der Grundstein unseres heutigen Wohlstands in der zweiten Hälfte des 19. Jh. gelegt wurde, dass die Krisen des frühen 20. Jh. eine temporäre Abweichung von diesem Wachstumsprozess darstellen, zu dem wir nach dem 2.WK wieder zurückgefunden haben.

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