Coronavirus und Lebenserwartung: Statistik Austria verwirrt

Der Standard berichtet:

Die Corona-Pandemie hat den stärksten Rückgang der Lebenserwartung seit Beginn der Aufzeichnungen 1951 ausgelöst. Während wir es in den letzten Jahren gewohnt waren, immer älter und älter zu werden, gibt es nun erstmals einen massiven Knick in der Lebenserwartungsstatistik.

Grund dafür ist eine sehr hohe Übersterblichkeit in den letzten Wochen des Jahres 2020. Neue Daten der Statistik Austria zeigen, dass im gesamten Vorjahr etwa zehn Prozent mehr Menschen starben als im Durchschnitt der vergangenen fünf Jahre. Insgesamt waren es rund 90.000. […]

Konkret heißt das, dass ein Mann, der heute in Österreich geboren wird, im Durchschnitt 78,9 Jahre lang leben wird. Bei einer Frau sind es durchschnittlich 83,7 Jahre. 

https://www.derstandard.at/story/2000123287763/statistik-austria-ueber-90-000-todesfaelle-2020-lebenserwartung-sinkt

Damit sank die Lebenserwartung im Vergleich zum Vorjahr bei Frauen um ein halbes Jahr, bei Männern um etwas mehr. Die Statistischen Ämter anderer Länder lieferten ähnlich verheerende Zahlen: die amerikanische Gesundheitsbehörde CDC meldete sogar einen Rückgang der Lebenserwartung von einem ganzen Jahr.

Diese Zahlen können nicht stimmen.

Experten schätzen, dass ein an COVID-19 Verstorbener im Schnitt 12 Jahre seiner Lebens verlor. Multipliziert man das mit den 8.500 Corona-Toten in Österreich kommt man auf 102.000 verlorene Lebensjahre. Bezogen auf die Gesamtbevölkerung von 8,86 Millionen ergibt das eine durchschnittliche Reduktion der Lebenserwartung von 0,01 Jahren. Das ist ein Rückgang von etwa vier Tagen, nicht sechs Monaten wie der “Standard” berichtet. Der von der Statistik Austria gemeldete Wert ist um das 40-fache zu hoch. Wie kann das sein?

Wie in diesem kurzen Artikel erklärt wird, gehen die Statistikämter bei der Schätzung der Lebenserwartung von einer wesentlichen Annahme aus: nämlich, dass das Sterberisiko in jeder Alterskohorte in Zukunft genauso bleibt wie im Jahr 2020. D.h. die Wahrscheinlichkeit, dass ein im Jahr 2020 geborener Mensch im Alter von X Jahren sterben wird, ist gleich der Sterbewahrscheinlichkeit eines X Jahre alten Menschen im Jahr 2020. Das ist eine sinnvolle Annahme in einem gewöhnlichen Jahr. Aber 2020 war kein gewöhnliches Jahr.

Mit anderen Worten: Die Statistik Austria geht implizit davon aus, dass sich die Corona-Pandemie von 2020 jedes Jahr genauso wiederholen wird. Die Mitarbeiter der Statistik Austria sind sich dieser Annahme natürlich bewusst, weshalb auch auf ihrer Website folgender der Hinweis steht:

Die für ein Kalenderjahr berechnete Lebenserwartung bei der Geburt gibt an, wie viele Jahre ein neugeborenes Kind im Durchschnitt leben würde, wenn sich die im Kalenderjahr beobachteten altersspezifischen Sterberaten in Zukunft nicht mehr ändern würden.

https://www.statistik.at/web_de/presse/125167.html

Nur das Problem ist: Die so geschätzte Lebenserwartung macht für das Jahr 2020 eben leider keinen Sinn. Und der Warnhinweis geht erwartungsgemäß in der medialen Berichterstattung völlig unter. Sogar der “Standard”, der für sich in Anspruch nimmt ein Qualitätsmedium zu sein, (des-)informiert seine Leser, dass ihre Lebenserwartung um 6 Monate gesunken sei, ohne auf die falsche Annahme, die diesem Wert zugrunde liegt, hinzuweisen.

Einigermaßen bizarr ist auch der Titel, den die österreichische Akademie der Wissenschaften für ihren Beitrag zu diesem Thema gewählt hat:

COVID VERRINGERT LEBENSERWARTUNG, STIEHLT ABER KEINE LEBENSJAHRE

Die durchschnittliche Lebenserwartung in Österreich ist laut vorläufigen Zahlen der Statistik Austria im Corona-Jahr 2020 um sechs Monate gesunken. Das heißt aber nicht, dass die Österreicher/innen jetzt weniger alt werden, erklärt Demograph Marc Luy von der ÖAW.

https://www.oeaw.ac.at/detail/news/covid-verringert-lebenserwartung-stiehlt-aber-keine-lebensjahre

Hä? Wenn COVID keine Lebensjahre stiehlt, wie kann sie dann die Lebenserwartung um ein halbes Jahr verringern? Wenn die Lebenserwartung nicht die zu erwartenden Lebensjahre misst, was misst sie dann? Und wozu braucht man dann diese “Lebenserwartung” überhaupt?

In einem normalen Jahr misst die Lebenserwartung das, was jeder glaubt, dass sie misst. Aber eben nicht in einer Pandemie. Die Statistik Austria täte gut daran, die Berechnung der Lebenserwartung für 2020 anzupassen.

(Hat tip to David Friedman, durch den ich auf das Problem aufmerksam wurde.)

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