Dürfen wir Innovation kritisch gegenüberstehen?

Innovation ist ein positiv behafteter Begriff. Erneuerung und Überarbeitung von Bestehendem wird in vielen Fällen mit Verbesserung assoziiert, doch hält diese Assoziation einer Konfrontation mit der Empirie stand? Ist es für die gesamte Bevölkerung erstrebenswert, unaufhörlich nach Innovation zu streben? Der von Schumpeter nachhaltig geprägte und oftmals mit Innovation assoziierte Begriff der schöpferischen Zerstörung weist deutlich darauf hin, dass die erfolgreiche Anwendung und Diffusion von Neuem Altes zerstört oder verdrängt und somit auch mit negativen Auswirkungen einhergeht. Die wesentlichen Fragen sind also, ob die positiven Auswirkungen überwiegen und ob jeder von uns in gleicher Weise von Innovationen profitiert oder Teile der Bevölkerung verstärkt mit den negativen Konsequenzen konfrontiert sind.

Was lehrt uns die Vergangenheit?

Das weithin bekannte Gesetz von Angebot und Nachfrage lehrt uns, dass ein starker Anstieg des Angebots eines Produkts dazu führen sollte, dass der Preis dieses Gutes fällt. Unter diesem Aspekt ist es vielleicht im ersten Moment überraschend, dass der Skill Premium (die relative Lohndifferenz zwischen qualifizierten und unqualifizierten Arbeitskräften) in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts stark zunahm, obwohl der Anteil der US-Amerikaner, die einen College-Abschluss erworben haben, ebenso anstieg. (Acemoglu, 2002)

Diese Entwicklung ist nur dadurch erklärbar, dass die Nachfrage nach qualifizierten Arbeitskräften im gleichen Zeitraum aufgrund verschiedener Entwicklungen noch stärker zunahm als das Angebot. Als eine wesentliche Entwicklung ist in diesem Zusammenhang die Globalisierung zu nennen, da die Verlagerung von Produktionsaktivitäten in Billiglohnländer die heimische Nachfrage nach unqualifizierten Arbeitskräften in den Industrienationen wesentlich reduzierte. Diese Entwicklung trug mit Sicherheit dazu bei, dass sich die Löhne unqualifizierter Arbeitskräfte in den letzten Jahrzehnten weniger erhöhten als jene qualifizierter Arbeiter.

Eine weitere Erklärung bietet der technologische Fortschritt. Sowohl modelltheoretische, als auch empirische Studien (u.a. Acemoglu, 2002; Aghion, 2002; Griliches, 1969) weisen darauf hin, dass der technologische Fortschritt in der Vergangenheit skill-biased war. Damit ist gemeint, dass neue Technologien vor allem unqualifizierte Arbeitskräfte verdrängten und qualifizierte Arbeitskräfte für ihre Bedienung und Konstruktion benötigten. Ein Beispiel hierfür sind industrielle Fertigungsroboter. Diese ersetzen häufig Arbeitskräfte, die davor damit betraut waren, einfache Handgriffe im Produktionsprozess durchzuführen. Um die Roboter zu konstruieren und für ihre Tätigkeit zu programmieren, ist allerdings weitaus mehr Qualifikation erforderlich. Somit führt die Einführung eines Fertigungsroboters dazu, dass die Nachfrage nach qualifizierten Arbeitskräften steigt, wohingegen die Nachfrage nach unqualifizierten Arbeitern fällt. Doch wie können wir begründen, warum technologischer Fortschritt in der Vergangenheit skill-biased war? Hierfür sind mehrere Erklärungen denkbar.

  1. Zunächst wirkt es intuitiv überzeugend, dass tendenziell routinemäßige und einfache Tätigkeiten leichter automatisierbar sind als Tätigkeiten qualifizierter Arbeitskräfte, die Wissen, Problemlösungskapazitäten und Entscheidungsfindung erfordern.
  2. Die Konstruktion, Einrichtung und Bedienung von Technologien geht, wie bereits anhand des Beispiels des Fertigungsroboters erklärt, typischerweise mit höheren Qualifikationsanforderungen einher als die Tätigkeiten, bei welchen diese die menschliche Arbeit ersetzen.
  3. Eine weitere, unter anderem auf Caselli (1999) zurückgehende Erklärung betont die Fähigkeit qualifizierter und fähiger Arbeitskräfte, sich auf veränderte Marktgegebenheiten einzustellen. Es ist also zu erwarten, dass sich fähige Personen nach einem Jobverlust weitaus leichter neue Fähigkeiten aneignen können, welche für eine berufliche Umorientierung erforderlich sind. Dadurch sind Arbeitslosigkeit und ein sozio-ökonomischer Abstieg für qualifizierte und fähige Arbeitskräfte weniger wahrscheinlich.

All dies deutet darauf hin, dass der technologische Fortschritt der letzten Jahrhunderte vor allem negative Konsequenzen für Arbeitskräfte mit geringem Ausbildungs- und Fähigkeitsniveau mit sich brachte. Diese Hypothese wird auch durch empirische Studien zur Veränderung des Lebensstandards der britischen Arbeiterschaft in und nach der industriellen Revolution gestützt. Die Ergebnisse von Feinstein (1998) und Clark (2005) stimmen darin überein, dass sich das reale Einkommen britischer Blue Collar-Haushalte zwischen 1770 und dem frühen 19. Jahrhundert kaum erhöhte. Somit konnten sich britische Arbeiterhaushalte im Jahr 1800 kaum mehr mit ihrem Lohn kaufen als 1750, und das trotz der erheblichen Produktivitätssteigerungen in diesem Zeitraum. Eine beträchtliche und nachhaltige Erhöhung der Realeinkommen setzte erst ab 1850 ein. Berücksichtigt man in diesem Zusammenhang die Beschwernisse des städtischen Lebens und der Arbeit in Fabriken kann man vorsichtig schlussfolgern (Vorsicht ist aufgrund der spärlichen Datenlage geboten), dass sich die Lebensqualität der britischen Arbeiterschaft bis Mitte des 19. Jahrhunderts kaum verbesserte oder sogar etwas verschlechterte.

Diese Aussage wird durch die von Feinstein (1998) diskutierten Beobachtungen gestützt, wonach die Lebenserwartung weitestgehend unverändert blieb, während die Kindersterblichkeit während der industriellen Revolution zunahm und die durchschnittliche Körpergröße bis 1850 abnahm. Die letztgenannte Beobachtung ist deshalb interessant, weil die Körpergröße stark von der Gesundheit und dem Ernährungszustand in der Kindheit beeinflusst wird. Somit deutet eine abnehmende durchschnittliche Körpergröße auf Verschlechterungen in diesen Bereichen hin. Aufgrund dieser Erkenntnisse ist für mich nicht überraschend, dass Marx „Das Kapital“ erst 1867 veröffentlichte, in welchem er die kapitalistische Produktionsweise und die negativen Konsequenzen für die in Lohnarbeit beschäftigte Bevölkerung kritisierte, obwohl die Reallöhne zu diesem Zeitpunkt bereits zu steigen begonnen hatten.

Was können wir für die Zukunft erwarten?

Müssen wir davon ausgehen, dass auch die Technologien der Zukunft in erster Linie unqualifizierte Arbeitskräfte ersetzen werden? Betrachtet man die großen technologischen Errungenschaften der letzten Jahrzehnte, wie beispielsweise Computer, Internet, Artificial Intelligence und Machine Learning, wirkt es allerdings so, als wären diese zunehmend auch in der Lage, Tätigkeiten zu übernehmen, mit denen zuvor qualifizierte Arbeitskräfte betraut waren. Während Investitionsentscheidungen früher in erster Linie auf der Expertise von Fachkundigen beruhten, nehmen komplexe Prognosemodelle und Machine Learning in den letzten Jahren eine immer bedeutendere Rolle ein. Die Finanzbuchhaltung ist ein weiteres geeignetes Beispiel, da heutzutage Personen mit eingeschränkter Fachkompetenz unter Verwendung von Software Tätigkeiten verrichten können, die zuvor Fachpersonal vorbehalten waren.

Aus meiner Sicht wirkt es recht plausibel, dass die scheinbar veränderten Auswirkungen von Innovationen auf qualifizierte und unqualifizierte Arbeitskräfte schlichtweg das Resultat der kontinuierlichen Weiterentwicklung von Technologien sind. Da einfache Arbeitsschritte leichter automatisierbar sind, ist es offensichtlich, dass mit diesen Tätigkeiten betraute Arbeitskräfte bereits durch einfache Technologien in früheren Entwicklungsstadien (wie die Dampfmaschine im 18. Und 19. Jhdt.) ersetzt werden konnten. Um qualifizierte Arbeitskräfte zu verdrängen braucht es hingegen komplexe Technologien, wie beispielsweise den Computer oder Artificial Intelligence, die aufgrund ihrer Komplexität erst viel später entwickelt wurden. Angesichts dieser Entwicklungen kann man unter Umständen darauf hoffen, dass die negativen Konsequenzen von Innovationen in Zukunft nicht mehr so asymmetrisch und zu Lasten unqualifizierter Arbeitskräfte verteilt sein werden wie in der Vergangenheit.

Müssen wir zukünftige Innovationen also begrüßen, nachdem wir erwarten, dass diese nicht mehr einseitig zu Lasten bestimmter Bevölkerungsgruppen gehen werden?

Glaubt man der Argumentation von Caselli (1999) ist nach wie vor zu erwarten, dass sich fähige Arbeitskräfte nach einem Jobverlust leichter neue Fähigkeiten aneignen können, die für eine anderweitige produktive Tätigkeit erforderlich sind. Unqualifizierte Personen hingegen benötigen tendenziell längere Anpassungszeiträume. Aus diesem Grund sind vor allem der Zugang zu Bildung und ausgeprägte soziale Mobilität von zentraler Bedeutung, um Personen aller Bevölkerungsgruppen dieselben Möglichkeiten zu geben, sich veränderten Gegebenheiten anzupassen. Unter diesem Gesichtspunkt sind Ergebnisse wie jene von Blanden et al.  (2004) und Corak (2013) problematisch, die einen Rückgang der sozialen Mobilität in einigen ausgewählten Staaten dokumentieren.

Diese Ergebnisse deuten somit darauf hin, dass Innovationen nach wie vor mit dem Risiko einer ständig anwachsenden Einkommens- und Chancenungleichheit in der Gesellschaft einhergehen. Damit geht das Risiko gesellschaftlicher Spannungen und die Gefahr einher, dass sich Teile der Bevölkerung als Verlierer der Entwicklung sehen, wie es in ähnlicher Weise durch die Globalisierung geschah. Ebensolche Gefühle können auch das Wahlverhalten beeinflussen, wie man es in den Vereinigten Staaten unweigerlich beobachten konnte. Somit ist es durchaus gerechtfertigt, Innovation kritisch gegenüberzustehen, da technologischer Fortschritt dazu neigte und wohl auch nach wie vor dazu neigt, mit asymmetrisch verteilten Vor- und Nachteilen und in weiterer Folge gesellschaftlichen Spannungen einherzugehen.

Literaturverzeichnis

Acemoglu, D. (1998). Why Do New Technologies Complement Skills? Directed Technical Change and Wage Inequality. Quarterly Journal of Economics, 113(4), S. 1055-1090.

Acemoglu, D. (2002). Technical Change, Inequality and the Labor Market. Journal of Economic Literature, 40(1), S. 7-72.

Aghion, P. (2002). Schumpeterian Growth Theory and the Dynamics of Income Inequality. Econometrica, 70(3), S. 855-882.

Blanden, J., Goodman, A., Gregg, P., & Machin, S. (2004). Changes in Intergenerational Mobility in Britain. In M. Corak, Generational Income Mobility in North America and Europe (S. 122-146). Cambridge: Cambridge University Press.

Caselli, F. (1999). Technological Revolutions. American Economic Review, 89(1), S. 78-102.

Clark, G. (2005). The Condition of the Working Class in England, 1209–2004. Journal of Political Economy, 6, S. 1307-1340.

Corak, M. (2013). Income Inequality, Equality of Opportunity and Intergenerational Mobility. Journal of Economic Perspectives, 27(3), S. 79-102.

Feinstein, C. (1998). Pessimism Perpetuated: Real Wages and the Standard of Living in Britain during and after the Industrial Revolution. The Journal of Economic History, 58(3), S. 625-658. Griliches, Z. (1969). Capital-Skill Complementarity. Review of Economics and Statistics, 5, S. 465-468.

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4 thoughts on “Dürfen wir Innovation kritisch gegenüberstehen?

  1. Mediale Diskussionen beschränken sich zu oft auf die Frage der empirisch stets ausgebliebenen Massenarbeitslosigkeit und selbst dabei auf eine 0/1-Betrachtung. Viel dringender aber ist die Betrachtung der relativen Betroffenheit, wie sie im Beitrag erfolgt. Wenn richtigerweise angeführt wird, dass die Form des routine-based technologischen Fortschritts nun auch in qualifizierteren Berufen für stärkere Substitution sorgen wird, muss auch beachtet werden: freigesetzte Arbeitskräfte konkurrieren um Arbeitsplätze in oder unter ihrem Qualifikationsniveau. Das heißt, der Lohndruck durch temporäres Überangebot beschränkt sich nicht notwendigerweise auf den direkt betroffenen Qualifikationsbereich, sondern kann auch in untere Qualifikationsbereiche überschwappen. D.h. auch wenn der Beitrag nicht explizit von ‘Polarisierung’ spricht, so deutet das schlussgefolgerte Potenzial “einer ständig anwachsenden Einkommens- und Chancenungleichheit” auf genau diese hin – zurecht, wie ich meine.

  2. Guter Beitrag! Schön, dass wieder mehr Leben in den Blog kommt.

    1. inhaltlicher Kommentar: “Als eine wesentliche Entwicklung ist in diesem Zusammenhang die Globalisierung zu nennen, da die Verlagerung von Produktionsaktivitäten in Billiglohnländer die heimische Nachfrage nach unqualifizierten Arbeitskräften in den Industrienationen wesentlich reduzierte. Diese Entwicklung trug mit Sicherheit dazu bei, dass sich die Löhne unqualifizierter Arbeitskräfte in den letzten Jahrzehnten weniger erhöhten als jene qualifizierter Arbeiter.”

    Diese Auffassung wird in der einschlägigen Literatur eher nicht geteilt. Die Importe aus den “Billiglohnländern” sind erstens nicht so groß wie man landläufig annimmt, und zweitens importieren wir gar nicht unbedingt arbeitsintensive Güter aus diesen Ländern. Paul Krugman hat dazu einiges geschrieben.

    2. Kommentar: bei den “Beschwernissen des städtischen Lebens” darf man nicht vergessen, dass die “Beschwernisse des Landlebens” damals noch um einiges schlimmer waren – nicht umsonst sind damals massenhaft Leute vom Land in die Stadt gezogen. Landarbeiter lebten i.d.R. am absoluten Subsistenzminimum und konnten wenn überhaupt nur eine kleine Familie ernähren. Arbeiter in den Städten waren demgegenüber deutlich besser gestellt und konnten auch mehrköpfige Familien ernähren (daher auch das rasante Bevölkerungswachstum).

    Und dann ein pedantischer Kommentar: “Dürfen wir Innovationen kritisch sehen?” Ist nicht ganz die richtige Frage. It’s a free country: wir dürfen alles kritisch sehen. “Sollen wir Innovationen kritisch sehen?” erscheint mir sinnvoller.

  3. Pingback: Effekte von Innovationen auf den Arbeitsmarkt | Graz Economics Blog

  4. Pingback: Sinkt die Chancengleichheit der Individuen mit einem Anstieg der Einkommensungleichheit? | Graz Economics Blog

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