Zur Kern-Schelling Debatte um die Zukunft der EU und Österreichs

In seinen Vorstellungen zu einer Überwindung der Krise in der Europäischen Union, die er am 12. September in der FAZ veröffentlichte, hat Bundeskanzler Christian Kern höheren Investitionen das Wort geredet. Sein Befund war der einer fallenden Investitionstätigkeit im Verhältnis zum Bruttoinlandsprodukt in vielen Ländern Europas vor allem aber in den Krisenländern Südeuropas. Der Bundeskanzler erwartet keine Verbesserung der wirtschaftlichen Situation und ein Verpassen von Zukunftschancen, wenn die Investitionen nicht ansteigen. Diese Einschätzung ist nicht wirklich neu und wird von vielen Ökonomen geteilt unabhängig davon wo die „normale“ Investitionsquote angesetzt wird. Wahrscheinlich würde Finanzminister Schelling der Analyse ebenfalls zustimmen.

Die beiden Politiker unterscheiden sich in der Rolle, die sie dem Staat in der Auflösung der Investitionsflaute zuteilen. Während Bundeskanzler Kern den Staat in der Verpflichtung sieht, die Infrastrukturausgaben wenigstens nicht weiter zu kürzen und die Austeritätspolitik nicht als alternativlos ansieht, hält Finanzminister Schelling höhere Staatsausgaben für den falschen Weg, mehr Dynamik in der Wirtschaft zu entfachen. Das verlagert die Debatte von der Investitionsschwäche zur Finanzierung von staatlichen Investitionen. Dort gehört sie eigentlich aber gar nicht hin. Die Lücke kann in einer Marktwirtschaft nur durch Unternehmen und Haushalte nicht aber dauerhaft durch den Staat geschlossen werden. Andererseits gibt es mindestens drei gute Gründe kurzfristig die staatlichen Investitionen zu erhöhen, um die Flaute zu beenden und wirtschaftliche Dynamik anzustoßen.

Erstens, haben die Staaten sehr lange besonders bei Investitionen gespart und sind damit für einen Teil des Rückgangs verantwortlich. Das ist nicht ohne Konsequenzen für den Infrastrukturbestand. Im vom Finanzminister für die Haushaltsüberschüsse gelobten Deutschland ist jede zweite Autobahnbrücke reparaturbedürftig. Irgendwann müssen die Ressourcen zur Reparatur aufgebracht werden. Es ist daher unklar, warum eine Schulden-finanzierte Reparatur Belastungen in die Zukunft verschiebt, eine unterlassene Reparatur aber nicht. Deutschlands Investitionsstau war nur ein Beispiel, in anderen Ländern sieht es nicht besser aus. Und das sind nur Reparaturmaßnahmen, nicht die Zukunftsinvestitionen von denen der Bundeskanzler sprach. Zweitens, sind die Kosten für eine Fremdfinanzierung staatlicher Investitionen derzeit null oder wenigstens doch sehr niedrig. Die soziale Rendite staatlicher Investitionen müsste also negativ sein, um den Schelling-Test der Finanzierbarkeit zu reißen. Drittens, schließlich, kann Stabilisierungspolitik Konjunktur-belebende Wirkungen haben. Nach dem Lehman-Schock 2008 haben sowohl Österreich als auch Deutschland damit sehr gute Erfahrungen gemacht, selbst wenn funktionsfähige Autos auf Kosten der Steuerzahlen verschrottet wurden.

Ich teile die Analyse und sympathisiere mich mit der Lösung und doch stimmt für mich im Ton etwas nicht in den Vorstellungen des Bundeskanzlers zur Überwindung der europäischen Krise und zur Stimulierung der wirtschaftlichen Situation in Österreich. Es ist die Regierung als einzig handelnde Akteurin, die etwas für die Bürger tun muss postuliert der Bundeskanzler: in Europa muss sie für Gerechtigkeit sorgen und in Österreich 200.000 neue Arbeitsplätze schaffen und Vollbeschäftigung bringen. Der erste Punkt ist einfach nicht richtig: es ist nicht die EU, die für inter-personelle Umverteilung (sieht man von den Bauern ab) zuständig ist. Das ist Aufgabe der Nationalstaaten. Der zweite Punkt ist gefährlich. Natürlich kann die Regierung keine Vollbeschäftigung verordnen. Vollbeschäftigung ist keine Politikvariable, es ist ein Marktergebnis. Dafür kann und soll die Regierung arbeiten aber sie sollte sich nicht eine Größe zur Messlatte erklären, die sie nicht vollständig beeinflussen kann. Das reduziert die Unzufriedenheit sicher nicht, wenn das Ziel nicht erreicht wird.

200.000 neue Arbeitsplätze entstehen bis 2020 sicherlich. Angesichts des steigenden Arbeitsangebots (verlängerte Lebensarbeitszeit, Erhöhung der Beschäftigungsquoten von Frauen) sogar netto (neu abzüglich der verlorenen), aber Vollbeschäftigung wird wohl trotzdem nicht erreicht werden. Es braucht bei größeren Umbrüchen einfach Zeit bis sich das komplexe System angepasst hat. Arbeitsplätze allein werden daher wohl nicht die Lösung sein. Eine Lösung wird es ohne die Mitarbeit motivierter Bürger auch nicht geben, ebenso wenig wie es Gerechtigkeit geben kann, die nur in der Übernahme der Globalisierungs- und Modernisierungsrisiken durch die Gesellschaft besteht. Die gesamte Gerechtigkeitsdebatte krankt daran, dass wir als Gesellschaft nicht um eine mehrheitlich akzeptierte Vorstellung von Gerechtigkeit ringen. Dieses Ringen verlangte die Einbeziehung des Bürgers und davon war wenig zu lesen.

Vielleicht kamen die scharfen Angriffe des Finanzministers (zwei Salto rückwärts, Populismus, Sackgasse) ja daher, inhaltlich sind sie schwerer zu verstehen.

How privatization saved the Pilgrim Fathers

This summer I visited the historic site of Plymouth Plantation, the famous first settlement of the Pilgrim Fathers in Massachusetts. I was interested to see how the early settlers lived, what their houses looked like, what clothes they wore, what food they ate, what their relationships with the Native Americans were and how they managed to survive the first years in the wilderness. Luckily one of the colonists, William Bradford, wrote a book about all this which I am now reading. Among the many fascinating details of Bradford’s account, I found this passage describing how the colonists managed to overcome the insufficient output of corn which had caused a dangerous shortage of food during the first year and left many of them in danger of starvation.

So they began to consider how to raise more corn, and obtain a better crop than they had done, so that they might not continue to endure the misery of want. At length after much debate, the Governor with the advice of the chief among them, allowed each man to plant corn for his own household, and to trust to themselves for that; in all other things to go on in the general way as before. So every family was assigned a parcel of land, according to the proportion of their number with that in view,—for present purposes only, and making no division for inheritance,—all boys and children being included under some family. This was very successful. It made all hands very industrious, so that much more corn was planted than otherwise would have been by any means the Governor or any other could devise, and saved him a great deal of trouble, and gave far better satisfaction. The women now went willingly into the field, and took their little ones with them to plant corn, while before they would allege weakness and inability; and to have compelled them would have been thought great tyranny and oppression.

The failure of this experiment of communal service, which was tried for several years, and by good and honest men proves the emptiness of the theory of Plato and other ancients, applauded by some of later times,—that the taking away of private property, and the possession of it in community, by a commonwealth, would make a state happy and flourishing; as if they were wiser than God. For in this instance, community of property (so far as it went) was found to breed much confusion and discontent, and retard much employment which would have been to the general benefit and comfort. For the young men who were most able and fit for service objected to being forced to spend their time and strength in working for other men’s wives and children, without any recompense. The strong man or the resourceful man had no more share of food, clothes, etc., than the weak man who was not able to do a quarter the other could. This was thought injustice. The aged and graver men, who were ranked and equalized in labour, food, clothes, etc., with the humbler and younger ones, thought it some indignity and disrespect to them. As for men’s wives who were obliged to do service for other men, such as cooking, washing their clothes, etc., they considered it a kind of slavery, and many husbands would not brook it. This feature of it would have been worse still, if they had been men of an inferior class. If (it was thought) all were to share alike, and all were to do alike, then all were on an equality throughout, and one was as good as another; and so, if it did not actually abolish those very relations which God himself has set among men, it did at least greatly diminish the mutual respect that is so important should be preserved amongst them. Let none argue that this is due to human failing, rather than to this communistic plan of life in itself. I answer, seeing that all men have this failing in them, that God in His wisdom saw that another plan of life was fitter for them.

Bitte weitersagen: Modellannahmen sind keine Werturteile!

In einem Kommentar zu meinem letzten Blogeintrag behauptet Wolfgang Eichert frech, Modellannahmen seien Werturteile. Ich höre diese Behauptung nicht zum ersten Mal. Sie scheint besonders bei Grazer VWLern sogar fast zum Allgemeinwissen zu gehören. Nur ist sie halt – wie so oft bei Allgemeinwissen – nicht wahr.

Werturteile sind Aussagen darüber, ob man etwas gut oder schlecht, schön oder schiach findet. Sie sind subjektiv und bieten keinen Stoff für vernünftige Debatten. De gustibus non est disputandum.

Modellannahmen sind strategische Vereinfachungen, die einem helfen, die wesentlichen Aspekte der Realität von den unwesentlichen zu trennen. Ockham’s Rasiermesser verlangt, dass der Modellbauer alle unwesentlichen Aspekte aus seinem Modell raushält.

Ob ein Aspekt wesentlich ist oder nicht, ist auch kein Werturteil, sondern eine empirische Frage: Wird das Modell von den Daten bestätigt oder nicht? Das ist genau der Job von Ökonometrikern. Warum Wolfgang glaubt, dass solche Fragen in der Regel nicht objektiv beantwortbar sind, ist mir ein absolutes Rätsel. Natürlich ist es schwierig, weil ökonomische Daten noisy sind und wir keine kontrollierten Experimente machen können (abgesehen von den Experimentalökonomen). Aber das heißt nur, dass man in den Fällen, in denen die empirische Beweislage für ein Modell unklar ist, mit hochtrabenden Aussagen vorsichtig sein muss. Es heißt nicht, dass die Auswahl von Modellen eine Sache der Ideologie oder des „Geschmacks“ bleiben muss.

Wer Modellannahmen auf den Rang von Werturteilen degradiert, verhindert letztendlich eine vernünftige Diskussion über das Modell. “Ach, du glaubst also an Rationale Erwartungen? Naja, bist halt ein Neoliberaler.” Oder “Du glaubst an die Arbeitswertlehre? Verdammter Kommunist!”

Diese Einstellung ist höchst destruktiv, weil sie suggeriert, dass die Wissenschaft ein Selbstbedienungsladen ist, bei dem halt jeder an das Modell „glaubt“, das gerade am besten zu seiner ideologischen Weltanschauung passt. Und sie führt zu einem stupiden Nihilismus, der auf keine Frage mehr eine brauchbare Antwort geben kann. „Führen höhere Steuern zu geringerem Wirtschaftswachstum? Naja, das kommt drauf an: Bist du ein Roter oder ein Schwarzer?“

Kurzum: Wer darauf besteht, dass Modellannahmen Werturteile sind, verhindert einen sachlichen, datengetriebenen Diskurs über ökonomische Theorie.

Und jetzt die ganze Klasse: MODELLANNAHMEN SIND KEINE WERTURTEILE!

Hans-Werner Sinn’s theses on climate policy: a puzzle

I recently came across Hans-Werner Sinn’s 13 theses on climate policy. Prof. Sinn’s main target is Germany’s policy of radical transition from fossil fuels to renewable energy sources – the famous “Energiewende”. I think some of his arguments are very well taken, others are rather dubious. In particular, I would quarrel with theses #2, #3, and #4. But at the moment it is #10 which gives me headaches.

Here is his Thesis #10:

“The [German] Renewable Energy Act, which makes green power economically viable, is completely ineffective, since it conflicts with the European emissions trading system, which already caps CO2 emissions. The green power produced in Germany not only replaces power from fossil fuels, but also sets free the corresponding emission certificates. These certificates migrate via the markets to coal-fired power stations in other EU countries, where they facilitate an increase in CO2 emissions – or a reduction in savings – which exactly matches the German savings.”

This seems to be a perfectly valid argument. Now take a look at the graph below. It shows greenhouse gas emissions relative to the base year 2005, which is the year when the EU’s emission trading system began, for Germany (blue line) and the rest of the European Union (red line). Data source: Eurostat.

If Prof. Sinn’s thesis is correct, Germany’s emissions should have decreased faster than in the rest of the EU. Yet the exact opposite is the case: German emissions fell by 5 percent between 2005 and 2012 compared to 15 percent in the rest of the EU!

What’s going on here? I can’t see any mistake in Prof. Sinn’s analysis, but his analysis seems to be completely at odds with the data. The logical conclusion is that I must be missing something. What am I missing? Help!

GHG emissions

Degrowth vs. Decarbon

In reply to my last post, Katharina linked to a think tank arguing for “degrowth” as a strategy of preventing further global warming. My mini model seems to support exactly that strategy: reduce consumption and production to reduce greenhouse gas emissions. But there is another way to deal with the problem, which is usually referred to as “decarbonization”. This strategy calls for reducing the use of greenhouse gas emitting modes of production, like switching from coal to nuclear power. In my experience both strategies tend to be supported by the same set of people. But think about them in terms of my model and you realize that they cut in opposite directions – the more we “decarbonize”, the less we need to “degrow”, and vice versa.

Continue reading

On the Illusion of the Perpetual Money Machine

I recently stumbled upon a paper by Sornette and Cauwels of the ETH Zürich strikingly named “The Illusion of the Perpetual Money Machine” (.pdf). It makes for great reading and presents a solid case for rethinking the way we do things policy wise, particularly with regards to monetary policy. I’m not going to discuss much of it, for I wouldn’t know where to start. But maybe some thoughts. To use their words

Rather than still hoping that real wealth will come out of money creation, an illusion also found in the current management of the on-going European sovereign and banking crises, we need fundamentally new ways of thinking.

At first sight this may seem as an argument that should be shelved somewhere close to the crazy gold bug crowd. But it is not, for it is carefully argued and backed up by evidence rather than just some badly articulated gut feeling. Still, I feel like that argument needs some qualification: while indeed it is impossible to create real wealth out of money creation alone, it is very much possible to destroy real wealth due to a lack of money creation – and I would argue that we have seen that happen plenty of times in the past already, and not just in the past 30 years. Another seemingly key passage:

The discrepancy between the exuberant inflation of the financial sphere and the more moderate growth of the real economy is the crux of the problem we are currently immersed in.

In a sense this seems to be all part of a much bigger debate regarding the relationship between monetary policy and financial markets. And even though I’ve done quite a bit of reading over the past couple of months and in part even years, I still feel like I’m only scratching the surface here. Scott Sumner, for instance, makes a fairly decent case for “keeping finance out of macro“. I can find myself agreeing with a lot of it, even though it might seem overly simplistic. Basically, it is a central bank’s role to stabilize NGDP growth, and it should do whatever it takes to do so. As noted also by Sornette and Cauwels, monetary policy should not respond to “the vagaries of the stock market”, yet unfortunately it has too often done so in the past. On the other hand, the recent crisis has shown us that it might be difficult if not impossible to stabilize NGDP growth over a long period of time without taking the financial sector into account – so from that reasoning alone there seems to be a strong case to be made that finance cannot remain entirely out of “macro”.

In some way there seems to be little doubt that our modern financial system, while performing absolutely invaluable functions to the economy as a whole, has been working and continues to work in a fashion that some might argue is simply unsustainable. Yet it’s an entirely different argument to make that the almost 60% youth unemployed in Spain, just to name an example, should simply sit back and hope for the best while Europe faces incredibly tight monetary policy just because governments have spectacularly failed in the past and continue to spectacularly fail to this very day to regulate a financial sector that’s often based on (and extremely successful at) an enormous amount of rent-seeking that delivers little real benefits. Central banks have a role to play here through macroprudential regulation, for instance, and they should do so. But to argue that we need to keep money tight even though the real economy is in shambles just because the financial sector that we purposefully (and wrongly) deregulated would go on squandering any stimulus away makes no sense at all. It’s basically admitting that we screwed up, but since we screwed up all we can do it to continue to screw up.