Politik am Prüfstand: zu viel Arbeit und zu wenig Zeit?

Am ersten echten Feierabend des neuen Arbeitsjahres empfiehlt sich auch ein erster Kommentar zu wirtschaftspolitischen Entwicklungen des Letzten. Inhaltlich steht der Beginn dieser Reihe wohl dem seit Herbst gültigen Arbeitszeitgesetz zu.

Um was geht’s?

Was vielfach als Flexibilisierung der Arbeitszeit präsentiert wurde, ist faktisch bloß eine Erhöhung der Höchstarbeitszeit. Was früher nur mit dem Segen von Betriebsräten und Arbeitsmedizin gestattet war, ist nun auch ohne einen solchen möglich: 12 statt 10 Stunden am Tag, 60 statt 50 in der Woche.

Der berühmten Viertagewoche kommen Beschäftigte unter Vollauslastung dadurch nicht wirklich näher: 60:12=50:10=5. Selbst in Zeiten normaler 40-Stunden-Wochen (40:10>40:12=3,33) verpassen wissenschaftliche Befunde der Sache einen bitteren Beigeschmack: bereits nach dem zweiten 12-Stunden-Tag wären drei Ruhetage zur völligen Erholung notwendig. Dafür könnte jedoch die Zeit fehlen, denn die unionsrechtlich gegebene Schranke (durchschnittlich 48 Stunden in 17 Wochen Durchrechnungszeitraum) erlaubt streng genommen bis zu 5 Tage und dies 13 Wochen hintereinander 12 bzw. 60 Stunden.

Was hat das mit der Volkswirtschaftslehre zu tun?

Nun ist es eher unwahrscheinlich, dass das Extrem gleich zur Normalität wird. Das Unternehmertum und die moderne Betriebswirtschaftslehre kann gesundes Humankapital schließlich durchaus schätzen. Die für 2017 vermeldeten 250 Mio. Überstunden, davon 45 Mio. unbezahlt, sowie die weiterhin ansteigenden Burn-Out-Erkrankungen deuten jedoch auch darauf hin, dass diese Wertschätzung an mancher Stelle auf Grenzen stößt. Und der Umstand, dass das Gesetz für einige ohnehin nur die Legalisierung des inoffiziell längst üblichen Arbeitsalltags darstellt, sollte alles andere als beruhigen.

Das Hintanstellen langfristiger Planung, um kurzfristige Auftragsspitzen zu bewältigen, muss volkswirtschaftlich Sorge um die Nachhaltigkeit bereiten. Ja, die Arbeitskraft des Menschen regeneriert sich in Erholungsphasen. Doch werden erneuerbare Ressourcen im Optimum nicht bis zur Grenze der kurzfristigen Belastbarkeit beansprucht. Der optimale Grad an Beanspruchung stellt viel mehr sicher, dass sich Belastung und Erholung im Gleichgewicht befinden. Das heißt, der optimale Mix aus Beanspruchung und Erholung ermöglichen der Arbeitskraft, ihr Leistungsniveau und damit ihre Gesundheit langfristig auf konstantem Niveau zu erhalten. Es darf angenommen werden, dass dieser optimale Mix je nach Alter und Berufsgruppe variiert. Die generelle Erhöhung der Höchstarbeitszeit ist daher kaum mit einer nachhaltigen Nutzung der volkswirtschaftlichen Arbeits- und damit Produktivkraft vereinbar.

Die Produktivkraft lädt zu einer weiteren theoretischen Überlegung ein. In der gängigen Theorie leitet sich der im Arbeitsmarktgleichgewicht geltende Lohnsatz aus der Grenzproduktivität der Arbeit her. Auch in den kollektiven Lohnverhandlungen der Sozialpartner spielt die Produktivität eine große Rolle. Nun ist es in der Praxis so, dass mit zunehmender Erschöpfung nicht nur das Unfallrisiko steigt, sondern auch die (Grenz-)Produktivität abnimmt. Längere Arbeitszeiten können sich daher theoretisch auch negativ auf die Lohnsetzung auswirken.

Daran anknüpfend ist anzumerken, dass die mit längeren Arbeitszeiten einhergehenden Risiken großenteils von den Beschäftigten und in weiterer Folge dem solidarisch finanzierten Gesundheits- und Sozialsystem getragen werden. In gewisser Weise handelt es sich mit Blick auf die Unternehmen daher um externe Kosten. Den Arbeitnehmerschutz in Bezug auf zeitliche Belastungsgrenzen aufzuweichen, dient schwerlich einer Internalisierung.

Was bleibt der Volkswirtschaft?

Der Jubelschrei von Unternehmensseite steht daher nicht zwangsläufig für volkswirtschaftliche Effizienz. Die subjektiv gewonnene Flexibilität gibt betriebswirtschaftlich Grund genug zum Jubeln. In wie weit die Flexibilität auch zum Vorteil und nach Wunsch der Beschäftigten genutzt wird, hängt von der jeweiligen Verhandlungsmacht ab. Für einen großen Teil der Beschäftigten ist diese Verhandlungsmacht spätestens nach Aushebeln der Betriebsräte eher überschaubar, was sich in den breiten Protesten gegen die Maßnahme wiederspiegelt.

Proteste, die auch empirische Grundlage finden. Seit der letzten flächendeckenden Arbeitszeitverkürzung hat sich das reale Bruttoinlandsprodukt mehr als verdoppelt. Den dafür teilweise überlasteten Beschäftigten stehen 340.000 Arbeitslose gegenüber und die Herausforderungen unserer Zeit werden diese Lage nicht entschärfen: die Digitalisierung befeuert das qualitative Mismatch und die Erderwärmung lässt die Belastung einiger Berufsgruppen noch höher ausfallen als schon bisher. Der Volkswirtschaft und ihrer Produktivkraft könnte die sogenannte Flexibilisierung zugunsten kurzfristiger Auftragsspitzen langfristig daher teuer zu stehen kommen. Der mit der Maßnahme angestrebte Gewinn an Konkurrenzfähigkeit könnte sich dann ebenfalls erübrigt haben.

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