Ein Hauch von Ökonomik: Wenn das Leben dir Zitronen gibt…

Ich weiß nicht, wie viele wir wirklich sind – wir, welche der ÖH-Wahl mit gemischten Gefühlen entgegensteuern. Genug, um regelmäßig auf unsereins zu treffen. Kopfschütteln über die Inszenierung, Ablehnung gegenüber einige der Protagonisten und in ganz dunklen Momenten drängt sich manchen sogar die Sinnfrage auf. Spätestens an dieser Stelle ist Reflektion geboten, schließlich geht es um eine demokratische Institution.

Kümmern wir uns also erstmal um unser vermeintliches Desinteresse an der ÖH. Dies mag sich einerseits daraus ergeben, dass wir zu den Glücklichen gehören, die nie auf Rat und Tat des Klassensprechers und der Studienvertreterin angewiesen waren. Andererseits liegt es vielleicht noch mehr daran, dass wir einfach nie darüber nachgedacht haben, wie stark unser Glück und Erfolg im Schul- und Studienalltag davon profitierte, dass in diversen Gremien von uns gewählte Personen mitzureden hatten. Ein wenig Recherche und ein kurzer Blick über den Tellerrand direkter Betroffenheit hinaus sollten jedenfalls auch die letzten unter uns zu dem Schluss kommen lassen: interessieren sollte uns die Wahl wohl schon.

Unsere gemischten Gefühle rühren jedoch ohnehin mehr wo anders her – weniger aus den fehlenden Erfahrungen, als aus ein paar wenigen prägenden, die wir hatten oder zumindest als solche wahrnahmen: Karrieristinnen, die um zukünftige Listenplätze im Parteikader buhlen, Schwätzer auf der Suche nach Publikum, und Spätzünder im Eifer um ein Toleranzsemester. Überspitzte Beschreibungen, wie sie wohl auf viele Funktionärinnen in der ÖH und insbesondere einiger Studienvertretungen nicht zutreffen. Und doch sind sie nicht völlig aus der Luft gegriffen. Als wäre es nicht schlimm genug, dass wir selbst mit solchen Spitzen immer wieder ins Schwarze treffen, ist nicht zuletzt durch Verbreitung unserer Verdrossenheit eine Gefahr in Verzug.

Gerade die Politik, wie wir sie eben teilweise auch rund um die ÖH erleben, scheint besonders anfällig für das Phänomen adverser Selektion zu sein. Die öffentliche Meinung über die Politikerkaste ist wohl kaum auf ihrem Höchststand. In die Politik zu gehen, kann daher mit beachtlichen Opportunitätskosten verbunden sein – insbesondere für jene, deren Leistungsfähigkeit sich auch abseits freundschaftlicher Gunst und gerade auf Basis ihrer politischen Unabhängigkeit großer Wertschätzung erfreut. Umso attraktiver wird die politische Karriere für jene Zitronen, für welche das schrittweise Hochdienen nach Vorschrift und Vetternwirtschaft erfolgsversprechender scheinen, als sich individuell einem inhaltlichen Wettbewerb zu stellen. Umso stärker unsere überspitzten Beschreibungen nun die Wahrnehmung der ÖH dominieren, umso eher wird sie von kompetenten Kräften gemieden werden und zum Zitronenmagnet verkommen.

So gut wir also daran tun, manchen unter gegenwärtigen Bedingungen gewählten Personen nicht unbedingt und immerzu Exklusivität und Repräsentativität in unserer Vertretung zuzuschreiben, so achtsam müssen wir in unserer Kritik sein. Unsere Aversion gegenüber manchen Protagonisten sollte uns und andere nicht der Wertschätzung gegenüber der demokratischen Institution an sich berauben. In anderen Worten: wer weniger Zitronensaft im Obstsalat will, sollte jede Gelegenheit nutzen, um eine entsprechende Bestellung abzugeben, aber ihn keinesfalls als Vitaminquelle schlecht reden, nur weil er mal sauer aufstößt.

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3 thoughts on “Ein Hauch von Ökonomik: Wenn das Leben dir Zitronen gibt…

  1. In Hayeks „Road to Serfdom“ gibt es ein Kapitel „Why the worst get on top“, das ich sehr erhellend finde. Er bezieht sich in seiner Analyse zwar auf totalitäre Parteien – also insbesondere Nazis und Kommunisten – aber vieles davon scheint mir auch für andere Parteien gültig zu sein.

    “There are three main reasons why such a numerous and strong group with fairly homogenous views is not likely to formed by the best but rather by the worst elements of any society….
    In the first instance, it is probably true that the higher education and intelligence of individuals become, the more their views and tastes are differentiated and the less likely they are to agree on a particular hierarchy of values.
    It is a corollary of this that if we wish to find a high degree of uniformity and similarity of outlook, we have to descend to the regions of lower moral and intellectual standards where the more primitive and “common” instincts and tastes prevail.
    This does not mean that the majority of people have low moral standards; it merely means that the largest group of people whose values are very similar are the people with low standards.
    It is, as it were, the lowest common denominator which unites the largest number of a numerous group is needed, strong enough to impose their views on the values of life on all the rest, it will never be those with highly differentiated and developed tastes it will be those who form the “mass” in the derogatory sense of the term, the least original and independent, who will be able to put the weight of their numbers behind their particular ideals.”

    http://www.savageleft.com/poli/rts-ten.html

    • Eine nette und durchaus plausible Überlegung. Mir gefällt auch der Umkehrschluss, der dann ein wenig beschreibt, weshalb der linke Flügel sich so schwerer zu tun scheint, eine gemeinsame Linie zu finden – er dürfte erwartungsgemäß der gebildetere und intelligentere sein 🙂 In diesem Sinne würde ich übrigens auch Kommunisten nicht in einer Linie mit Nazis nennen. Zumindest in der westlichen Welt bildeten sie eher den Widerstand gegen totalitäre Strömungen, wie sie etwa in der einstigen ÖVP zu finden waren und in den Austro-Faschismus geführt haben.

      • Hayek zentrale These ist ja, dass Sozialismus und Faschismus zwei Seiten einer Medaille sind, nämlich unterschiedliche Ausprägungen der kollektivistischen Ideologie, bei der sich der Einzelne der Gruppe unterordnen muss, die zentral von einem Führer oder einer Partei regiert wird. In so einem System kommen tendenziell jene Leute an die Spitze, die besonders niedrige moralische Standards haben und besonders skrupellose Methoden anwenden. Je weiter eine Gesellschaft in Richtung Kollektivismus abgleitet, desto schlechter wird die Qualität ihrer politischen Führungspersönlichkeiten.

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