Wie sehr profitiert Österreich vom Außenhandel?

Paul Krugman zeigt uns wie man Handelsgewinne mit einer einfachen Formel berechnen kann und wendet sie auf den “Brexit” an. Seiner Berechnung zufolge würde ein harter Brexit ca. 2% vom britischen BIP kosten. 

Die Formel kommt aus einem mittlerweile zum Standard gewordenen Modell bilateraler Handelsströme von Johnathan Eaton und Samuel Kortum. Dieses Modell ist im Prinzip eine  Verallgemeinerung des „Ricardianischen Modells“, das wir alle im ersten Jahr VWL-Studium gelernt haben (wir erinnern uns: England tauscht Tuch gegen Wein aus Portugal,…), nur eben mit unendlich vielen Gütern und beliebig vielen Ländern. Die Formel setzt das Pro-Kopf-Realeinkommen einer Volkswirtschaft w in Beziehung zum Inlandsanteil seiner Gesamtausgaben („home share“) h:

w = a*h^(-b),

wobei die Konstante a die allgemeine Arbeitsproduktivität der Landes misst (je größer a, desto größer der „absolute Vorteil“ eines Landes) und der Parameter b die Streuung der Arbeitsproduktivität über die Länder hinweg bestimmt (je größer b desto stärker ausgeprägt sind die „komparativen Vorteile“ jedes Landes). Hier klicken, wer eine Herleitung sehen will. Eaton und Kortum und Krugman verwenden b=0,25 in ihren Berechnungen. Die Konstante a spielt für unsere Zwecke keine wesentlich Rolle.

Wie berechnet man den Inlandsanteil? Dazu müssen wir uns an die VGR-Identitäten erinnern. Das Bruttonationaleinkommen Y ist bekanntlich gleich den Gesamtausgaben eines Landes (Summe aus privatem und staatlichen Konsum und Investitionen) abzüglich der Netto-Exporte (Exporte X minus Importe M). Die Ausgaben auf inländische Güter erhält man indem man von den Gesamtausgaben die Importe abzieht oder wenn man vom Bruttonationaleinkommen die Brutto-Exporte abzieht. Das heißt wir können den Inlandsanteil wie folgt berechnen:

h = (Y-X)/(Y-X+M).

In einer geschlossenen Volkswirtschaft ist der Inlandsanteil gleich eins. Daraus folgt, dass das Pro-Kopf-Realeinkommen einer autarken Volkswirtschaft nur durch die allgemeinen Arbeitsproduktivität a bestimmt ist. Je offener die Volkswirtschaft, desto geringer der Inlandsanteil, desto größer sind die Handelsgewinne.

Nachstehende Grafik zeigt die Resultate meiner Berechnungen für die Österreich von 1995 bis 2017 (Daten von Eurostat). Warum 1995? Weil das das Jahr war, in dem Österreich zur EU beigetreten ist. Wie man sieht entfielen bei EU-Beitritt noch fast 2/3 der österreichischen Gesamtausgaben auf heimische Güter. Heute liegt der Anteil bei unter 50%.

Bildschirmfoto 2018-12-06 um 17.51.28

Laut unserer Formel stiegen dementsprechend die Handelsgewinne seit dem EU-Beitritt von ca. 11% auf über 20% des Pro-Kopf-Realeinkommens. Sprich: würde Österreich wieder zur Handelspolitik von vor 1995 zurückkehren, wären wir um rund 9% ärmer. Würde Österreich alle Handelsbeziehungen kappen und von nun an in perfekter Isolation leben, müssten wir auf 1/5 unseres Einkommens verzichten. Oder in absoluten Zahlen ausgedrückt: Jeder Österreicher ist im Schnitt um 8.400 Euro pro Jahr reicher durch den Außenhandel. Eine Rückkehr zu Vor-EU-Handelsverhältnissen würde jeden Österreicher ca. 3.800 Euro pro Jahr kosten.

Wie immer bei diesen Rechenspielchen sind die konkreten Zahlen mit viel Vorsicht zu genießen. Sie hängen stark von vereinfachenden Annahmen ab und bieten daher nur einen ersten groben Anhaltspunkt. Wie dem auch sei, ich mag solche Pi-mal-Daumen-Rechnungen einfach!

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