Effekte von Innovationen auf den Arbeitsmarkt

Innovationen werden als zentrale Treiber zur Stimulierung von Produktion und Beschäftigung gesehen. Für die Wettbewerbsfähigkeit von Unternehmen ist es wichtig, neue Produkte erfolgreich auf den Markt zu bringen, sowie Produktions- und Dienstleistungsprozesse zu verbessern und auszubauen. Derartige Innovationen können sich sowohl positiv als auch negativ auf die Beschäftigung auswirken. Die zentrale Frage ist, welcher dieser beiden Effekt überwiegt. Werden durch technologische Neuerungen mehr Arbeitsplätze geschaffen oder werden Arbeitskräfte von neuen Technologien wie Robotern verdrängt?

In einem ersten Schritt kann in die Vergangenheit geblickt werden, um zu analysieren welche Effekte historische Entwicklungen auf die Arbeitswelt hatten, um daraus eventuell Schlüsse für die aktuelle Situation ziehen zu können. Als Beispiel eignet sich dafür die Betrachtung der Wirkungen der industriellen Revolution auf die Lebensqualität der britischen Arbeiterschaft. Die Ergebnisse von Feinstein (1998) und Clark (2005) werden in Manuel Grubers Blogpost erläutert. Beide Autoren zeigen, dass kaum eine Änderung der realen Einkommen der Haushalte während oder unmittelbar nach der Revolution stattfand und sich auch der Lebensstandard der britischen Arbeiterschaft lange Zeit nicht verbesserte. Somit trat keine sofortige Wirkung ein, doch langfristig (etwa 80 Jahre später) beeinflussten Innovationen die Lebenssituation und die Reallöhne in positiver Hinsicht.  

Würde man versuchen dieses Ergebnis auf die momentane Lage zu übertragen, käme man zu einer ernüchternden Erkenntnis. Es würde bedeuten, die aktuellen Innovationen und die technologischen Fortschritte kämen zunächst vermutlich nur wenigen KapitaleignerInnen zu Gute, während es lange dauern würde, bis Verbesserungen für die breite Masse sichtbar würden. Bei einer derartigen Vergleichsziehung muss man allerdings beachten, dass die Lebensumstände aktuell ganz andere sind als noch vor 200 Jahren, insbesondere das Bildungsniveau ist kaum vergleichbar. Wie auch Clark (2005) diskutiert, gab es damals in England noch keine Schulpflicht, wodurch die Analphabetenrate sehr hoch war, was eine Neuorientierung nach einem Arbeitsplatzverlust deutlich erschwerte. Heute ist das durchschnittliche Bildungsniveau weitaus höher und zudem stehen ArbeitnehmerInnen mehr Möglichkeiten zur Verfügung, um sich weiterzubilden oder umzuschulen. Aus diesem Grund lässt sich vermuten, dass Arbeitskräfte flexibler auf Änderungen reagieren können, sie die Möglichkeiten der Umorientierung nützen und demzufolge positive Effekte von Innovationen schneller in der untersten Einkommensschicht ankommen sollten.

In einem zweiten Schritt kann nun analysiert werden, ob derzeitige Innovationen vermehrt positiv oder negativ auf die Beschäftigung wirken. Harrison, Jaumandreu, Mairesse und Peters (2008) diskutieren in ihrer Studie einen derartigen Zusammenhang und gelangen zu dem Ergebnis, dass Innovationen mehr Arbeitsplätze schaffen als sie verdrängen.

Diese Studie basiert auf Daten des international harmonisierten Community Innovation Survey, wobei es sich um eine Datenerhebung einiger EU-Staaten handelt, die seit 1998 alle zwei Jahre durchgeführt wird und bei der Firmen zu ihren Innovationen befragt werden. Der Datensatz ermöglicht es, zwei Arten zu unterscheiden: Produkt- und Prozessinnovationen.

  • Unter Produktinnovation versteht man die Einführung eines neuen Produkts oder eine Änderung direkt an einem bestehenden Produkt, also beispielsweise die Erstellung einer Nachfolgegeneration eines Gutes.
  • Eine Prozessinnovation umfasst hingegen eine produktivitätssteigernde, neue Herstellungsform bestehender Produkte.

Auf die Tatsache, wie wichtig eine derartige Unterscheidung zwischen den beiden Formen für die Schlussfolgerung ist, wird an späterer Stelle noch eingegangen. Allerdings wird in der folgenden Erläuterung die Wirkung von Prozessinnovationen nicht betrachtet, da es den Autoren aufgrund von Definitionsschwierigkeiten und mangelnden Daten nicht gelingt, einen aussagekräftigen Effekt zu zeigen.

In ihrer Analyse schätzen die Autoren eine Gleichung des Beschäftigungswachstums in Abhängigkeit von Produktinnovationen und dem Wachstum der Outputniveaus alter und neuer Güter. Eine Produktinnovation kann in zweierlei Hinsicht auf das Beschäftigungsniveau wirken. Einerseits kann es aufgrund technologischer Neuerungen zu einem negativen Verdrängungseffekt kommen, was bedeutet, dass Produktivitätssteigerungen eintreten und damit die gleiche Menge an Gütern mit weniger Arbeitskraft erstellt werden kann. Andererseits ist auch ein positiver Kompensationseffekt möglich, der auftritt, da höhere Produktivität zu einer Reduktion der Stückkosten führt, damit die Preise sinken und im Endeffekt die Nachfrage nach den Gütern steigt. Außerdem können Verbesserungen und Weiterentwicklungen von Produkten auch neue Nachfrage schaffen. Wie Beschäftigung insgesamt von Innovationen beeinflusst wird, hängt davon ab, welcher dieser beiden Effekte überwiegt.

Die Studie von Harrison, Jaumandreu, Mairesse und Peters zeigt, dass Produktinnovationen zu einer Stimulierung der Beschäftigung führen, wobei eine Zunahme von derartigen Neuerungen um ein Prozent, im Durchschnitt zu einem Brutto-Beschäftigungswachstum von einem Prozent führt. Die Autoren argumentieren, dass neue Produkte in einem gewissen Ausmaß bestehende Produkte der Unternehmen verdrängen, womit gleichzeitig Beschäftigungsverluste verbunden sind, allerdings zeigt eine Zerlegung des durchschnittlichen Beschäftigungswachstums, dass der Nettobeitrag der Produktneuheiten insgesamt positiv ist. Somit lässt sich zusammenfassen, dass es zwar einen negativen Verdrängungseffekt von Innovationen gibt, allerdings wird dieser von den höheren Zugewinnen der neuen Entwicklungen kompensiert, was einhergeht mit der Schaffung von neuen Arbeitsplätzen.

In Florian Weinbergers Blogpost zur Diskussion von Acemoglu und Restrepo (2017) wird hingegen ein gegenteiliger, negativer Effekt von Innovationen auf die Beschäftigung gezeigt. Wie kommt dieses abweichende Endergebnis zustande?

In den beiden Studien wurden zum einen sehr unterschiedliche Daten verwendet. Die Studie von Harrison, Jaumandreu, Mairesse und Peters (2008) basiert auf Daten von Firmen aus vier europäischen Ländern in der Periode zwischen 1998 und 2000 und betrachtet somit einen sehr kurzen Zeitraum. Außerdem beziehen sie nur Firmen in ihre Stichprobe mit ein, welche sowohl zu Beginn dieses Zeitraums, als auch am Ende, eine gewisse Umsatzgröße erreichten. Unternehmen, welche in dieser Periode in Konkurs gingen, wurden somit ausgeschlossen. Eine derartige Stichprobe kann zu Fehlinterpretationen führen, da nur die erfolgreichsten Unternehmen einbezogen werden. Acemoglu und Restrepo (2017) betrachten im Gegensatz dazu beinahe die gesamte USA und erfassten zudem einen wesentlich längeren Zeitraum von 1993 bis 2007.

Zum anderen wurde in der Studie von Harrison, Jaumandreu, Mairesse und Peters, wie bereits zuvor erwähnt, hauptsächlich eine Aussage über den Effekt von Produktinnovationen getroffen, wohingegen bei der anderen Studie Prozessinnovationen der Fokus der Analyse waren. Damit könnte man eventuell schlussfolgern, dass Produktinnovationen positiv auf die Beschäftigung wirken und bei Prozessinnovationen der negative Verdrängungseffekt überwiegt.

Basierend auf der Analyse der industriellen Revolution und der Studie von Harrison, Jaumandreu, Mairesse und Peters kann die eingangs gestellte Frage, ob technologische Neuerungen positiv auf die Beschäftigung wirken tendenziell mit ja beantwortet werden. Es scheint, als würden die positiven Effekte bei Produktinnovationen überwiegen und damit sogar zu höherer Beschäftigung führen. Allerdings muss bedacht werden, dass bei Prozessinnovationen der negative Verdrängungseffekt auf Arbeit überwiegen könnte, wodurch der Gesamteffekt auf eine Volkswirtschaft nicht eindeutig ist. Demnach wäre es für zukünftige Forschung interessant, zu analysieren, wie der kombinierte Gesamteffekt auf die Beschäftigung aussieht und damit nicht nur die Wirkung einer einzelnen Form zu betrachten.

Literaturverzeichnis

Acemoglu, D. (2002). Technical Change, Inequality and the Labor Market. Journal of Economic Literature, 40(1), S. 7-72.

Clark, G. (2005). The Condition of the Working Class in England, 1209–2004. Journal of Political Economy, 6, S. 1307-1340.

Feinstein, C. (1998). Pessimism Perpetuated: Real Wages and the Standard of Living in Britain during and after the Industrial Revolution. The Journal of Economic History, 58(3), S. 625-658.

Harrison, R., Jaumandreu, J., Mairesse, J., & Peters, B. (2014). Does innovation stimulate employment? A firm-level analysis using comparable micro-data from four European countries. International Journal of Industrial Organization, 35, S. 29-43.

Advertisements

3 thoughts on “Effekte von Innovationen auf den Arbeitsmarkt

  1. Danke für die interessanten Beiträge!

    Ich konnte mit der Unterscheidung zwischen Prozess- und Produktinnovationen nie viel anfangen. Impliziert nicht jede Produktinnovation auch gleichzeitig einen neuen Prozess? Und gibt es wirklich Beispiele für reine Prozessinnovationen, die nicht mit irgendeiner Neuerung im Produkt einhergingen?

    Das beste Beispiel für eine Prozessinnovation, das mir einfällt, ist die von Ford eingeführte Fließbandproduktion für das T-Modell. Und gerade das scheint mir ein gutes Beispiel zu sein für eine arbeitssparende Prozessinnovation, die ganz klar positive Beschäftigungseffekte hatte. Während der Arbeitsaufwand pro Auto von 12h auf 1.5h gesenkt wurde, stieg der Output von 11 Autos pro Monat auf 9.000 pro Tag (!). (Quelle: Wikipedia)

    In gewisser Weise ist Uber eine Prozessinnovation: eine bestehende Dienstleistung (Taxifahrten) werden mithilfe einer neuen Technologie (Handy-App) bereitgestellt. Aber auch hier sind die Beschäftigungseffekte klar positiv – zumindest dort, wo der Gesetzgeber nicht seine “schützende Hand” über die traditionellen Taxiunternehmer hält.

    • Stimme zu, dass es das selten ohne das andere gibt. Wesentlicher ist daher, wieso diese Unterscheidung aufgenommen wurde: es gibt Innovationen, die neue Nachfrage stimulieren, die nicht bloß ersetzt, sondern auch ergänzt. Diese Innovationen sind es, die für die oft besungene Kompensation arbeitssparender Innovationen sorgen. Auch hier bleibt es nicht bei Produktinnovationen, da dies untergraben würde, dass es auch im privaten Haushalt und damit dem klassischen Konsumbereich um Prozesse und damit verbrachte Zeit geht. Mehr dazu in einem hoffentlich alsbald veröffentlichten Buchbeitrag.

      Eine Anmerkung zur oben erwähnten Studie, die sich auf Firmendaten bezieht: Aus Unternehmenssicht sind sowohl Produkt- als auch Prozessinnovationen Maßnahem, die Marktanteil und/oder Umsatz steigern sollten. Im Fall neuer Produkte eben durch direkt gewonnene Nachfrage, im Fall neuer Prozesse durch Produktivitätssteigerungen, dank welcher über niedrigere Preise indirekt die Nachfrage gesteigert und/oder über höhere Löhne der Konkurrenz das Personal abgeworben werden kann. Kurzum: der Blick auf die innovierenden Unternehmen könnte ein einseitiger Blick auf die Gewinner sein, der die Verlierer der sogenannten “schöpferischen” Zerstörung außen vor lässt.

  2. Sehr schön, dass sich immer mehr mit den spannenden Wirkungen von technologischem Wandel auseinandersetzen. Eine Anmerkung zur Aussage: “Heute ist das durchschnittliche Bildungsniveau weitaus höher und zudem stehen ArbeitnehmerInnen mehr Möglichkeiten zur Verfügung, um sich weiterzubilden oder umzuschulen.” Könnte es aufgrund der verstärkten Arbeitsteilung und tiefergehenden Spezialisierung heute nicht sogar eher schwerer sein, sich ausreichend umzuorientieren?

Leave a Reply

Fill in your details below or click an icon to log in:

WordPress.com Logo

You are commenting using your WordPress.com account. Log Out /  Change )

Google photo

You are commenting using your Google account. Log Out /  Change )

Twitter picture

You are commenting using your Twitter account. Log Out /  Change )

Facebook photo

You are commenting using your Facebook account. Log Out /  Change )

Connecting to %s