Ein Hauch von Ökonomik: Tote Hose

Es geht nicht darum, dass wir Konformisten besonders stil- oder modebewusst sind. Wir wissen einfach nur, was sich gehört. Und ganz sicher nicht gehört es sich, mit einer Jogginghose in der Öffentlichkeit rum zu laufen oder sie gar in der Arbeit anzuziehen. Zuhause kann jeder machen was er will. Und für den Sport ist es ja auch ok. Aber wieso anderswo?

Zum einen, weil es ein freies Land ist – angeblich. Zum anderen, weil es bequem ist. Zwei gute Gründe, uns ein wenig mehr in Toleranz zu üben. Tatsächlich könnte uns die Bequemlichkeit der Jogginghose ein wenig entspannter machen und vielleicht sogar produktiver – insbesondere verglichen mit Anzug, Bluse, Hemd und Krawatte. Aber um Tatsachen und Sachlichkeit geht es uns hier gar nicht.

Unsere Abneigung, die Verurteilung und der Scham ergeben sich nicht aus Überlegungen der Effizienz oder des körperlichen Wohlbefindens. Tatsächlich ist es wohl eine verinnerlichte soziale Norm – eine Regel, welcher die Metamorphose zur subjektiven Präferenz gelang. Seinen Präferenzen zu folgen, ist dann durchaus rational und durchaus Kern mikroökonomischer Lehre. Soweit scheint unsere Intoleranz kurzfristig dann doch wieder sachliche Legitimität zu besitzen.

Mittelfristig ließe sich eine erlernte Präferenz wohl auch wieder verlernen. Es war nicht unbedingt der Konservatismus, der unserer Gesellschaft den Fortschritt brachte. Konservativ wirkt es aber, wenn eine Präferenz auf einer anerzogenen und unhinterfragten Gewohnheit fußt, deren vorrangiger Zweck wohl ist, einen gewissen in Redewendungen gepackten Schein zu wahren. Kleider machen Leute. Leute sollen was aus sich machen. Erst die Arbeit, dann das Vergnügen. Die von einer Jogginghose ausgestrahlte Bequemlichkeit passt da nur schwer ins Bild.

Natürlich wissen wir, dass bequeme Kleidung in einem Großteil der Berufe kaum negativen Einfluss auf unsere Performance hätte. Doch es ist eine Spielregel in einem Spiel, in dem es oft weniger um die tatsächliche Leistung geht, als um die Verpackung derselben. Unsere Verpackung spielt dabei eine wesentliche Rolle. Und weil auch wir weiterhin eine angemessene Rolle spielen wollen, sind wir Konformisten uns auch weiterhin zu bequem, uns für mehr Bequemlichkeit einzusetzen.

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3 thoughts on “Ein Hauch von Ökonomik: Tote Hose

    • Alles ist subjektiv. Wenn ich es in einer Ich- oder Wir-Form schreibe, umso mehr. Und ja, ich denke schon, dass auch eine Präferenz über haptisches bzw. taktiles Empfinden sozialisiert werden kann. Nur so kann ich mir eine gegenteilige Meinung zur Bequemlichkeit der Jogginghose erklären 😉

  1. Eine nicht ganz unzusammenhängende Frage: Hat der Zwang sich gut/richtig/angemessen zu kleiden generell zugenommen oder abgenommen?
    Oberflächlich betrachtet scheint die Antwort klar zu sein: stark abgenommen. Bis vor wenigen Jahrzehnten war es undenkbar eine Jeans im Büro zu tragen. Krawatte war Pflicht. Frauen in Hosen waren eine Provokation. Die (ungeschriebenen) Bekleidungsvorschriften vor 100 Jahren waren noch wesentlich strenger. Andererseits: man sollte nicht vergessen, dass vor 100 Jahren nur die wenigsten Menschen einen Bürojob hatten. Die meisten arbeiteten entweder in der Landwirtschaft oder in der Industrie. Und da durfte man anziehen was man wollte, unter Berücksichtigung der (sehr strikten) Budgetbeschränkung. Der strukturelle Wandel der letzten 100 Jahre von der Industrie- zur Dienstleistungsgesellschaft könnte also durchaus den Druck auf den “repräsentativen Arbeiter” sich gut zu kleiden erhöht habe.
    Ich denke gute Kleidung ist hauptsächlich Signaling: eine bewusste (und kostspielige) Handlung um Informationen über seine Persönlichkeit, Qualifikation, Anständigkeit, etc. an andere weiterzugeben. Durch den technischen Fortschritt sind die Preise für gute Kleidung so weit gefallen, dass das Signal guter Kleidung heute viel schwächer ist als vor 100 Jahren. Einen halbwegs anständigen Anzug kann sich heute jeder leisten, also taugt es nicht mehr um damit seinen Typ zu signalisieren. Also legen immer weniger Leute wert auf schickes Aussehen.

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