Auch eine Konsumsteuer verringert den Arbeitsanreiz

In einem sonst sehr guten Artikel über verschiedene Möglichkeiten Haushalte mit geringem Einkommen steuerlich zu entlasten fällt der Satz:

Ein Argument [gegen eine Senkung der Umsatzsteuer, Anm.] dürfte sein, dass eine Entlastung des Faktors Arbeit einen finanziellen Reiz für Menschen schafft, einen Job anzunehmen, sagt Wifo-Ökonomin Margit Schratzenstaller. Einen solchen Effekt auf das Arbeitskräfteangebot hätte man bei einer Entlastung via Umsatzsteuer nicht.

Bitte was?

Eine Senkung der Konsumsteuern (wie die Umsatzsteuer eine ist) erhöht den Arbeitsanreiz im Prinzip genauso wie eine Senkung der Lohnsteuer. Die Leute arbeiten ja nicht um sich die verdienten Euroscheine an die Wand zu nageln, sondern um sie auszugeben! Je höher der Konsum besteuert wird, umso mehr muss man arbeiten um sich ein gegebenes Güterbündel leisten zu können.

Wenn ich 10 Euro pro Stunde verdiene und davon 10% an Lohnsteuer zahle, kann ich mir Güter im Wert von 9 Euro leisten. Angenommen die Lohnsteuer wird durch eine 11%-ige Umsatzsteuer ersetzt. Um mir dieselben Güter leisten zu können muss ich denselben Arbeitsaufwand leisten wie zuvor.

Für den Haushalt ist es egal an welcher Stelle der Finanzminister den 1 Euro an Steuern abzweigt: kurz bevor der Lohn auf meinem Konto gutgeschrieben wird oder kurz nachdem ich den Lohn für Konsumgüter ausgebe.

Freilich hat die Konsumsteuer gegenüber der Einkommenssteuer den Vorteil, dass der Sparanreiz nicht verzerrt wird. Vom Standpunkt der Effizienz aus betrachtet wäre daher eine Umsatzsteuersenkung wohl nicht der beste Weg die Haushalte zu entlasten.

 

Ökonomischer Analphabetismus in der “Zeit”

Es erstaunt mich immer wieder, dass vielen Menschen, die sich beruflich mit „der Wirtschaft“ beschäftigen, ökonomisches Denken so ganz und gar fremd zu sein scheint. Das trifft insbesondere auf Wirtschaftsjournalisten zu.

Ein eindrückliches Beispiel lieferte neulich „Die Zeit“. In diesem Artikel möchte Hermann-Josef Tenhagen uns über “10 Dinge, die wir über die Wirtschaft wissen müssen” belehren. Schon beim ersten Punkt muss dem guten Ökonomen die Grausbirn’ aufsteigen.

Gebrauchtwagenhändler haben einen schlechten Ruf. Früher war der noch schlechter. Ich habe mir immer Danny de Vito als Gebrauchtwagenhändler in der alten Zeit vorgestellt. Mit dem Bild im Kopf vom dicken, kleinen Mann mit Zigarre im Mund kann man gut erklären, warum ein Markt Regeln braucht. Denn erst seit Gebrauchtwagenhändler die Qualität ihrer verkauften Autos für eine Zeit nach dem Kauf gewährleisten müssen, kann ich dort ein Auto kaufen, ohne davon auszugehen, dass die Karre an der nächsten Ecke stehenbleibt. Und erst seit dieser Zeit haben faire Gebrauchtwagenhändler eine Chance gegen Konkurrenz, die nur ihre Kunden besch… Markt braucht Regeln, um zu funktionieren.

Es ist eine gute Übung für VWL-Ersties eine paar Minuten darüber nachzudenken, wo das Problem bei dieser Argumentation ist. (Es gibt mehr als eins.)

Hier ist das Hauptproblem.

Herr Tenhagen ignoriert die Möglichkeit, dass in einem freien Markt gute Gebrauchtwagenhändler einen Anreiz haben freiwillig Garantien zu gewähren. Eine freiwillige angebotene Garantie hilft den Käufern, gute Gebrauchtwagen von schlechten zu unterscheiden. Eine verpflichtende Garantie zerstört dieses Signal und damit auch den Markt für billige Gebrauchtwagen.

In einem Markt ohne verpflichtende Garantie habe ich als Käufer die Wahl zwischen einem Auto mit Garantie um 12.000 Euro oder dem gleichen Auto beim Händler nebenan um 8.000 Euro aber ohne Garantie. Als Käufer kann ich entscheiden ob ich die 4.000 Euro extra für die Garantie zahlen will, oder ob ich lieber Geld spare und mich dafür dem Risiko aussetze eine Schrottkarre zu erwischen. Der Familienvater mit geregeltem Einkommen und geringer Risikobereitschaft wird eher die Garantie bevorzugen. Der prekär beschäftigte VWL-Student, der nebenbei ein bisschen mit Bitcoin spekuliert, könnte sich auf die Schrottkarren-Lotterie einlassen. Als Gebrauchtwagenhändler werde ich nur dann die Garantie anbieten, wenn die dadurch zu erwartenden Kosten 4.000 Euro nicht übersteigen.

Im Gleichgewicht muss der Preisunterschied zwischen dem Auto mit Garantie und dem ohne genau den Qualitätsunterschied zwischen den angebotenen Autos ausgleichen.

Was passiert, wenn nun alle Gebrauchtwagenhändler dazu verpflichtet werden, eine Garantie zu gewähren? Diejenigen Händler, die vorher nicht bereit waren die 4.000 Euro Gewährleistungskosten zu tragen, werden auch jetzt nicht wie durch Zauberhand dazu bereit sein. Und diejenigen Käufer, denen 4.000 Euro extra für ein Auto mit Garantie zu viel war, werden auch nicht plötzlich bereit sein mehr zu zahlen. Der etwas schäbige Gebrauchtwagenhändler wird vom Markt verschwinden, und der VWL-Student wird sich eben kein Auto mehr leisten können.

Die Pflichtgarantie führt nicht dazu, dass alle schäbigen Gebrauchtwagenhändler plötzlich geläutert werden und nur mehr hochqualitative Autos anbieten. Sie führt lediglich dazu, dass das Angebot von billigen, weil weniger qualitätvollen Autos zurückgeht – zulasten der Käufer mit der geringsten Zahlungsbereitschaft. Die Regel, die Herr Tenhagen als dringend notwendig erachtet, ist nicht nur nicht notwendig, sie ist sogar schädlich: Denjenigen, die sowieso die Garantie genommen hätte, bringt sie nichts, und die anderen, die auf die Garantie gerne verzichtet hätten, verdrängt sie vom Markt.

Ich finde es schon irgendwie problematisch, dass eine angebliche Qualitätszeitung wie “Die Zeit” ihren Lesern ökonomischen Analphabetismus unter der Schlagzeile “Grundwissen Ökonomie” verkauft. Es ist ein ökonomischer Analphabetismus, der, wenn er zur Grundlage von Wirtschaftspolitik dient, schwerwiegende Folgen haben kann.

Achtung Satire: Mikroökonomik, Fakt und Finis

Im Zuge der Kritik eines Kritikers haben Ökonomen endlich Klartext gesprochen. Denn ja, muss sich unsere Disziplin zwar eingestehen, in der Analyse und Prognose makroökonomischer Entwicklungen ab und an im Dunkeln zu tappen, wissen wir über mikroökonomische Zusammenhänge sehr genau bescheid.

So haben Ökonomen der alten Schule längst erkannt, dass die Bevölkerung so Pi mal Daumen ohnehin nur aus materialistischen Super-Brains besteht. Alle wissen ganz genau, was sie wollen, wie sie es bekommen und auf Punkt und Komma die dafür notwendige Mittelverwendung feststellen. Ganz genau so, wie alle Personen stets exakt berechnen, wie viele Stunden sie für welches Gehalt arbeiten wollen. Dann gehen sie zu ihren Chefs und das setzen das durch, solange der Lohnsatz am Ende halt nur der Grenzproduktivität entspricht. Und da die ja wohl jeder von sich und jeder potenziellen Arbeitskraft kennt, ist das nächste Gleichgewicht nicht weit – effizient und glücklich. Hier wäre man versucht, eine Erklärung nachzuliefern. Aber was will man einer Bevölkerung aus Super-Brains noch erklären, deshalb können Ökonomen auch guten Gewissens darauf verzichten.

An dieser Stelle stellt sich natürlich auch die Frage, weshalb überhaupt Artikel wie dieser geschrieben werden, denn wenn ohnehin so gut wie alle so gut wie alles wissen. Deshalb halt: natürlich ist die Sache nicht ganz so einfach und wir Ökonomen der mittelalten Schule verbitten uns diese sarkastischen Untergriffe. Wir wissen schon, dass die Welt ein klein wenig komplexer ist und unsere Modelle jetzt nicht haarscharf die Realität abbilden. Aber sie sind eben gut genug und sollte sich jemand tatsächlich ganz anders verhalten, als unsere mikroökonomischen Modelle es beschreiben, dann ist das sein Fehler. In diesem Sinne darf mit der einzig wesentlichen Frage geschlossen werden: lebst Du noch oder rechnest Du schon?

 

Referenz: https://www.forbes.com/sites/timworstall/2012/09/10/debunking-steve-keens-debunking-economics/#3cbda00f7a68