Hartz-IV: Alternative Fakten

Es gibt zwei Arten von alternativen Fakten: solche, die frei erfunden sind, und solche, die wahr aber irreführend sind. Wie man letztere erzeugt,  zeigt der “Standard” lehrbuchmäßig in einem Artikel über die Hartz-IV-Reformen:

Die Reform wollte eigentlich erreichen, dass Langzeitarbeitslose zurück in den Arbeitsmarkt kommen. Daran ist sie gescheitert. In Deutschland gibt es deutlich mehr Menschen, die über Jahre keinen Job finden, als in Österreich. Und das, obwohl die Sozialleistungen hierzulande höher sind.

Wörtlich genommen stimmt die Aussage natürlich. Die absolute Anzahl der Langzeitarbeitslosen ist in Deutschland höher als hierzulande. Es gibt aber auch ungefähr zehnmal so viele Menschen in Deutschland wie in Österreich. Relevant ist das Verhältnis der Langzeitarbeitslosen zur Bevölkerung und wie sich dieses Verhältnis seit Einführung der Hartz-Reformen in den Jahren 2003-2005 entwickelt hat.

Hier der Anteil der Langzeitarbeitslosen an der Erwerbsbevölkerung in Deutschland im Vergleich zu Österreich während der vergangenen 14 Jahre (Quelle: Eurostat).

hartz4blog

Diese Grafik zeigt so ziemlich das Gegenteil von dem Bild, das der Standard-Artikel vermittelt. Die deutsche Langzeitarbeitslosigkeitsquote ist drastisch gesunken, während sie in Österreich leicht gestiegen ist. Im letzten Jahr lag sie in beiden Ländern ca. bei 1,8%.

Weiter unten im Artikel wird es noch ein bisschen “alternativer”:

Frage [sic!]: Aber immerhin ist die Arbeitslosigkeit stark gesunken.

Antwort: Das stimmt zwar, hat aber den meisten Fachleuten zufolge relativ wenig mit Hartz IV zu tun. Deutschland hat sich zur gleichen Zeit auch in vielen anderen Bereichen reformiert, die Löhne wurden schon Jahre zuvor kaum mehr erhöht und Unternehmen haben sich auf Märkte wie China spezialisiert, was sich als ein mehr als glücklicher Handgriff entpuppte. Außerdem sinkt die Zahl der Leute, die arbeiten wollen, weil es weniger Junge und Zuwanderer und mehr Alte gibt als in Österreich.

1. Wenn die Anzahl der Erwerbsfähigen bzw. -willigen sinkt, sinkt der Nenner der Arbeitslosenquote, wodurch die Quote ceteris paribus steigt, nicht sinkt. 2. Löhne und Exporte sind endogen. Die geringen Lohnzuwächse sind zum großen Teil eine Folge der Hartz-Reform. Schließlich hat sie dazu geführt, dass das Arbeitskräfteangebot gestiegen ist. Das geringe Lohnwachstum hat wiederum deutsche Exportgüter relativ billiger gemacht, was den Exportboom zumindest zum Teil erklärt. Die vom “Standard” angebotene Erklärung der gesunkenen Arbeitslosigkeit ist ungefähr so als würde man sagen: “Dass ein Kind im Laufe der Zeit größere Kleider braucht, liegt nicht daran, dass es älter wird, sondern größer.”

Diese Passage liefert Beispiele für eine weitere Subkategorie von “alternativen Fakten”, die dadurch entstehen, indem man einen Kausalzusammenhang zwischen zwei oder mehreren Fakten behauptet, der logisch inkohärent oder zumindest höchst fragwürdig ist.

Ich glaube, dass diese Art von irreführender Berichterstattung wesentlich schädlicher ist als die klassische Falschmeldung. Letztere wird nämlich für gewöhnlich rasch aufgedeckt und berichtigt. Die Art von “Fake News”, wie sie der “Standard”-Artikel enthält, bleibt in der Regel unwidersprochen und unberichtigt. Was hier nach seriöser, kompetenter Berichterstattung aussieht, ist letztendlich einfach nur Quatsch.

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Can robots pay taxes?

Bill Gates thinks robots should pay taxes. My first reaction was: Mr Gates obviously doesn’t know much economics. If he did, he would know that things do not pay taxes. Only people do.

Robots, so I thought, are machines. They don’t have an income of their own, they don’t consume stuff. The income they help produce goes to whoever owns the robot. If I own a robot, my willingness to let it (him? her?) work for a firm increases with the robot wage rate, the amount of money I receive per hour of work done by my robot. A tax on robot wages would shift the supply curve of robot labor up (or, if you prefer, to the left), increasing for each given amount of robot labor the wage rate employers must pay to get it. The gross robot wage increases, although probably by less than the tax rate, depending on how elastic the demand for robot labor is. Assuming that the demand elasticity is not infinite, the tax burden will be split between the robot owners and the employers of robots. So the robot tax would just be another form of a capital tax, which would partly be shifted to other factors of production, including human labor. In no real sense would it „tax robots“.

Now there are good reasons to believe that we are approaching the “technological singularity“, a scenario in which robots become smarter than humans. Some experts on artificial intelligence reckon we might be only 30 years away from that. I have exactly zero qualifications to judge the plausibility of that claim, but I don’t see any obvious reason why it couldn’t happen.

Suppose the singularity does happen. Then it seems quite ridiculous to assume that humans own robots. More likely, it would be the robots who own humans. Indeed, we can only hope the super-intelligent robots would treat us a little better than we are treating less intelligent life-forms now. Let’s assume, for the sake of argument, that humans will co-exist with the super robots as equals, at least for a while. Then robots would effectively become another class of people competing with us in the market place for jobs and goods. In such a world, robots are capable of bearing a tax in the sense that they would have to cut back on their consumption (whatever it is robots consume) when faced with a tax. But even in this, admittedly unlikely, scenario, it would be the case that humans feel some of the burden of the robot tax. This is because even super-intelligent robots will react to incentives. Why, given that they are super intelligent, they should react much better to incentives than homo sapiens with all its cognitive biases. If we tax their labor, they will supply less of it, which hurts humans.

So yes, robots could pay taxes. But only if they are intelligent and powerful enough to resist being held as slaves by humans, and not as intelligent and powerful as would allow them to enslave humans. Not a very likely scenario I guess.

PS: If you are curious what AI is currently capable of doing, here is some AI-produced poetry.

 

Ein Hauch von Ökonomik: Wenn das Leben dir Zitronen gibt…

Ich weiß nicht, wie viele wir wirklich sind – wir, welche der ÖH-Wahl mit gemischten Gefühlen entgegensteuern. Genug, um regelmäßig auf unsereins zu treffen. Kopfschütteln über die Inszenierung, Ablehnung gegenüber einige der Protagonisten und in ganz dunklen Momenten drängt sich manchen sogar die Sinnfrage auf. Spätestens an dieser Stelle ist Reflektion geboten, schließlich geht es um eine demokratische Institution.

Kümmern wir uns also erstmal um unser vermeintliches Desinteresse an der ÖH. Dies mag sich einerseits daraus ergeben, dass wir zu den Glücklichen gehören, die nie auf Rat und Tat des Klassensprechers und der Studienvertreterin angewiesen waren. Andererseits liegt es vielleicht noch mehr daran, dass wir einfach nie darüber nachgedacht haben, wie stark unser Glück und Erfolg im Schul- und Studienalltag davon profitierte, dass in diversen Gremien von uns gewählte Personen mitzureden hatten. Ein wenig Recherche und ein kurzer Blick über den Tellerrand direkter Betroffenheit hinaus sollten jedenfalls auch die letzten unter uns zu dem Schluss kommen lassen: interessieren sollte uns die Wahl wohl schon.

Unsere gemischten Gefühle rühren jedoch ohnehin mehr wo anders her – weniger aus den fehlenden Erfahrungen, als aus ein paar wenigen prägenden, die wir hatten oder zumindest als solche wahrnahmen: Karrieristinnen, die um zukünftige Listenplätze im Parteikader buhlen, Schwätzer auf der Suche nach Publikum, und Spätzünder im Eifer um ein Toleranzsemester. Überspitzte Beschreibungen, wie sie wohl auf viele Funktionärinnen in der ÖH und insbesondere einiger Studienvertretungen nicht zutreffen. Und doch sind sie nicht völlig aus der Luft gegriffen. Als wäre es nicht schlimm genug, dass wir selbst mit solchen Spitzen immer wieder ins Schwarze treffen, ist nicht zuletzt durch Verbreitung unserer Verdrossenheit eine Gefahr in Verzug.

Gerade die Politik, wie wir sie eben teilweise auch rund um die ÖH erleben, scheint besonders anfällig für das Phänomen adverser Selektion zu sein. Die öffentliche Meinung über die Politikerkaste ist wohl kaum auf ihrem Höchststand. In die Politik zu gehen, kann daher mit beachtlichen Opportunitätskosten verbunden sein – insbesondere für jene, deren Leistungsfähigkeit sich auch abseits freundschaftlicher Gunst und gerade auf Basis ihrer politischen Unabhängigkeit großer Wertschätzung erfreut. Umso attraktiver wird die politische Karriere für jene Zitronen, für welche das schrittweise Hochdienen nach Vorschrift und Vetternwirtschaft erfolgsversprechender scheinen, als sich individuell einem inhaltlichen Wettbewerb zu stellen. Umso stärker unsere überspitzten Beschreibungen nun die Wahrnehmung der ÖH dominieren, umso eher wird sie von kompetenten Kräften gemieden werden und zum Zitronenmagnet verkommen.

So gut wir also daran tun, manchen unter gegenwärtigen Bedingungen gewählten Personen nicht unbedingt und immerzu Exklusivität und Repräsentativität in unserer Vertretung zuzuschreiben, so achtsam müssen wir in unserer Kritik sein. Unsere Aversion gegenüber manchen Protagonisten sollte uns und andere nicht der Wertschätzung gegenüber der demokratischen Institution an sich berauben. In anderen Worten: wer weniger Zitronensaft im Obstsalat will, sollte jede Gelegenheit nutzen, um eine entsprechende Bestellung abzugeben, aber ihn keinesfalls als Vitaminquelle schlecht reden, nur weil er mal sauer aufstößt.

Penalty taking: some game theory and hypothesis testing

One of my colleagues sent me an article in the Financial Times from March 17 entitled “How to save a penalty: the truth about football’s toughest shot. On star goalie Diego Alves, game theory and the science of the spot kick.” I found the article interesting for two reasons.

  1. It has a fun discussion of the psychology and game theory of taking penalty kicks. It points to the paper by Ignacio Palacios-Huerta in which he shows that professional soccer players take penalties in a way that is consistent with Nash equilibrium (or minmax) behavior. The FT article also includes an interesting interview with Ignacio Palacios-Huerta and his “analysis of ideal penalty-taking strategies for the then Chelsea manager Avram Grant before the Champions League final against Manchester United in 2008.”
  2. The FT article highlights Diego Alves, Valencia’s goalkeeper, and argues that he is particularly good at stopping penalties. The FT article argues that Diego Alves’ stopping record (he stopped 22 of 46 penalties – a very high number compared to the average stopping rate of 25% of all goalkeepers combined) cannot be explained by chance alone.

In this blog post I want to comment on the 2nd point. It is actually wrong. And it is wrong for an interesting reason. Moreover the mistake made is very easy to make and is a very common one.

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