Führen Innovationen langfristig zu mehr Arbeitslosigkeit?

Heutzutage diskutieren viele Medien, wie etwa „Der Standard“ in Österreich oder „Die Zeit“ in Deutschland, das Thema Automatisierung und deren Auswirkungen auf den Arbeitsmarkt. Zumeist wird über die „Vernichtung“ von Arbeitsplätzen gesprochen und darüber, dass die Automatisierung zu einem rasanten Anstieg der Arbeitslosigkeit führen wird. Daher stellt sich die Frage, wie berechtigt diese Befürchtungen sind.

Was können wir aus der Geschichte lernen?

Das Thema der technologischen Arbeitslosigkeit beschäftigte in der Vergangenheit schon einige namhafte Ökonomen, wie etwa John Maynard Keynes oder Wassily Leontief. Keynes schrieb 1933, im Rückblick auf die historischen Entwicklungen in Großbritannien, dass die Zunahme der technischen Effizienz zu schnell erfolgt, als das diese vom Arbeitsmarkt absorbiert werden kann. Das heißt, dass der rasante technische Wandel dazu führt, dass kurzfristig einige Arbeitnehmer ihren Arbeitsplatz verlieren und durch Maschinen ersetzt werden. Für diese Arbeitnehmer kann kein geeigneter Arbeitsplatz in anderen Betrieben gefunden werden. Sie bleiben arbeitslos. Jedoch spricht Keynes von einer vorübergehenden Phase der Fehlanpassung. Ähnlich argumentiert Leontief 1952. In seiner Beobachtung spricht er darüber, dass menschliche Arbeit unwichtiger wird und zunehmend durch Maschinen ersetzt wird. Seine Aussagen über die lange Frist sind aber negativer als die von Keynes, da er davon ausgeht, dass die „neuen“ Industrien weniger Arbeitskräfte als die „alten“ Industrien benötigen.

Im Nachhinein zeigen die empirischen Beobachtungen, dass diese Befürchtungen nicht eingetreten sind. Die Erwerbsquote (Anteil der Erwerbstätigen und Arbeitslosen an der Gesamtbevölkerung im erwerbsfähigen Alter) innerhalb der OECD – Staaten ist von 66% (1960) stetig auf 72% (2017) gestiegen. Die gleiche Entwicklung ist in den USA und Großbritannien zu beobachten (OECD, 2018).

Einflussfaktoren auf den Arbeitsmarkt

80 Jahre nach Keynes und 60 Jahre nach Leontief werden die Auswirkungen der Automatisierung auf den Arbeitsmarkt wiederum kritisch gesehen. Um die Auswirkungen dieser Entwicklung zu beurteilen, erarbeiten Acemoglu und Restrepro (2017) ein Modell, in welchem menschliche Arbeitskräfte und maschinelle Arbeitskräfte in der Erfüllung verschiedener Arbeitsschritte in der Produktion eines Gutes konkurrieren. Acemoglu und Restrepro (2017) zeigen in ihrem Modell, dass die Automatisierung von Arbeitsschritten zu drei verschiedenen Effekten führen kann:

  • Dem Verdängungseffekt
  • Dem Preisproduktivitätseffekt
  • Dem Skalenproduktivitätseffekt

Der Verdrängungseffekt beschreibt, dass bei gegebenem Output und Preisen die mechanische Arbeit die menschliche Arbeit ersetzt und daher die Nachfrage nach menschlicher Arbeit sinkt. Der Preisproduktivitätseffekt beschreibt, dass durch die Automatisierung die Kosten in der Produktion sinken, da die Industrie nun effizienter produzieren kann. Daher kann die Industrie expandieren und die Nachfrage nach Arbeitskräften steigt. Der Skalenproduktivitätseffekt beschreibt, dass die Produktivitätssteigerung und Output-Ausweitung in einer dem technologischen Wandel unterliegenden Industrie, die Nachfrage an Inputfaktoren (zusätzlich zur Arbeitskraft) in jener Industrie erhöht. Dies führt zu Wachstumseffekten auf jene anderen Industrien, die diese Inputfaktoren lieferen.  Ausgehend von diesem Modell kann der absolute Effekt der Automatisierung auf den Arbeitsmarkt daher positiv, negativ oder neutral sein, abhängig von der Größe und Dauer der drei beschriebenen Effekte.

Modelltheoretischer Ansatz

Acemoglu und Restrepro (2017) gehen davon aus, dass die Produktion der Güter in einer Volkswirtschaft in mehreren verschiedenen Arbeitsmarktzonen durch verschiedene Industrien stattfindet. Die verschiedenen Arbeitsmarktzonen können als Städte, Bezirke aber auch Länder angesehen werden, unter welchen auch ein Austausch von Arbeitskräften stattfinden kann. In ihrem Modell werden Güter durch mehrere klar trennbare Arbeitsschritte hergestellt, wobei einige Arbeitsschritte nur durch menschliche Arbeit durchgeführt werden können. In den anderen Arbeitsschritten konkurrieren menschliche und mechanische Arbeit, wobei der Unternehmer die Wahl hat, welche Form der Arbeit er einsetzt. Es wird angenommen, dass mechanische Arbeit produktiver ist als menschliche Arbeit. Daher wird in diesen Arbeitsschritten nur mechanische Arbeit eingesetzt. Die Folgen der Automatisierung werden so modelliert, als dass ein weiterer Arbeitsschritt maschinell getätigt wird, welcher vor dem technologischen Fortschritt nur durch menschliche Arbeit verrichtet werden konnte. 

Empirische Anwendung

Das Model von Acemoglu und Restrepo (2017) wird auch herangezogen, um die Auswirkungen der Automatisierung in den Vereinigten Staaten zu schätzen. Dabei wird die Änderung der Arbeitsnachfrage in 19 Industrien relativ zu der Anzahl der Roboter in einer Industrie gesetzt. Für die empirische Analyse werden 722 verschiedene Arbeitsmarktbezirke in den USA herangezogen, und das Verhältnis zwischen Arbeitskräften und Robotern zwischen 1993 und 2007 verglichen. Wichtig ist hierbei auch zu erwähnen, dass Roboter so definiert werden, dass diese keine menschliche Arbeit während des laufenden Betriebes benötigen, der Roboter verschieden programmiert werden kann und so mehrfach einsetzbar ist. Daher zählen beispielsweise diverse Softwarepakte (z.B. Buchungssoftware) nicht als Roboter in diesem Sinne, da diese menschliche Input benötigen und nicht vollkommen autonom arbeiten können.  

Die Ergebnisse der Autoren lassen darauf schließen, dass die Automatisierung einen signifikanten negativen Effekt auf die Arbeitsnachfrage hat. Das heißt, dass der Verdrängungseffekt in dieser Periode größer als der Produktivitätseffekt ist. Die Autoren kommen zu dem Ergebnis, dass ein zusätzlicher Roboter pro tausend Arbeitnehmer die Gesamtbeschäftigungsquote um 0,34 Prozentpunkte reduziert.  Das bedeutet, dass die Automatisierung über alle bestehenden Sektoren und Zonen in USA hinweg, zu einem Rückgang der Gesamtbeschäftigung im Zeitraum von 1993 bis 2007 geführt hat. Das Ergebnis dieser Arbeit ist interessant, da man aus diesen Ergebnissen ableiten kann, dass Automatisierung einen negativen Einfluss auf die gesamte Beschäftigung hat, woraus man vorsichtig schließen kann, dass durch die Automatisierung einige Personen keine Arbeit mehr finden können und daher dazu gezwungen sind den Arbeitsmarkt verlassen.

In diesem Zusammenhang ist es wiederum interessant zu erwähnen, dass die Gesamtbeschäftigungsquote (Anteil der Erwerbstätigen an der Gesamtbevölkerung im erwerbstätigen Alter) in den USA in diesem Zeitraum von 71,2% auf 71,8% gestiegen ist (OECD,2018). Diese Beobachtung widerspricht aber nicht zwangsläufig den Ergebnis von Acemoglu und Restrepro (2017), da diese nur bestehende Industrien betrachten.

Ausblick in die Zukunft

Historisch gesehen gibt es keinen Ansatzpunkt dafür, dass Innovationen in der langen Frist zu einem Anstieg der Arbeitslosigkeit führen. Beispielsweise führte die Industrielle Revolution dazu, dass neben dem eingehenden Bevölkerungswachstum der Reallohn der Bevölkerung in Großbritannien ab etwa 1820 signifikant stieg und mehr Arbeitskräfte vom landwirtschaftlichen Sektor in die Industriesektoren wechselten. Dieser gesellschaftliche Wandel hatte neben der Urbanisierung, was daran lag, dass die meisten Industrien in Städten entstanden sind, auch zur Folge, dass der Bildungsgrad in Großbritannien gestiegen ist. Die Analphabetenrate lag 1760 noch bei 40% (bei Männern) und 70% (bei Frauen). Diese Rate hat sich bis 1880 auf 10% für beide Geschlechter reduziert. 

Zusammenfassend lässt sich ableiten, dass technologischer Fortschritt, und so auch Automatisierung, zu Produktivitätssteigerungen und zu Wachstum in der Industrie selbst und der gesamten Wirtschaft führt. Neben den positiven Auswirkungen tritt auch ein negativer Verdrängungseffekt auf, der unweigerlich kurzfristig zur Arbeitslosigkeit der Arbeitnehmer führt, deren Qualifikationen am Arbeitsmarkt nicht mehr ausreichend nachgefragt werden.  Jedoch lassen sich die tatsächlichen Folgen der neuen Welle der Automatisierung, getragen durch künstliche Intelligenz, schwer abschätzen. Selbst ausgehend von den Ergebnissen von Acemoglu und Restrepo (2017) lässt sich eine langfristige Auswirkung auf den Arbeitsmarkt schwer ableiten, da die Studie nur bestehende Sektoren beinhaltet und daher durch die Automatisierung neu entstehende Sektoren nicht berücksichtigt, welche die empirische Beobachtung des Anstieges der Gesamtbeschäftigungsquote erklären würden. Die Geschichte lehrt uns aber, dass durch den technologischen Wandel neben der Auslöschung diverser Berufsfelder auch neue Berufsfelder entstehen. Ein Beispiel für ein aufstrebendes neues Berufsfeld in der heutigen Phase des technologischen Fortschrittes ist generell der IT-Sektor, in welchem derzeit das Angebot an ausgebildeten Personen relativ zur Nachfrage sehr gering ist.  

Abschließend lässt sich ableiten, dass es nicht möglich sein wird, eine kurzfristige technologische Arbeitslosigkeit zu verhindern, jedoch kann eine zukunftsgerichtete Ausbildung der nächsten Generationen, auf der einen Seite, die Nachfrage nach Arbeitskräften in den neuen Industrien sättigen und auf der anderen Seite eine zielgerichtete Weiterbildung jedes einzelnen Arbeitsnehmer auch die Gefahr minimieren, von technischer Arbeitslosigkeit betroffen zu sein. Das heißt, dass die Dauer und Größe der technischen Arbeitslosigkeit, in Folge des technologischen Wandels, vor allem mit der Anpassungsfähigkeit und der Struktur des Arbeitsmarktes zusammenhängt.

Um auf die Ausgangsfrage zurückzukommen:  Innovationen führen kurzfristig zu einem Verdrängungseffekt, welcher zur technischen Arbeitslosigkeit führt, wenn der verdrängte Arbeitnehmer gegeben seiner Qualifikationen keinen Platz mehr am Arbeitsmarkt findet. Die Frage, ob diese Form der Arbeitslosigkeit langfristig bestehen bleibt, hängt stark davon ab, wie die Gesellschaft auf die Verdrängung reagiert. Eine Anpassung des Bildungssystems und die Förderung von diversen Ausbildungen zur Aneignung des nötigen Wissens, um in den neu entstehen Industrien zu arbeiten, sind notwendig, um den Verdrängungseffekt zu dämpfen.

Literaturverzeichnis

Acemoglu, D., & Restrepo, P. (2018). Demographics and automation (No. w24421). National Bureau of Economic Research.

Acemoglu, D., & Restrepo, P. (2017). Robots and jobs: Evidence from US labor markets.

Clark, G. (2005). The condition of the working class in England, 1209–2004. Journal of Political Economy, 113(6), 1307-1340.

Keynes, J. M. (2010). Economic possibilities for our grandchildren. In Essays in persuasion (pp. 321-332). Palgrave Macmillan, London.

Leontief, W. (1952). Machines and man. Scientific American, 187(3), 150-164.

STANDARD Verlagsgesellschaft m.b.H. (2019), Automatisierung: Österreich bei gefährdeten Jobs im Mittelfeld, https://derstandard.at/2000077262874/Automatisierung-Oesterreich-bei-gefaehrdeten-Jobs-im-Mittelfeld, Zugriff am 31.01.2019

ZEIT ONLINE GmbH (2019), Zukunft,Arbeit und Arbeitsmarkt; https://www.zeit.de/karriere/beruf/2016-01/zukunft-arbeit-arbeitsmarkt/seite-2,Zugriff am 31.01.2019

Organisation for Economic Co-operation and Development (2018), Employment Rate,https://data.oecd.org/emp/employment-rate.htm#indicator-chart, Zugriff am 31.01.2019

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2 thoughts on “Führen Innovationen langfristig zu mehr Arbeitslosigkeit?

  1. Pingback: Effekte von Innovationen auf den Arbeitsmarkt | Graz Economics Blog

  2. Spannende Diskussionsgrundlage, allerdings sei erwähnt, dass auch der von Acemoglu und Restrepo berücksichtigte “Preisproduktivitätseffekt” keine naturgegebene Selbstverständlichkeit ist, wie in vielen (der Kompensationstheorie folgenden Analysen) angenommen. Er ergibt sich nur unter der Annahme, dass zu niedrigeren Preisen noch unbefriedigte Nachfrage besteht. Damit wird die aus der Neoklassik bekannte Annahme ausgereizt, der Mensch wäre nie gesättigt. Nun stößt diese Annahme aber produktspezifisch auf Grenzen.
    Außerdem wäre dem (trotz meiner Kritik) zumeist wohl eintretende “Preisproduktivitätseffekt” gegenzurechnen, in wie weit die Nachfragesteigerung nach dem nun billigeren Gut bloß Nachfrage nach einem anderen substituiert – also auf die gesamtwirtschaftliche Nachfrage und deren Effekte eben nicht rein ergänzend wirkt.
    Kurzum, die ohnehin nicht sonderlich optimistische Analyse von Acemoglu und Restrepo könnte noch immer zu optimistisch ausfallen. Umso wichtiger und dringender sind Maßnahmen wie die oben genannte “Anpassung des Bildungssystems”.

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