Politik am Prüfstand: la familia?

Als nächstes steht der mittlerweile gültige Familienbonus Plus am Programm. Es ist schon bemerkenswert, wie lange sich diese Maßnahme in der medialen Berichterstattung hielt und hält. Für ihre Verteilungswirkung und daraus resultierende Lenkungseffekte gilt das eher nicht.

Um was geht’s?

Beim Familienbonus Plus handelt es sich um einen Absetzbetrag, der die Steuerlast einer Person direkt vermindert. Konkret reduziert sich der Betrag, den man an Lohn- und Einkommensteuer zahlen müsste, um bis zu 1.500 Euro pro Kind und Jahr. Wer gar nicht so viel Lohn- und Einkommensteuer zahlen müsste, weil er oder sie nicht so viel verdient, der hat weniger von der Maßnahme – mit ganz viel Pech sogar gar nichts. Nur Alleinverdienerinnen und Alleinerzieher wird ein Minimum von 250 Euro im Jahr als sogenannter Kindermehrbetrag zugesichert.

Was hat das mit der Volkswirtschaftslehre zu tun?

Da der tatsächlich lukrierte Familienbonus mit dem Einkommen steigt, wird durch die Maßnahme die Progression der Lohn- und Einkommensteuer konterkariert. Progression bedeutet: umso höher das Einkommen, umso höher der Steuersatz. Das wiederum fußt auf dem Leistungsfähigkeitsprinzip, welches besagt: alle haben nach Maßgabe ihrer individuellen ökonomischen Leistungsfähigkeit zur Finanzierung staatlicher Leistungen beizutragen. Der Familienbonus nun aber sagt: umso mehr jemand beitragen könnte, umso mehr kann er oder sie sich sparen – bis zum Deckel von 1.500 Euro pro Kind versteht sich.

Dies gilt auch innerhalb eines Haushalts, weshalb es naheliegt, das besserverdienende Elternteil den Familienbonus beanspruchen zu lassen. Dabei handelt es sich größerenteils um den Mann. Der Familienbonus setzt also keine Anreize, die traditionelle Rollenverteilung aufzubrechen, sondern erhöht bei einseitiger Beanspruchung den Nettoeinkommensunterschied. Durchaus anzumerken ist hier übrigens auch die sogenannte 90/10 Regelung des Anspruchs zugunsten jener Person, welche die Betreuungskosten bis dato trägt. Diese Regelung ist insbesondere in Streitfällen, etwa bei getrennten Eltern relevant und kommt hier in der Praxis wohl größerenteils Erziehungsverantwortung tragenden Müttern entgegen. Bitterer Beigeschmack: diese Regelung wird im Gegensatz zum Rest des Pakets nicht beworben und ist auch noch auf drei Jahre befristet. Ebenfalls ein wenig skurril: die Sonderstellung von Alleinverdienern und Alleinerzieherinnen schafft in einem Haushalt mit zwei Geringverdienern den Anreiz, zumindest offiziell getrennt zu leben. Dann kann das verbleibende Elternteil zumindest das Minimum von 250 Euro beanspruchen – auch wenn dies den damit verbundenen Aufwand in der Praxis wohl nicht wert ist.

Die Ungleichbehandlung je nach Einkommenshöhe wirft nicht nur innerhalb der Haushalte, sondern auch über die Haushalte hinweg die Verteilungsfrage auf. Die von Studien gegebene Antwort könnte im ersten Moment überraschen: dem gröbsten Verteilungsmaß nach, dem Gini-Koeffizienten, trägt der Familienbonus minimal, aber doch zu einer gleicheren Einkommensverteilung bei. Dies ergibt sich einerseits aufgrund der Deckelung mit 1.500 Euro pro Kind und andererseits aus der Anzahl an Kindern – davon haben Haushalte mit mittleren Einkommen tendenziell mehr als Haushalte hoher Einkommen. Der Familienbonus bewirkt daher eine relative Umverteilung von den Rändern hin zur Mitte. Dass auch der untere Rand der Einkommensverteilung relativ verliert und sich die Ungleichheit in diesem Bereich erhöht, bleibt bei einem groben Verteilungsmaß wie dem Gini-Koeffizienten außen vor. Andere Verteilungsmaße zeigen aber durchaus, dass sich der Abstand zwischen unteren und mittleren Nettoeinkommen durch die Maßnahme vergrößert, vermeintlich Abgehängte also weiter abgehängt werden.

Dennoch ist zu vermerken: keiner dieser Haushalte verliert in absoluten Zahlen. Manche bekommen mehr als andere, aber (quasi) niemand bekommt weniger als bisher. Es handelt sich um eine steuerliche Entlastung ohne direkte Gegenfinanzierung. Das heißt, der eingeführte Absetzbetrag reduziert nicht nur die Einnahmen aus Lohn- und Einkommensteuer, sondern hinterlässt auch eine Lücke im Finanzierungshaushalt des Staates. Deshalb wird auf volkswirtschaftliche Effekte zur Selbstfinanzierung gehofft. Da der Familienbonus in gleichem Maße das verfügbare Einkommen der Haushalte erhöht, ist schließlich mit Nachfrageeffekten zu rechnen – insbesondere mit steigendem Konsum und daraus resultierenden Steuereinnahmen. Wie stark diese Nachfrageeffekte ausfallen, hängt von der Konsumneigung der Haushalte ab. Da die Konsumneigung mit zunehmenden Einkommen sinkt, könnte die relative Benachteiligung der unteren Einkommen auch die Selbstfinanzierung ein wenig geringer ausfallen lassen, als es ein allen gleichermaßen zustehender Transfer getan hätte.

Was bleibt der Volkswirtschaft?

Dennoch rechnen Simulationen mit einem Selbstfinanzierungsgrad von 30% im ersten und bereits 82% im vierten Jahr. Das ist wesentlich, kostet der Absetzbetrag dem Staat dann doch etwa 1,5 Milliarden Euro im Jahr. Ein paar Kosten ergeben sich auch für den privaten Sektor. So ein Absetzbetrag macht das Steuerwesen schließlich nicht einfacher, sondern muss unter anderem auch in der Lohnverrechnung entsprechend berücksichtigt werden. Doch der damit verbundene einmalige Aufwand bewegt sich um ein paar Stellen weniger im Millionenbereich und liegt hauptsächlich bei Unternehmen. Soweit sollte es daher nicht verwundern, dass sich der Widerstand gegen den Familienbonus in Grenzen hält: es handelt sich um eine Steuerentlastung, mittels derer der politisch umkämpften Mitte gegeben und niemanden etwas genommen wird.

Spannender ist hier eher die Detailfrage, weshalb der komplexe Absetzbetrag einer einfachen Erhöhung der Familienbeihilfe vorgezogen wird. Zwei Antworten gaben die Regierungsparteien selbst: zum einen entspricht die relative Bevorteilung von mittleren Einkommen eher dem vorherrschenden Leistungsträgerdenken, zum anderen trifft die relative Benachteiligung von niedrigen Einkommen nicht nur, aber doch stark Familien mit Migrationshintergrund. Etwas außen vor, aber durchaus daraus ableitbar, blieb die längerfristige Anreizwirkung. Der Familienbonus beschränkt den von ihm gesetzten Anreiz zur Familienbildung stark auf erwerbstätige Personen und hierbei vor allem auf jene, mit zumindest mittlerem Einkommen. Während die einen kritisieren, dem Staat müsste jedes Kind gleich viel wert sein, mögen andere eben nicht notwendigerweise jede zukünftige Geburt gleichermaßen wünschenswert sehen. Schließlich birgt der hohe Kinderanteil in Haushalten geringeren Einkommens auch soziale Risiken, nicht zuletzt da Armut, Ausgrenzung und Bildung stark vererbt werden. Der Familienbonus sorgt nun in keiner Weise für mehr Chancengleichheit – im Gegenteil – aber er setzt Anreize, die Kinderzahl an die eigenen Einkommensverhältnisse und den daraus erwartbaren Chancen anzupassen. Sinn und Erfolgsaussichten dieses hypothetischen Hintergedankens wären wohl gesondert zu analysieren.

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Ein Hauch von Ökonomik: Nur die halbe Wahrheit

Heute ist High School Drama angesagt. Unser Schwarm hat sich gegen uns entschieden. Für unser Ego aber kommt es nicht in Frage, dass es an uns liegen könnte. Stattdessen muss wohl eine unserer Freundinnen die Beziehung sabotiert haben. So ein Biest hat in unserem Freundeskreis natürlich nichts verloren. Das gilt es den anderen aber erst einmal klar zu machen.

Dabei sollten wir nicht einfach drauf los lästern und sie mit der Unterstellung überrumpeln. Die anderen würden rasch vermuten, das bloß die Eifersucht oder gar Boshaftigkeit aus uns spricht. Das könnte uns mehr schaden als nützen. Nein, die anderen müssen von sich aus zur von uns gewünschten Entscheidung gegen dieses Biest kommen. Die Grundlage für die Entscheidung kann also nicht bloß unser Wort sein. Stattdessen muss ihnen eine Information vorliegen, bei der sie sich sicher sein können, dass sie so stimmt und wir sie nicht in unserem Interesse ändern konnten.

Nun wissen wir doch aber selbst nicht, ob an unserer Anschuldigung wirklich etwas dran ist. An dieser Stelle kommt die berühmte halbe Wahrheit ins Spiel. Die Sache genau zu beleuchten und jedes Detail über den Charakter unserer nunmehrigen Erzfeindin aufzurollen, ist mühsam und gefährlich. Immerhin könnte dabei auch Licht auf ihre positiven Seiten geworfen und deutlich werden, wie wenig die Sache eigentlich irgendjemanden angeht. Nein, uns ist lieber, die anderen befassen sich mit wenigen, dafür aber den richtigen Fragen.

Die richtigen Fragen sind aus unserer Sicht jene, deren Antworten für sich alleine aus dem Zusammenhang gerissen und ins Rampenlicht gestellt verdächtig wirken könnten. Und da sie mal unsere Freundin war und uns vertraut hat, haben wir wohl ein ganz gutes Gefühl dafür, welche Fragen das sein könnten. Am Ende gestaltet sich unser Feldzug daher einfacher, als es anfangs den Anschein hatte: statt etwas hieb und stichfest belegen zu müssen, genügt es wahrscheinlich, wenn das aus den Antworten der Erzfeindin entstehende Misstrauen groß genug ist, um die Freundschaft mit ihr zu belasten. Deshalb müssen wir auch keine Beweise fingieren, sondern bloß den Fokus auf die von uns ausgegrabenen Dinge lenken und auf sie beschränken – ein Unterfangen, das unter Freundinnen mit durchschnittlicher Aufmerksamkeitsspanne ganz gute Chancen haben könnte.

Es geht also nicht darum, direkten und gesicherten Einfluss auf ein Urteil zu haben. Es reicht, die Einschätzung der Freundinnen so zu verändern, dass ihnen das von uns gewünschte Urteil ein Stück weit näher liegt. Ohne jegliche Intervention unsererseits schätzen sie das Biest noch überwiegend positiv. Ein paar gezielte Fragen und schon mag die Einschätzung kippen – vielleicht auch nur leicht, aber es mag genügen: statt eher ja, heißt es dann eher nein.

Wenn ‚Information Design‘ und sogenannte ‚Bayesian Persuasion‘ in unserem kleinen privaten Feldzug gute Aussichten auf Erfolg haben, mag es wohl auch in größerem Stil für Unternehmen oder der Politik funktionieren. Vor allem ist es eine attraktive Alternative zu verschwörungstheoretischem Tobak. Wer falsche Informationen verbreitet, kann aufgedeckt werden. Wenn dies zum nachhaltigen Vertrauensverlust führt, kann das am Ende mehr kosten als es nützt. Weniger riskant ist es da der Versuch, die Aufmerksamkeit der Kundschaft oder Öffentlichkeit auf jene Fragestellungen zu lenken und beschränken, bei denen wir uns nützliche Antworten erhoffen. Es geht also darum, korrekte Information zu fördern, aber eben selektiv. Der Anspruch ist dabei auch nicht, ausschließlich solche Information zu erlangen, die unserem Anliegen nützt. Es genügt, den Mix aus uns nützlicher und uns nachteiliger Information soweit zu verändern, dass die darauf aufbauende Entscheidung anderer knapp aber doch zu unseren Gunsten ausfällt. Am Ende geht es um die Wahrheit, aber eben nicht um die ganze.

Blöde Sache und ein Grund mehr, weshalb die ökonomische Theorie für effiziente Lösungen vollständige und allseits gleichermaßen vorliegende Information empfiehlt. Eine Empfehlung der die Realität in vieler Hinsicht nur selten folgt. Was daher grundsätzlich eher nach Wunschdenken klingt, ist in unserem kleinen High School Drama vermutlich nicht einmal das. Im sozialen Miteinander ist schließlich auch gerade der Schutz von privater oder gar intimer Information erstrebenswert. Werden unangebrachte Fragen toleriert, kann das Gegenüber zu unangebrachtem Antwortverhalten gezwungen sein. Das Recht zu schweigen mag den Verdacht erhöhen, die Aussage einen Verrat an sich selbst und der Vertraulichkeit darstellen. Da ist unsere Erzfeindin im Gegensatz zur Wahrheit nicht nur halb, sondern doppelt in der Zwickmühle.

Ein Hauch von Ökonomik: Taub stellen

Wir alle mögen es, recht zu haben. Wir alle genießen den Zuspruch. Und in der neuen Rolle des Influencers sind wir dafür sogar bereit, Blasen in sozialen Medien zu reiten, solange sie nur weiter wachsen. Und ob eine Blase und unsere Rolle darin wächst, hängt wie beim Umsatz auf digitalen Plattformen nicht zuletzt von den Rezessionen ab.

In sozialen Medien wie Twitter stellen sich diese Rezessionen unter anderem in den Antworten auf eigene Tweets dar. Unsere Tweets sind sozusagen unsere Produkte, unsere Follower die Stammkunden. Während positive Reaktionen quasi eine Empfehlung darstellen, wird eine kritische Antwort unseren Kundenstamm eher nicht wachsen lassen. Im Gegenteil könnte berechtigte Kritik sogar manche der bestehenden Follower verunsichern, ihre Meinung von uns trüben und unsere Rolle in unserer Blase schwächen. Ganz praktisch daher, dass der Algorithmus unseren Followern die Antworten auf unsere Tweets nur in die Timeline spielt, wenn wir auf sie reagieren. Berechtigte und nur schwer zu entkräftende Kritik zu ignorieren, hilft daher dabei, sie auch von der digitalen Wahrnehmung unserer Follower fern zu halten.

Natürlich liegt unsere Motivation, eine kritische Antwort so stehen zu lassen, nicht immer in karrieristischem Kalkül, sondern oft auch schlicht in einem effizient und daher an gewisser Stelle nötig erachteten ‚agree to disagree‘. Doch sind uns strategische Überlegungen nicht fremd und das eigene Interesse stets am nächsten, so wie es das System unserem offenbar zu beschränkten Verständniss von Adam Smith nach will: die unsichtbare Hand wird’s schon richten, unsere dient erstmal uns. Und so verpassen wir unseren Accounts eine Blattlinie, stillen Wissensdurst nur in karrierefreundlichen Dosen und folgen dem Beispiel schweigender Politiker. Denn wie Mark Twain einst sagte: Alles was man zum Leben braucht, ist Ignoranz und Selbstvertrauen. Und sollte das jemand kritisieren, dann stellen wir uns taub – alles für die Klicks.

Dürfen wir Innovation kritisch gegenüberstehen?

Innovation ist ein positiv behafteter Begriff. Erneuerung und Überarbeitung von Bestehendem wird in vielen Fällen mit Verbesserung assoziiert, doch hält diese Assoziation einer Konfrontation mit der Empirie stand? Ist es für die gesamte Bevölkerung erstrebenswert, unaufhörlich nach Innovation zu streben? Der von Schumpeter nachhaltig geprägte und oftmals mit Innovation assoziierte Begriff der schöpferischen Zerstörung weist deutlich darauf hin, dass die erfolgreiche Anwendung und Diffusion von Neuem Altes zerstört oder verdrängt und somit auch mit negativen Auswirkungen einhergeht. Die wesentlichen Fragen sind also, ob die positiven Auswirkungen überwiegen und ob jeder von uns in gleicher Weise von Innovationen profitiert oder Teile der Bevölkerung verstärkt mit den negativen Konsequenzen konfrontiert sind.

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Auch eine Konsumsteuer verringert den Arbeitsanreiz

In einem sonst sehr guten Artikel über verschiedene Möglichkeiten Haushalte mit geringem Einkommen steuerlich zu entlasten fällt der Satz:

Ein Argument [gegen eine Senkung der Umsatzsteuer, Anm.] dürfte sein, dass eine Entlastung des Faktors Arbeit einen finanziellen Reiz für Menschen schafft, einen Job anzunehmen, sagt Wifo-Ökonomin Margit Schratzenstaller. Einen solchen Effekt auf das Arbeitskräfteangebot hätte man bei einer Entlastung via Umsatzsteuer nicht.

Bitte was?

Eine Senkung der Konsumsteuern (wie die Umsatzsteuer eine ist) erhöht den Arbeitsanreiz im Prinzip genauso wie eine Senkung der Lohnsteuer. Die Leute arbeiten ja nicht um sich die verdienten Euroscheine an die Wand zu nageln, sondern um sie auszugeben! Je höher der Konsum besteuert wird, umso mehr muss man arbeiten um sich ein gegebenes Güterbündel leisten zu können.

Wenn ich 10 Euro pro Stunde verdiene und davon 10% an Lohnsteuer zahle, kann ich mir Güter im Wert von 9 Euro leisten. Angenommen die Lohnsteuer wird durch eine 11%-ige Umsatzsteuer ersetzt. Um mir dieselben Güter leisten zu können muss ich denselben Arbeitsaufwand leisten wie zuvor.

Für den Haushalt ist es egal an welcher Stelle der Finanzminister den 1 Euro an Steuern abzweigt: kurz bevor der Lohn auf meinem Konto gutgeschrieben wird oder kurz nachdem ich den Lohn für Konsumgüter ausgebe.

Freilich hat die Konsumsteuer gegenüber der Einkommenssteuer den Vorteil, dass der Sparanreiz nicht verzerrt wird. Vom Standpunkt der Effizienz aus betrachtet wäre daher eine Umsatzsteuersenkung wohl nicht der beste Weg die Haushalte zu entlasten.

 

Politik am Prüfstand: zu viel Arbeit und zu wenig Zeit?

Am ersten echten Feierabend des neuen Arbeitsjahres empfiehlt sich auch ein erster Kommentar zu wirtschaftspolitischen Entwicklungen des Letzten. Inhaltlich steht der Beginn dieser Reihe wohl dem seit Herbst gültigen Arbeitszeitgesetz zu.

Um was geht’s?

Was vielfach als Flexibilisierung der Arbeitszeit präsentiert wurde, ist faktisch bloß eine Erhöhung der Höchstarbeitszeit. Was früher nur mit dem Segen von Betriebsräten und Arbeitsmedizin gestattet war, ist nun auch ohne einen solchen möglich: 12 statt 10 Stunden am Tag, 60 statt 50 in der Woche.

Der berühmten Viertagewoche kommen Beschäftigte unter Vollauslastung dadurch nicht wirklich näher: 60:12=50:10=5. Selbst in Zeiten normaler 40-Stunden-Wochen (40:10>40:12=3,33) verpassen wissenschaftliche Befunde der Sache einen bitteren Beigeschmack: bereits nach dem zweiten 12-Stunden-Tag wären drei Rage zur völligen Erholung notwendig. Dafür könnte jedoch die Zeit fehlen, denn die unionsrechtlich gegebene Schranke (durchschnittlich 48 Stunden in 17 Wochen Durchrechnungszeitraum) erlaubt streng genommen bis zu 5 Tage und 13 Wochen hintereinander 12 bzw. 60 Stunden.

Was hat das mit der Volkswirtschaftslehre zu tun?

Nun ist es eher unwahrscheinlich, dass das Extrem gleich zur Normalität wird. Das Unternehmertum und die moderne Betriebswirtschaftslehre kann gesundes Humankapital schließlich durchaus schätzen. Die für 2017 vermeldeten 250 Mio. Überstunden, davon 45 Mio. unbezahlt, sowie die weiterhin ansteigenden Burn-Out-Erkrankungen deuten jedoch auch darauf hin, dass diese Wertschätzung an mancher Stelle auf Grenzen stößt. Und der Umstand, dass das Gesetz für einige ohnehin nur die Legalisierung des inoffiziell längst üblichen Arbeitsalltags darstellt, sollte alles andere als beruhigen.

Das Hintanstellen langfristiger Planung, um kurzfristige Auftragsspitzen zu bewältigen, muss volkswirtschaftlich Sorge um die Nachhaltigkeit bereiten. Ja, die Arbeitskraft des Menschen regeneriert sich in Erholungsphasen. Doch werden erneuerbare Ressourcen im Optimum nicht bis zur Grenze der kurzfristigen Belastbarkeit beansprucht. Der optimale Grad an Beanspruchung stellt viel mehr sicher, dass sich Belastung und Erholung im Gleichgewicht befinden. Das heißt, der optimale Mix aus Beanspruchung und Erholung ermöglichen der Arbeitskraft, ihr Leistungsniveau und damit ihre Gesundheit langfristig auf konstantem Niveau zu erhalten. Es darf angenommen werden, dass dieser optimale Mix je nach Alter und Berufsgruppe variiert. Die generelle Erhöhung der Höchstarbeitszeit ist daher kaum mit einer nachhaltigen Nutzung der volkswirtschaftlichen Arbeits- und damit Produktivkraft vereinbar.

Die Produktivkraft lädt zu einer weiteren theoretischen Überlegung ein. In der gängigen Theorie leitet sich der im Arbeitsmarktgleichgewicht geltende Lohnsatz aus der Grenzproduktivität der Arbeit her. Auch in den kollektiven Lohnverhandlungen der Sozialpartner spielt die Produktivität eine große Rolle. Nun ist es in der Praxis so, dass mit zunehmender Erschöpfung nicht nur das Unfallrisiko steigt, sondern auch die (Grenz-)Produktivität abnimmt. Längere Arbeitszeiten können sich daher theoretisch auch negativ auf die Lohnsetzung auswirken.

Doch anstatt gänzlich naiv der Theorie zu folgen, ist gerade die naiv anmutende Pauschalisierung durch das Gesetz hervorzuheben. So viele Arbeitskräfte und Berufe über einen Kamm zu scheren, ist eine Vereinfachung der Welt, wie man sie sonst wohl nur von ökonomischen Modellen kennt. Die angeführten Chancen und Risiken jeder weiteren Arbeitsstunde variieren in der Realität natürlich stark je ausgeführter Tätigkeit. Es ist die Pauschalisierung, welche sowohl Befürworter als auch Kritikerinnen rasch der Unsachlichkeit überführt. Es ist die Umgehung der einst konsultierten Arbeitsmedizin, welche an die Stelle einer fallspezifischen sachlichen Entscheidung eine persönliche stellt.

Daran anknüpfend ist anzumerken, dass die mit längeren Arbeitszeiten einhergehenden Risiken großenteils von den Beschäftigten und in weiterer Folge dem solidarisch finanzierten Gesundheits- und Sozialsystem getragen werden. In gewisser Weise handelt es sich mit Blick auf die entscheidenden Akteure daher um externe Kosten. Den Arbeitnehmerschutz in Bezug auf zeitliche Belastungsgrenzen aufzuweichen, dient schwerlich einer Internalisierung.

Was bleibt der Volkswirtschaft?

Der Jubelschrei von Unternehmensseite steht daher nicht zwangsläufig für volkswirtschaftliche Effizienz. Die subjektiv gewonnene Flexibilität gibt betriebswirtschaftlich Grund genug zum Jubeln. In wie weit die Flexibilisierung auch zum Vorteil und nach Wunsch der Beschäftigten genutzt wird, hängt neben der Eigenverantwortung vor allem von der jeweiligen Verhandlungsmacht ab. Für einen großen Teil der Beschäftigten ist diese Verhandlungsmacht spätestens nach Aushebeln der Betriebsräte eher überschaubar, was sich in den breiten Protesten gegen die Maßnahme wiederspiegelt.

Proteste, die auch empirische Grundlage finden. Seit der letzten flächendeckenden Arbeitszeitverkürzung hat sich das reale Bruttoinlandsprodukt mehr als verdoppelt. Den dafür teilweise überlasteten Beschäftigten stehen 340.000 Arbeitslose gegenüber und die Herausforderungen unserer Zeit werden diese Lage nicht entschärfen: die Digitalisierung befeuert das qualitative Mismatch und die Erderwärmung lässt die Belastung einiger Berufsgruppen noch höher ausfallen als schon bisher. Der Volkswirtschaft und Teilen ihrer Produktivkraft könnte die sogenannte Flexibilisierung zugunsten kurzfristiger Auftragsspitzen langfristig daher teuer zu stehen kommen. Beim mit der Maßnahme angestrebten Gewinn an Konkurrenzfähigkeit könnte es sich somit auch um ein temporäres Vergnügen handeln.