Sind Staatsschulden eine Belastung für unsere Kinder?

Dass Staatschulden eine Belastung für zukünftige Generationen sind, gehört zu den Dingen, die nun wirklich jedes Kind über die Volkswirtschaft weiß – neben der Tatsache, dass unbegrenztes Wirtschaftswachstum unmöglich ist, und dass eine negative Leistungsbilanz schlecht für ein Land ist.

Leider ist das, was jedes Kind über die Volkswirtschaft weiß, falsch. Die Frage ist nur wie falsch. Völlig falsch? Unter Umständen richtig, aber in der Regel falsch? Oder unter Umständen falsch aber in der Regel richtig?

Sagen wir unsere Regierung beschließt jedem österreichischen Haushalt 100 Euro zu schenken. Finanziert wird das über eine neue Anleihe mit einer Laufzeit von 30 Jahren (einer Generation). Belastet diese Staatsschuld die zukünftige Generation?

Ja sicher: Die zukünftige Generation wird höhere Steuern zahlen müssen um die Anleihe zu bedienen. Angenommen der Zinssatz beträgt r und das Bevölkerungswachstum n, dann muss jeder zukünftige österreichische Haushalt 100*(1+r)/(1+n) Euro an zusätzlichen Steuern schultern.

Unsinn: Die zukünftige Generation erbt ja auch die Anleihen, die ihre Eltern gekauft haben! Die Zusatzsteuern, die sie zahlen müssen, fließen ihnen selbst zu, weil sie die Anleihen halten. Ihre Eltern haben ihr „Geschenk“ vom Staat selbst finanziert indem sie die Anleihen gezeichnet haben. Für die zukünftige Generation entsteht überhaupt keine Belastung.

Moment mal: Da haben wir aber ein paar implizite Annahme gemacht. Wer sagt denn, dass die gesamte Anleihe an die nächste Generation weitervererbt wird? In der Realität erbt nicht jeder Haushalt was, und nicht alle Haushalte haben Nachkommen, denen sie was vererben könnten. Was, wenn die erste Generation die Staatsschulden an die nächste Generation verkauft anstatt vererbt?

Sagen wir die erste Generation hat die Anleihe als Altersvorsorge gekauft (entweder direkt oder über eine Pensionsversicherung) in der Erwartung sie im Alter wieder verkaufen zu können. Zunächst bekommt jeder Haushalt der ersten Generation 100 Euro vom Staat und zeichnet Staatsanleihen im gleichen Wert. Wenn die erste Generation in den wohlverdienten Ruhestand übergeht, verkauft jeder Althaushalt die Anleihe an einen jungen Haushalt der nächsten Generation um 100*(1+r) Euro. Nach 30 Jahren – die erste Generation ist mittlerweile tot – hebt der Staat von jedem Haushalt der zweiten Generation 100*(1+r)/(1+n) Euro an zusätzlichen Steuern ein und begleicht damit seine Schuld gegenüber dem Haushalt in derselben Höhe. Somit hat sich die erste Generation um 100 Euro bereichert – zu Lasten ihrer Kinder!

Okay, aber das ist wohl auch kein realistisches Szenario. Die Wahrheit liegt wie immer irgendwo dazwischen: Sagen wir ein Anteil s der Staatsschulden wird vererbt und der Rest verkauft. Dann beträgt die Belastung der zukünftigen Generation nur 100*(1-s)*(1+r)/(1+n) pro Haushalt.

Moment, es geht noch weiter: Wer sagt denn, dass die Anleihen nur von österreichischen Haushalten gehalten werden? Was, wenn die Staatsschulden in den Händen ausländischer Haushalte sind? Sagen wir der Anteil der von Inländern gehaltenen Staatschulden beträgt d. Dann muss jeder Haushalt der zukünftigen Generation 100*(1-d)*(1+r)/(1+n) Euro an ausländische Gläubiger zahlen. Die Last der Staatsschulden verteilt sich dann wie folgt: die erste Generation trägt 100*d*s*(1+r) Euro pro Haushalt, die zweite Generation 100*(1-d*s)*(1+r)/(1+n).

Zum Beispiel: d=1/3, s=1/2, r=10%, n=5%. Dann beträgt die Last der Staatsschulden für die erste Generation 17,5 Euro und für die zweite 87,3 Euro pro Haushalt. Gemessen in Gegenwartswerten wird somit die erste Generation zu Lasten der zweiten Generation um 83,3 Euro bereichert.

Das heißt, die populäre Doktrin, dass Staatsschulden unsere Kinder belasten, stimmt in aller Regel. Nur dann, wenn die gesamte Staatsschuld im Inland gehalten und zur Gänze an die nächste Generation vererbt statt verkauft wird, ist sie falsch.