Die Gegenfinanzierung von Steuerreformen: Eine Pi-mal-Daumen-Rechnung

Vor der anstehenden Nationalratswahl haben die wahlwerbenden Parteien ihre Steuerpläne vorgestellt. Sowohl SPÖ als auch ÖVP und FPÖ versprechen Steuersenkungen, hauptsächlich bei der Lohn- und Einkommenssteuer. Wie immer bei solchen Versprechen stellt sich die Frage der Gegenfinanzierung, d.h. an welcher Stelle im Staatsbudget Ausgaben eingespart werden soll. Und dabei sorgt ein Punkt immer wieder für Verwunderung: das Volumen der vorgeschlagenen Einsparungen ist immer geringer als das Volumen der Steuersenkungen. Zum Beispiel: Im Reformvorschlag der Volkspartei steht eine Senkung der Steuern und Abgaben von 12 Milliarden einer Ausgabensenkung von 8 Milliarden gegenüber. Woher sollen die restlichen 4 Milliarden kommen? Die Antwort lautet: aus Mehreinnahmen durch höheres Wirtschaftswachstum.

Wie soll das gehen und sind Mehreinnahmen in dieser Höhe realistisch?

Zunächst einmal zur Theorie: Da gibt es zwei Mechanismen wie eine Steuersenkung den volkswirtschaftlichen Output steigern könnte. Nennen wir sie den „keynesianischen” und den „neoklassischen“ Mechanismus. In einfachen keynesianischen Modellen führen niedrigere Steuern zu einem Anstieg im privaten Konsum und über den Multiplikatoreffekt zu einem höheren Volkseinkommen. In neoklassischen Modellen erhöht eine Steuersenkung den Arbeitsanreiz, weil der relative Preis der Freizeit steigt. Unter der Voraussetzung, dass der Substitutionseffekt dieser Preisänderung den Einkommenseffekt überwiegt, steigt die Beschäftigung und damit auch der Output.

In der Wirtschaftspresse wird fast ausschließlich der keynesianische Effekt angesprochen. Irgendwie scheint die Story vom Multiplikator beim durchschnittlichen Leser besser anzukommen als relativ komplexe Argumente über zwei gegenläufige Effekte einer Relativpreisänderung. Wie dem auch sei, jedenfalls halte ich das nachfrageseitige, keynesianische Argument in diesem Kontext für nicht schlagkräftig. Erstens sprechen wir bei der Frage der Gegenfinanzierung von der langen Frist, d.h. ob die Steuersenkungen auf die Dauer den Staatshaushalt belasten, und nicht von kurzfristigen Effekten auf die Konjunktur. Zweitens ist in einer kleinen offenen Volkswirtschaft wie Österreich der Multiplikatoreffekt gering bis inexistent – zumal man zum expansiven Effekt der Steuersenkung den restriktiven Effekt der einhergehenden Aufgabensenkungen dazurechnen muss.

Bleibt noch der angebotsseitige Effekt. Und dieser hängt davon ab, wie elastisch das Arbeitsangebot auf eine Änderung der Steuersätze reagiert. Die Elastizität des Arbeitsangebots bestimmt auch die Elastizität des Volkseinkommens. Dazu eine kleine Pi-Mal-Daumen-Rechnung. (Ich liebe solche Rechenspiele!)

Gemäß dem oben erwähnten Vorschlag soll die Abgabequote von derzeit 43,2% auf unter 40% des BIPs gesenkt werden, also eine Senkung des durchschnittlichen Steuersatzes um 3,2 Prozentpunkte. Damit die Mehreinnahmen, die durch Effekt auf das BIP entstehen sollen, 4 Milliarden betragen, muss das BIP um 10 Milliarden ansteigen. Das ist ein Anstieg von 2,7% gegenüber dem derzeitigen BIP. Das impliziert eine (Semi-)Elastizität des BIPs von 0,84 – sprich: eine Abgabensenkung von einem Prozent des BIPs erhöht das BIP um 0,84 Prozent. Die Steuer-Elastizität des Arbeitsangebots müsste sich also auch in diesem Bereich abspielen.

Ist das viel? Ist das wenig?

Schwer zu sagen. Es gibt Schätzungen zur Lohn-Elastizität des Arbeitsangebots. Sie variieren von Land zu Land (Hoch- oder Niedrigsteuerland), zwischen beobachteten Stichproben (Männer, Frauen, Singles, Ehepaare mit und ohne Kinder usw.) und zwischen beobachteten Zeiträumen (kurze Frist lange Frist). Laut dieser Studie vom deutschen IZA liegen die Lohn-Elastizitäten im Bereich von 0,2 bis 0,6 – sprich: ein Lohnanstieg von 1 Prozent steigert das Arbeitsangebot um 0,2-0,6 Prozent. Um von der Lohn-Elastizität auf die Steuer-Elastizität zu kommen, muss man erstere durch einen Faktor von 1 minus Steuersatz dividieren.* Damit käme man auf Steuer-Elastizitäten zwischen 0,33 und 1.

Mein sehr vorsichtiges Fazit: Mehreinnahmen von 4 Milliarden im Zuge einer Steuersenkung von 3 Prozent vom BIP sind nicht komplett utopisch, implizieren aber eine Steuer-Elastizität des Arbeitsangebots, die im oberen Bereich der plausiblen Schätzungen liegt.

*) Sei L das Arbeitsangebot und w der Nettolohnsatz, dann ist die Lohn-Elastizität

 \displaystyle \epsilon_w = \frac{dL}{dw}\frac{w}{L}. 

Der Nettolohnsatz beträgt  \displaystyle w = \tilde{w}(1-\tau),   wobei  \displaystyle \tilde{w} der Bruttolohnsatz und  \displaystyle \tau der Steuersatz ist. Die Steuer-(Semi-)Elastizität des Arbeitsangebots ist definiert als

 \displaystyle \epsilon_\tau = -\frac{dL}{d\tau}\frac{1}{L}. 

Es gilt:  \displaystyle dw = -\tilde{w}d\tau.  Daraus folgt:  \displaystyle  \epsilon_\tau = \frac{\epsilon_w}{1-\tau}. 

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2 thoughts on “Die Gegenfinanzierung von Steuerreformen: Eine Pi-mal-Daumen-Rechnung

  1. “Unter der Voraussetzung, dass der Substitutionseffekt dieser Preisänderung den Einkommenseffekt überwiegt, steigt die Beschäftigung und damit auch der Output.”

    Der Einkommenseffekt kann in beide Richtungen gehen.

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