Ein Hauch von Ökonomik: Schweigen ist Gold

Wir Neo-Normalos mit Köpfchen können die angeblich kaum begrenzten Möglichkeiten unserer wohlständigen Welt nicht ganz so zwanglos genießen, wie es die Erzählung des entwickelten Westens oft vermuten lassen würde. Für Kinder eines liberalen Zeitalters verfallen wir, insbesondere wenn es uns um unsere Empfindungen, Wünsche und Meinungen geht, nämlich erschreckend oft in fast schon panische Kontrolle und Restriktion unserer selbst. Feiern wir gerade noch das Streben nach Freiheit und Selbstverwirklichung, üben wir uns im nächsten Moment schon wieder in einer Bedachtsamkeit und Zurückhaltung nahe der Selbstverleugnung.

Welches Meme darf mir gefallen? Welchen Status darf ich teilen? Welcher Tweet ist unverfänglich? Was ist noch mal politisch korrekt? Oder doch lieber gleich unpolitisch? Es geht uns bei diesen alltäglichen Fragestellungen viel zu selten um einen Abgleich mit unseren eigenen Überzeugungen. Vielmehr wollen wir sichergehen, dass die preisgegebene Information auch zu jenem Bild passt, welches wir unseren Schülern, Studentinnen, Kollegen und Arbeitgeberinnen vermitteln wollen oder eben zumuten getrauen. Wir wollen uns am Arbeitsmarkt und in diversen Netzwerken ja keiner Chance, oder sagen wir lieber Opportunität, berauben.

Opportunismus ist ein hartes Wort, aber wir Neo-Normalos mit Köpfchen haben eben verstanden, dass unsere Möglichkeiten alles andere als unbegrenzt sind und stark von einzelnen Entscheidungsträgern und deren Wertschätzung unsereins abhängen. Bevor wir einem solchen potenziellen Gönner – oder freundlichen Ausbeuterin – unwissentlich vor den Kopf stoßen, üben wir uns daher lieber in sympathischer Zurückhaltung.
Wir denken nicht daran, was für systematische Auswirkungen unser Schweigen hat. Vielleicht bilden wir uns sogar ein, unsere Entpolitisierung wäre ein wertvoller Beitrag zum friedlichen Zusammenleben und einer gechillten Basis. Doch im Grunde unterstützen wir damit vor allem die Gleichgültigkeit gegenüber obrigkeitlichem Schalten und Walten, und die Stigmatisierung jener, die es noch wagen, ihre – und dabei oft unsere –Überzeugungen weiter offen kundzutun. Natürlich finden wir unter jenen auch Dummheit und Extremismus. Doch erst weil wir stetig das Feld räumen, scheint die aktive Teilnahme am demokratischen Austausch von Meinungen und Überzeugungen an sich immer weiter abseits der Vernunft und Normalität.

Es scheint, als würde der nicht immer lautere Wettbewerb gerade uns Neo-Normalos in ein Gefangenendilemma treiben. Wir wissen, wir alle hätten mehr davon, gemeinsam die externen Effekte von Wissen zu nutzen und unsere Stimme mit jener der anderen zu erheben, um die Demokratie zu retten und die Mächtigen zugunsten unserer Unabhängigkeit in Schranken zu weisen. Doch individuell scheint es nur rational, den anderen diese mühevolle und oft undankbare Arbeit zu überlassen. Sie kämpfen ohnehin für das allgemeine Wohl, da können wir uns einstweilen ganz auf das eigene konzentrieren. Irgendwann wird das Trittbrett überlaufen, doch der neo-normale Opportunist genießt und schweigt.

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2 thoughts on “Ein Hauch von Ökonomik: Schweigen ist Gold

  1. Weiß ja nicht ob ich als Neo-Normalo mit Köpfchen durchgehe, aber ich für meinen Teil habe selten den Zwang empfunden, meine Meinung zurückzuhalten oder abzuschwächen nur um nicht irgendwo anzuecken. Mir bereitet es sogar Spaß den Advocatus Diaboli zu spielen und absichtlich kontroverse Standpunkte zu vertreten. Ich finde nichts langweiliger als eine Gruppe Menschen, die sich in allem einig ist.
    Allerdings stimmt es mich mit Sorge, dass in letzter Zeit viele inhaltliche Debatten sehr schnell ins Persönliche und Diffamierende abdriften.Nach der Art: “Wenn du Meinung X vertrittst (oder wenn du Meinung Y NICHT vertrittst), musst du ein schlechter Mensch sein.” Ich glaube das hat damit zu tun, dass wir mit dem Äußern einer Meinung unsere Zugehörigkeit zu sozialen Gruppen signalisieren wollen. “Seht her: Ich like einen Anti-Atomkraft-Artikel. Ich bin einer von den Guten! Was du bist nicht absolut gegen Atomkraftwerke? Du gehörst nicht zu uns!” Das ist eine Art von Signalling, die durch soziale Medien massiv zugenommen hat. Und sie hat die Qualität des politischen Diskurses nicht unbedingt erhöht.
    Also insofern bin ich genau der gegenteiligen Ansicht wie du (Überraschung!). Ich finde durch neue Medien hat der Zwang sich zu politischen Themen zu äußern stark zugenommen, und immer mehr Leute tun das nur um sich zu ihrer sozialen Gruppe zu bekennen, obwohl sie zu vielen Themen eigentlich keine starke (und schon gar keine fundierte) Meinung haben.

  2. Ich weiß nicht, ob es sich unbedingt um eine gegenteilige Meinung handelt. Dann sollte ich ja den Drang verspüren, dir zu widersprechen – was nicht der Fall ist. Stattdessen könnten wir nur zwei unterschiedliche Aspekte einer stattfindenden Polarisierung ansprechen. Für die von mir angesprochenen Personen wäre es eine durchaus nachvollziehbare Präferenz, sich diesem Signalling und den damit verbundenen Zuordnungen und Ausschlüssen zu entziehen. Ein Rückzug, welcher den auffälligen Rest noch ‘lauter’ scheinen lässt und sich als Effekt dabei selbst verstärken könnte.

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