Die ökonomischen Konsequenzen des Coronavirus – Einleitung

Dies ist der erste einer Reihe von Blogeinträgen, in denen ich mithilfe meiner Kolleginnen und Kollegen am Economics Department an der Uni Graz Überlegungen zu den ökonomischen Konsequenzen des Coronavirus und der gesetzten Maßnahmen, vor allem für Österreich, anstellen möchte. Ich frage mich heute aber erst einmal kurz, wie die Situation (Anzahl der Coronainfizierten und –toten) in Österreich heute (Sonntag 5. April) wohl ausgesehen hätte, wenn keinerlei Maßnahmen getroffen worden wären. Ich werde auch erklären, wie ich zu meinen Ergebnissen komme.

Vielleicht gleich einmal die Ergebnisse vorweg. Eine grobe statistische Analyse der österreichischen Daten liefert, dass wir heute ohne jegliche Maßnahmen (mit 95% Konfidenz) zwischen 126.000 und 830.000 (gemeldete) Coronavirusfälle hätten. Davon bräuchten in etwa zwischen 2600 und 17000 ein Bett in einer Intensivstation und in etwa zwischen 10000 und 70000 ein normales Spitalsbett. Laut Kurier gab es 2018 in Österreich in etwa 64000 Spitalsbetten und 2500 Intensivbetten. Man weiß, dass auch einige Intensivbetten für andere Patientinnen und Patienten gebraucht werden (und wohl nicht mehr als in etwa 1000 Intensivbetten tatsächlich für CoronapatientInnen verfügbar sind). Das heißt, dass selbst, wenn man die untere Grenze der Vorhersage hernimmt, wir heute schon große Probleme hätten, alle, die es brauchen, mit einem Intensivbett zu versorgen.

Noch schlimmer käme es, wenn wir noch eine Woche vorausschauen. Für Sonntag, den 12. April, ergibt sich aus meiner groben Analyse folgendes Bild. Unter den gegebenen Maßnahmen erwarte ich  bis dahin nicht mehr als 15000 gemeldete Fälle; ohne Maßnahmen selbst für das untere Ende des Konfidenzbands 680.000 Fälle!

Bei den Coronavirustoten gehen die Prognosen und die momentane Realität noch nicht so weit auseinander. Das liegt daran, dass die Menschen, die an dem Virus sterben, tendenziell erst gegen Ende einer längeren Erkrankung sterben. Wenn man sich also eine ähnlich grobe Analyse mit den Totenzahlen ansieht, kommt man ohne Maßnahmen auf heute (5. April) statt der tatsächlichen 204 Toten auf eine Zahl zwischen etwa 260 und 620. Für den 12. April (also in einer Woche) rechne ich (bei Weiterführung der gegebenen Maßnahmen) mit unter 400 Toten insgesamt (ich würde mich leider nicht auf eine viel kleinere Anzahl zu wetten trauen) und ohne Maßnahmen zwischen 730 und 8000 Toten. Ich bin mir insgesamt also schon ziemlich sicher, dass die Maßnahmen in Österreich bereits einige Menschenleben gerettet haben und in Zukunft noch viele mehr retten werden.

Für die, die es interessiert, erkläre ich nun kurz, wie ich zu den Berechnungen komme und auch, was daran noch eventuell falsch sein könnte.

Ich habe die Daten (vom 5.4.) hierzu von der ORF-Website. Ich gehe von den bekannten epidemiologischen Modellen aus, die besagen, dass eine Virusausbreitung exponentiell beginnt (bis ein größerer Anteil der Bevölkerung den Virus hat). Ich schätze daher einfach die tägliche prozentuelle Wachstumsrate mit den österreichischen Daten vom 1. bis 16. März. Ich nehme einfach den Durchschnitt der täglichen Wachstumsraten und bekomme so eine geschätzte Wachstumsrate (ohne Maßnahmen) von 33,55% mit einem Standardfehler von 3,14%. Ich bekomme also ein 95%-Konfidenzband für die Wachstumsrate ohne Maßnahmen von etwa 33,55% plus/minus 2 mal 3,14%, also in etwa 27% bis 40%. Mit raffinierteren ökonometrischen Methoden könnte man die Schätzung vielleicht noch etwas verbessern. Meine Prognosen bekomme ich, indem ich diese Wachstumsrate für die Entwicklung ab dem 16. März unterstelle.

 

Für die Intensivbettenprognose habe ich eher die Methode „Daumen mal Pi“ verwendet. Ich habe einfach die 244 Intensivbetten, die heute von CoronapatientInnen benutzt werden, durch die 11907 gemeldeten Coronafälle dividiert, umso auf eine Rate von Intensivbettennutzung pro gemeldeten Fall zu kommen. Auf die allgemeine Spitalsbettennutzung komme ich, indem ich die Intensivbettennutzung mit einem Faktor 4 multipliziere, was der derzeit zu beobachtenden Nutzung entspricht. Also ist das natürlich ziemlich grob gerechnet.

Inwiefern sind meine Schätzungen und Prognosen eventuell falsch? Nun ja, abgesehen von potenziellen Problemen bei den Daten (und die gibt es sicher – und kann man sie sicher auch besser berücksichtigen, da man ja schon einiges mehr weiß), ist das Hauptproblem wohl dieses: Ich gehe implizit davon aus, dass ohne Maßnahmen das Leben einfach so weiter gegangen wäre wie zuvor. Das ist natürlich unwahrscheinlich. In Wirklichkeit hätten die Österreicherinnen und Österreicher ihre sozialen Interaktionen sicher auch ohne Anweisungen der Regierung zumindest ein wenig heruntergeschraubt. Insofern wäre es ohne Maßnahmen vielleicht nicht ganz so schlimm ausgegangen wie in meinen Prognosen.

Soviel jedenfalls zum Vergleich der Infektionszahlen mit und ohne Maßnahmen. Wie man gesehen hat, gehe ich also schon davon aus, dass die Maßnahmen fruchten, viele Menschenleben gerettet haben und noch retten werden und auch arge Kämpfe um Spitals- und insbesondere Intensivbetten, wie es sie in anderen Ländern gibt, verhindert haben.

In den nächsten Blogeinträgen möchte ich mich dann mit den ökonomischen Konsequenzen des Coronavirus und der dadurch getroffenen Maßnahmen beschäftigen.

One thought on “Die ökonomischen Konsequenzen des Coronavirus – Einleitung

  1. Zweifelsohne waren im März – vor allem in Anbetracht der Unsicherheit – Maßnahmen zu setzen. Und diese haben sicherlich viele Kranke und Tote verhindern können. Die wesentliche Frage ist aber, wie es jetzt weiter gehen wird.
    Aber vorher noch ein paar Fragen bzw. Anmerkungen zu den Berechnungen: Wie wichtig ist der Unterschied zwischen tatsächlich Erkrankten und Gemeldeten. Für die weitere Verbreitung werden es wohl eher die Tatsächlichen sein, die wir nicht kennen. Auch ohne Maßnahmen hätten die Gemeldeten gar nicht so zunehmen können – wir konnten bis heute (8.4.) erst rund 120.000 Test durchführen. Also selbst wenn alle positiv gewesen wären, könnten wir nicht mehr GEMELDETE haben. Aber das ist wohl eher eine Wortklauberei…
    Zum Verlauf. Am 16.3. gab es den “Shut down”. Wie wäre es ohne diesen weitergegangen? Das wissen wir nicht…. aber die Veränderung der Entwicklung kann sich ja wohl erst NACH DER INKUBATIONSZEIT auswirken. Wie lange ist diese? Nehmen wir an (Schätzung!) 14 Tage – manche Quellen deuten auf eine so lange Inkubationszeit hin. Daraus folgt: Die Maßnahmen ab 16.3. wirken erst ab 30.3….. Die lange Inkubationszeit und sonstige Unsicherheiten war für mich persönlich ein wesentliches Argument für die Maßnahmen. Es hätte sich ja bis 30. März ganz fürchterlich entwickeln können (hat es aber nicht), und spätere Maßnahmen hätten wieder eine Vorlaufzeit von (bis zu) 14 Tagen gehabt. Wie auch immer – die Inkubationszeit ist eine wichtige Größe und müsste in die Berechnungen eingespeist werden. Und auch dann werden unsere Abschätzungen noch mit einem sehr großen Unsicherheitsfaktor behaftet sein….
    Aber wie geht es jetzt weiter? Wenn der Virus nicht verschwindet und wir eine Herdenimmunität brauchen – wie oben angenommen, dann gibt es erst nach der Durchseuchung wieder ein “normales” Leben. Wie lange brauchen wir, wenn es so weitergeht… Ich erspare hier uns die Antwort, es sind viele, viele Jahre…. Und sicher keine Lösung!
    Das andere Extrem – schwerkranke Menschen ohne ärztliche Versorgung – will sich auch niemand vorstellen. Also müssen wir die Krankheit wohl schnellstmöglich – mit voller Auslastung unseres Gesundheitssystems – hinter uns bringen – sozusagen eine “Zielfunktion”. Davon sind wir weit entfernt – Wir könnten ca. viermal soviele Corona Patienten versorgen wie derzeit. Ich weiß, das sind grausame Überlegungen… aber sie bleiben uns nicht erspart, falls der Virus weiter auf uns wartet. Aber vielleicht ist er ja gar nicht so ansteckend – auch ohne Maßnahmen nicht….
    Meines Erachtens wissen wir fast nichts – und müssen trotzdem Entscheidungen treffen. Und noch weniger wissen wir, was gewesen wäre, wenn…
    Und was könnte der Beitrag der Wissenschaft (ich meine hier nicht die Medizin) zu einer Lösung sein? Wir sind doch eine wissensbasierte Gesellschaft, wir brauchen klare belastbare Fakten, die nach allgemeinen Normen erhoben werden Beispiele gefällig: Unterscheidung zwischen Infizierten, Erkrankten und Getesteten. Unterscheidung zwischen Personen, die mit oder an Corona-Viren gestorben sind. Und vor allem eine genaue Analyse der Intensiv-Betten – und auch eine Abschätzung der Wirkungen, die durch die Nicht-Behandlung vieler anderer Krankheiten passiert. Auf Grundlage dieser Fakten sollten die Entscheidungen getroffen werden – aber davon sind wir auch jetzt, mehr als einem Monat nach Ausbruch der Krankheit, leider weit entfernt.
    Eine Abwägung zwischen Maßnahmen und Grundrechten ist ein weiterer wichtiger Punkt, der in Krisen naturgemäß zu kurz kommt. Aber auch diese Thematik sollte uns noch beschäftigen…. damit wir daraus lernen können.
    Gerhard Wohlfahrt
    PS: Bis zur Ökonomie sind wir ja noch gar nicht gekommen….

Leave a Reply

Fill in your details below or click an icon to log in:

WordPress.com Logo

You are commenting using your WordPress.com account. Log Out /  Change )

Google photo

You are commenting using your Google account. Log Out /  Change )

Twitter picture

You are commenting using your Twitter account. Log Out /  Change )

Facebook photo

You are commenting using your Facebook account. Log Out /  Change )

Connecting to %s