Ein Hauch von Ökonomik: Nur die halbe Wahrheit

Heute ist High School Drama angesagt. Unser Schwarm hat sich gegen uns entschieden. Für unser Ego aber kommt es nicht in Frage, dass es an uns liegen könnte. Stattdessen muss wohl eine unserer Freundinnen die Beziehung sabotiert haben. So ein Biest hat in unserem Freundeskreis natürlich nichts verloren. Das gilt es den anderen aber erst einmal klar zu machen.

Dabei sollten wir nicht einfach drauf los lästern und sie mit der Unterstellung überrumpeln. Die anderen würden rasch vermuten, das bloß die Eifersucht oder gar Boshaftigkeit aus uns spricht. Das könnte uns mehr schaden als nützen. Nein, die anderen müssen von sich aus zur von uns gewünschten Entscheidung gegen dieses Biest kommen. Die Grundlage für die Entscheidung kann also nicht bloß unser Wort sein. Stattdessen muss ihnen eine Information vorliegen, bei der sie sich sicher sein können, dass sie so stimmt und wir sie nicht in unserem Interesse ändern konnten.

Nun wissen wir doch aber selbst nicht, ob an unserer Anschuldigung wirklich etwas dran ist. An dieser Stelle kommt die berühmte halbe Wahrheit ins Spiel. Die Sache genau zu beleuchten und jedes Detail über den Charakter unserer nunmehrigen Erzfeindin aufzurollen, ist mühsam und gefährlich. Immerhin könnte dabei auch Licht auf ihre positiven Seiten geworfen und deutlich werden, wie wenig die Sache eigentlich irgendjemanden angeht. Nein, uns ist lieber, die anderen befassen sich mit wenigen, dafür aber den richtigen Fragen.

Die richtigen Fragen sind aus unserer Sicht jene, deren Antworten für sich alleine aus dem Zusammenhang gerissen und ins Rampenlicht gestellt verdächtig wirken könnten. Und da sie mal unsere Freundin war und uns vertraut hat, haben wir wohl ein ganz gutes Gefühl dafür, welche Fragen das sein könnten. Am Ende gestaltet sich unser Feldzug daher einfacher, als es anfangs den Anschein hatte: statt etwas hieb und stichfest belegen zu müssen, genügt es wahrscheinlich, wenn das aus den Antworten der Erzfeindin entstehende Misstrauen groß genug ist, um die Freundschaft mit ihr zu belasten. Deshalb müssen wir auch keine Beweise fingieren, sondern bloß den Fokus auf die von uns ausgegrabenen Dinge lenken und auf sie beschränken – ein Unterfangen, das unter Freundinnen mit durchschnittlicher Aufmerksamkeitsspanne ganz gute Chancen haben könnte.

Es geht also nicht darum, direkten und gesicherten Einfluss auf ein Urteil zu haben. Es reicht, die Einschätzung der Freundinnen so zu verändern, dass ihnen das von uns gewünschte Urteil ein Stück weit näher liegt. Ohne jegliche Intervention unsererseits schätzen sie das Biest noch überwiegend positiv. Ein paar gezielte Fragen und schon mag die Einschätzung kippen – vielleicht auch nur leicht, aber es mag genügen: statt eher ja, heißt es dann eher nein.

Wenn ‚Information Design‘ und sogenannte ‚Bayesian Persuasion‘ in unserem kleinen privaten Feldzug gute Aussichten auf Erfolg haben, mag es wohl auch in größerem Stil für Unternehmen oder der Politik funktionieren. Vor allem ist es eine attraktive Alternative zu verschwörungstheoretischem Tobak. Wer falsche Informationen verbreitet, kann aufgedeckt werden. Wenn dies zum nachhaltigen Vertrauensverlust führt, kann das am Ende mehr kosten als es nützt. Weniger riskant ist es da der Versuch, die Aufmerksamkeit der Kundschaft oder Öffentlichkeit auf jene Fragestellungen zu lenken und beschränken, bei denen wir uns nützliche Antworten erhoffen. Es geht also darum, korrekte Information zu fördern, aber eben selektiv. Der Anspruch ist dabei auch nicht, ausschließlich solche Information zu erlangen, die unserem Anliegen nützt. Es genügt, den Mix aus uns nützlicher und uns nachteiliger Information soweit zu verändern, dass die darauf aufbauende Entscheidung anderer knapp aber doch zu unseren Gunsten ausfällt. Am Ende geht es um die Wahrheit, aber eben nicht um die ganze.

Blöde Sache und ein Grund mehr, weshalb die ökonomische Theorie für effiziente Lösungen vollständige und allseits gleichermaßen vorliegende Information empfiehlt. Eine Empfehlung der die Realität in vieler Hinsicht nur selten folgt. Was daher grundsätzlich eher nach Wunschdenken klingt, ist in unserem kleinen High School Drama vermutlich nicht einmal das. Im sozialen Miteinander ist schließlich auch gerade der Schutz von privater oder gar intimer Information erstrebenswert. Werden unangebrachte Fragen toleriert, kann das Gegenüber zu unangebrachtem Antwortverhalten gezwungen sein. Das Recht zu schweigen mag den Verdacht erhöhen, die Aussage einen Verrat an sich selbst und der Vertraulichkeit darstellen. Da ist unsere Erzfeindin im Gegensatz zur Wahrheit nicht nur halb, sondern doppelt in der Zwickmühle.

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