Ein Hauch von Ökonomik: Pünktlichkeit ist eine Zier, doch weiter kommt man ohne ihr

Ohne Zweifel gibt es auch in der guten Stube gute Gründe, zu spät zu kommen. Solche, die einem niemand übelnimmt. Jene, um die einen niemand beneidet und jene, die unvorhersehbar und unvermeidbar sind. Über diese überschaubaren Ausnahmen hinaus jedoch stößt unsere Unpünktlichkeit nicht immer auf Verständnis, wenn auch ebenso selten auf Sanktionen. Beides ist am Ende nicht verwunderlich.

Zeit ist ein knappes Gut und nicht nur deshalb kostbar. Ein präzise getimter Termin soll uns helfen, eine beschränkte und unersetzliche Ressource in unserem Sinne zu verwenden anstatt zu verschwenden.

Zeitverschwendung ist somit die naheliegende Konsequenz, welche jenen droht, die wir unentschuldigt warten lassen. Dies bedeutet nicht, dass wir die Kostbarkeit der Zeit nicht begriffen haben. Viel mehr bringt es zum Ausdruck, wie sehr wir unsere eigene Zeit und die freie Verfügbarkeit über diese schätzen. So sehr nämlich, dass wir für ein bisschen mehr Freiraum auch gern mal die Zeit anderer aufs Spiel setzen. Wir notorisch Unpünktlichen sind also nicht zwangsweise begriffsstutzig oder gar irrational, sondern eventuell einfach die egoistischen Optimierer, welche die Mainstream-Ökonomik gern in uns sieht.

Unsere Unpünktlichkeit lässt schließlich nur die auf uns Wartenden die entsprechende Menge an Zeit unwiederbringlich verlieren. Wir verspüren deren Verlust vorerst nicht. Aus unserer Perspektive handelt sich dabei bloß um externe Effekte, die wir im Zuge unserer Entscheidung rund um den eigenen Nutzen nicht zu berücksichtigen haben. Dies müssten wir nur, würden wir der effektiven Zeitnutzung anderer einen entsprechenden Wert und Nutzen unsererseits zusprechen. Mit unserer Unpünktlichkeit verweigern wir diese Wertschätzung und konzentrieren uns ganz auf uns selbst. Kein Wunder also, dass unsere Unpünktlichkeit bei unseren verlässlicheren Gegenübern auf Unbehagen stößt.

Dass uns dieses Unbehagen jedoch selten zum Verhängnis wird, deutet darauf hin, dass die Mainstream-Ökonomie unsere Gesellschaft eben nicht in allen Belangen völlig falsch zeichnet. Es mag sich teilweise nur um eine selbsterfüllende Prophezeiung des Liberalismus handeln, doch Angriff scheint im Fall notorischer Unpünktlichkeit eine äußerst effektive Verteidigungsstrategie. In diesem Sinne reagieren wir auf allfällige Anklagen mit unserer liebsten Gegendarstellung. In dieser sind wir spontanen Freigeister die Opfer einer kleinkarierten Welt, die uns mit terminlichen Verpflichtungen zu knechten sucht. Wehe jenen daher, die sich an diesem schmutzigen Spiel so vorbildlich beteiligen. Jene, welche sich in ungebetener Verlässlichkeit üben und nur aufgrund mangelnder Toleranz und Frust über die Beschränktheit der eigenen Flexibilität auch von uns Pünktlichkeit einfordern wollen. Sie sind die wahren Täter und ihre Klagen bestätigen bloß die ihnen angestammte Rolle des Miesepeters, Querulanten und Stimmungskillers.

Keine sonderlich beliebte Rolle, die unseren Kritikern ihrerseits Vorwürfe einbringen kann. Selbst wenn einem die von unserer Unpünktlichkeit verursachten Kosten bewusst sind, würde die Aufregung darüber nur weitere Zeit kosten – meist lauter und weitreichender als unser stilles Vergehen. Andere für die Investition in diese Aufregung zu begeistern, würde eine langfristige Perspektive und Vertrauen in unserer Änderungsbereitschaft verlangen. Beides lässt sich durch geschicktes Spiel unsererseits ganz gut boykottieren. Daher scheint es gerade in der von uns in den Mittelpunkt gerückten kurzen Frist oft naheliegender, sich und anderen die Aufregung zu sparen und die durch uns verlorene Zeit als versunkene Kosten einfach hinzunehmen.

Am Ende gilt: wo kein Kläger, da kein Richter. Unsere Unpünktlichkeit mag also zwar egoistisch und respektlos sein, doch bestraft werden wir eher selten. Danke dafür, mit freundlichen Grüßen, Deine individualistische Spaß-Gesellschaft

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