Ökonomischer Analphabetismus in der “Zeit” Teil 2: das Grauen geht weiter

“Das Grauen! Das Grauen!” sind die letzten Worte des Protagonisten in Joseph Conrads Klassiker “Herz der Finsternis”. Das Herz der Finsternis in Sachen ökonomischer Bildung ist bekanntlich der Wirtschaftsjournalismus – eine Horrorshow, die wiedermal um einen grausigen Beitrag reicher geworden ist. Und wieder ist “Die Zeit” die Übeltäterin.

Warum hacke ich auf diesem anständigen Hamburger Qualitätsblatt eigentlich so rum? Nun, wenn es sich hier bloß um harmlose Missverständnisse im Zuge  wirtschaftsjournalistischer Berichterstattung handeln würde, wäre das bedauerlich aber ungefähr so bemerkenswert wie “Hund beißt Mensch”. Doch in diesem Fall fühlt sich eine Zeitung dazu berufen, ihren Lesern zuerst zu zeigen wie wenig sie von „der Wirtschaft“ verstehen um sie anschließend darüber zu belehren was man von „der Wirtschaft“ im Zeitalter der Globalisierung, Digitalisierung, Automatisierung und anderen -ierungen einfach wissen muss.

Und wie glaubt unser hanseatisches Qualitätsblatt dies bewerkstelligen zu können? Natürlich mit einem Online-Quiz. So weit so gut. Das Problem beginnt schon bei den ersten Fragen: “Was schätzen Sie: Bei wie viel Punkten lag der deutsche Aktienindex (DAX) am letzten Freitagabend ungefähr?“ Sorry, aber das muss wirklich niemand wissen. Und zwar nicht nur, weil der Punktstand eines Aktienindex für sich genommen genau gar nichts aussagt, sondern auch, weil das diese Art von Wissen ist, die im Zeitalter der Digitalisierung völlig unnütz ist. Faktenwissen kann ich Googeln. Zahlen interpretieren und Zusammenhänge verstehen – darum sollte es bei ökonomischer Bildung gehen.

Das Quiz versucht das dann auch. Und hier beginnt der eigentliche Skandal. Hier die erste Frage in der Rubrik „Ökonomisches Denken“:

Bildschirmfoto 2018-02-12 um 17.14.59

Ja, genau. Die richtige Antwort wird als falsch gewertet.

Ein ökonomisch gebildeter Mensch sollte wissen, dass die verkaufte Menge und der Preis gemeinsam von Angebot und Nachfrage bestimmt werden. Wenn der Preis steigt, kann damit ebensogut ein Anstieg, ein Rückgang oder keine Veränderung der Menge einhergehen – das kommt ganz darauf an, ob der Grund für den Preisanstieg in einer Verschiebung der Angebots- oder der Nachfragekurve oder beidem liegt.

Das ist die Art von Basiswissen, die jeder Erwachsene haben sollte und über die die Redakteure der „Zeit“ offenbar nicht verfügen.

Natürlich kann sich die „Zeit“-Redaktion rausreden und sagen sie hätten ja eigentlich die nachgefragte Menge gemeint und nicht die verkaufte. Aber eben darin liegt der ökonomische Analphabetismus: nicht zu verstehen, dass zwischen Nachfrage und Verkaufsmenge ein wichtiger konzeptioneller Unterschied liegt. Wer das nicht versteht, sollte sich nicht anmaßen seine Leser über „die Wirtschaft“ belehren zu wollen.

One thought on “Ökonomischer Analphabetismus in der “Zeit” Teil 2: das Grauen geht weiter

  1. Ich finde das auch echt schlimm muss ich sagen! Ich bemühe mich sehr meinen Studierenden in der Einführung VWL genau den Unterschied zwischen Nachfragefunktion, Angebotsfunktion, und der am Ende verkauften Menge (als Schnitt von Nachfrage- und Angebotsfunktion) zu erklären. Bei der Erstellung von Prüfungsfragen (wie das ja wohl auch eine ist) muss man dann extrem vorsichtig sein, dass man nicht unbeabsichtigt implizite Annahmen trifft, wie das hier ja wohl der Fall ist. Obwohl es hier eigentlich noch schlimmer ist, denn eigentlich kann man sich hier nicht darauf ausreden, dass mit “verkaufter Menge” eigentlich “nachgefragte Menge” gemeint ist, denn das sind zwei allgemein akzeptierte und unterschiedliche Begriffe.

    Auch die Frage über den Wert des DAX ist ja echt bescheuert! Der Zeit-Artikel macht mich echt traurig.

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