Sinkt die Chancengleichheit der Individuen mit einem Anstieg der Einkommensungleichheit?

In den Vereinigten Staaten wird oft berichtet, dass man es ebenfalls zu etwas bringen kann, wenn man sich genug anstrengt. Vor allem die Worte „American Dream“ oder die Phrase „Vom Tellerwäscher zum Millionär“ sind vielen Amerikanern ein Begriff. Dies würde bedeuten, dass eine hohe intergenerationale Mobilität, das heißt ein sozialer Auf- bzw. Abstieg innerhalb einer Generation, gegeben ist, sodass es Menschen aus den untersten Einkommensschichten möglich ist, reich zu werden. Aber wie sieht es wirklich aus? Hat ein Mensch heutzutage noch eine Chance aus der untersten Einkommensschicht weiter nach oben aufzusteigen? Und wie verhält es sich mit jenen, die schon reich bzw. in wohlhabenden Familien aufgewachsen sind in Bezug auf deren Mobilität? Gibt es noch eine Chancengleichheit in der Gesellschaft, sodass auch ein Individuum, dessen Eltern nicht so reich sind, auch eine gute Ausbildung machen und eine gute Arbeit finden kann?

Corak (2013) zeigt, dass ein positiver Zusammenhang zwischen Einkommensungleichheit und Intergenerationaler Mobilität besteht. Diese Beziehung wird durch die „Great Gatsby Curve“ beschrieben. Die Einkommensungleichheit der Länder wird durch den GINI-Koeffizienten beschrieben, der aus den verfügbaren Haushaltseinkommen aus dem Jahr 1985 berechnet wird. Des Weiteren wird die „Generational Earnings Elasticity“ der Länder gemessen. Diese misst die Elastizität (das ist eine relative Änderung einer abhängigen Variable auf eine relative Änderung einer unabhängigen Variable) zwischen dem väterlichen Einkommen und dem Einkommen des Sohnes, wenn er erwachsen ist (die vorhandente Literatur fokussiert sich hauptsächlich auf die Beziehung zwischen Vater und Sohn). Die Daten werden über eine Kohorte von Kindern berechnet, die zwischen Anfang und Mitte der 60iger geboren worden sind und ihr wirtschaftlicher Erfolg wurde Mitte bis Ende der 90iger gemessen. Es existiert allerdings auch eine Studie über die Einkommensmobilität der Töchter (siehe dazu Chadwick und Solon (2002)).

Bei der „Grate Gatsby Curve“ in Corak (2013) wird gezeigt, dass in Ländern, in denen eine höhere Einkommensungleichheit besteht, die Mobilität eher dazu neigt, abzunehmen. Dies sind vor allem Großbritannien und die Vereinigten Staaten. In den skandinavischen Ländern (Dänemark, Norwegen, Finnland), die eher eine geringere Einkommensungleichheit aufweisen, haben die Menschen eine höhere Mobilität. Dies ist wohl ein erstes Indiz dafür, dass eine höhere Ungleichheit eher zu einer geringeren Mobilität führt. Allerdings vergleicht die „Great Gatsby Curve“ nur Länder miteinander und sagt nichts darüber aus, ob jemand innerhalb einer Einkommensschicht (zum Beispiel die 10 % der Spitzeneinkommen) im Dezil auf- bzw. absteigt.

Corak (2013) hat daraufhin Kanada und die Vereinigten Staaten miteinander verglichen, da sich diese beiden Länder in Bezug auf Daten und Strukturen sehr ähneln. Es ist untersucht worden, wie hoch die Wahrscheinlichkeit ist, dass ein Sohn, der von einem Vater aus den obersten 10 % der Einkommen erzogen worden ist, im Dezil fällt. Das gleiche wurde auch für die 10 % eines Landes, die am wenigsten Einkommen haben, durchgeführt.

Es stellte sich heraus, dass in den Vereinigten Staaten mehr als die Hälfte der Söhne aus dem top Dezil nicht weiter als bis zum achten Dezil fällt. Im untersten Dezil dagegen steigt die Hälfte der Söhne nicht weiter als bis zum dritten Dezil. In Kanada verhält es sich nach oben hin nicht so starr, und ein höherer Anteil an Söhnen des unteren Dezils steigt auch in die obere Hälfte der Einkommensklassen auf.

In Corak und Heisz (1999) wurde eine Untersuchung von Kanada in Bezug auf die Intergenerationale Mobilität durchgeführt und in einer „Transition Matrix“ dargestellt (siehe Abbildung 1). Diese Untersuchung sagt aus, dass 20 % der Söhne im obersten Dezil und 14 % der Söhne im untersten Dezil verbleiben. Des Weiteren verdienen genau ein Drittel der Söhne (der obersten 10 % der Spitzeneinkommen) das gleiche wie ihre Väter oder sind eine Stufe darunter. Bei den untersten 10 % der Einkommen ist es genau gleich: Rund 30 % sind auf dem Niveau ihrer Väter in Bezug auf deren Einkommen oder steigen maximal um eine Stufe nach oben.

transition-matrix-2
Abbildung 1: Transition Matrix, Corak and Heisz (1999), page: 64

Diese Studie wurde nur für Kanada durchgeführt, aber man kann davon ausgehen, dass in den Vereinigten Staaten die Zahlen für die obersten und die untersten 10 % der Einkommen wohl etwas höher ausfallen. Das Ergebnis sagt schon aus, dass wohl jene mit Spitzeneinkommen eher die Chance haben, weiter nach oben zu kommen, während es für die untersten 10 % schwieriger ist sich zu verbessern.

Dies ist wohl ein Indiz dafür, dass die Chancengleichheit zwischen den Individuen nicht mehr gleich ist. Ein weiterer wichtiger Aspekt für Chancengleichheit ist der Zugang zu Bildung beziehungsweise in welchem Umfeld die Kinder aufwachsen. Nach Corak (2013) ist „Return to Human Capital“ ein Indiz dafür, dass eine höhere Ungleichheit in einem Land dazu führt, dass gut ausgebildete Menschen mehr verdienen als gering ausgebildete bzw. gebildete. Denn in Ländern mit einem höheren „Return to College education“ tendiert die intergenerationale Mobilität niedriger zu sein (siehe Solon 2004, Corak 2013). Dies muss allerdings nicht immer der Wahrheit entsprechen, aber in den Vereinigten Staaten trifft es oftmals zu. Zum Beispiel verdienen in den Vereinigten Staaten College-Absolventen und -Absolventinnen rund 70 % mehr als High-School-Absolventen und -Absolventinnen (Corak 2013). Diese Tendenz wird auch in der langen Frist bestätigt, denn seit den 1980iger Jahre sind die „Return to College“ stark angestiegen und damit auch die Mobilität gefallen (Mazumder 2012). Für weitere Informationen über „Return to Education“ verweise ich auf den Blogpost von Manuel Gruber.

Vor allem Kinder aus wohlhabenden Familien bekommen sowohl mehr monetäre als auch nicht-monetäre Hilfen während ihrer Entwicklung in jungen Jahren (Corak 2013). So schaffen es auch vermehrt Kinder aus eher wohlhabenden Familien Studienplätze an den besten Universitäten zu erlangen, da ihre Entwicklung schon früh gefördert worden ist und auch der finanzielle Background vorhanden ist. Auch wird in den Vereinigten Staaten mehr in die tertiäre als in die primäre Bildung investiert, sodass die Investitionen des Staates eher bei den Studierenden ankommen (Corak 2013). All diese Beispiele zeigen auf, dass sie die Chancengleichheit vor allem in den Vereinigten Staaten stark verringert ist.

Meiner Meinung nach sollte der Fokus vor allem auf Investitionen in primäre Bildung gerichtet und auch bessere Förderprogramme zur Verfügung gestellt werden, um Kindern aus nicht wohlhabenden Familien, mehr Chancen einzuräumen. Darüber hinaus muss es der Politik gelingen, die Ungleichheit der Einkommen zu verringern. Umso mehr die Ungleichheit zunimmt, desto weiter wird die Mobilität der Generationen eher dazu neigen, abzunehmen. Junge Menschen werden als Folge der Chance auf ein besseres Leben, als deren Väter hatten, beraubt. Diese Analysen gelten hauptsächlich für die Vereinigten Staaten, aber ich denke, dass sie auch für Europa in der einen oder anderen Weise zutreffen, wahrscheinlich aber nicht in diesem Ausmaß.

Literatur:

Chadwick, L., & Solon, G (2002). Intergenerational income mobility among daughters. American Economic Review, 92(1), 335-344.

Corak, Miles (2013), Income Inequality, Equality of Opportunity and Intergenerational Mobility, Journal of Economic Perspectives, 27(3): 79-102.

Corak, Miles and Andrew, Heisz (1999), The Intergenerational Earnings and Income Mobility of Canadian Men: Evidence from Longitudinal Income Tax Data, Journal of Human Resources, 34(3): 504-533.

Mazumder, Bhashkar (2012), Is Intergenerational Economic Mobility Lower Now than in the Past?, Chicago Fed Letter 297, April.

Solon, Gary (2004), A Model of Intergenerational Mobility Variation over Time and Place, Chap. 2 in Generational Income Mobility in North America and Europe, edited by Miles Corak, Cambridge University Press.

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One thought on “Sinkt die Chancengleichheit der Individuen mit einem Anstieg der Einkommensungleichheit?

  1. “Darüber hinaus muss es der Politik gelingen, die Ungleichheit der Einkommen zu verringern.” Vor dem Hintergrund einer Entlastungspolitik, die die Progressivität der Einkommensbesteuerung abschwächt sowie am unteren Rand der Verteilung teilweise Sozialleistungen kürzt, ist seitens der Sekundäreinkommen eher eine gegenteilige Tendenz zu beobachten. Meine Frage: Kamen im Zuge der Recherche auch vergleichbare Studien/Aussagen zu Vermögen unter bzw. fand die Zusammensetzung der Einkommen (aus Arbeit bzw. Vermögen) Berücksichtigung in den Studien?

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