Ein Hauch von Ökonomik: Zieh dem Unmut eine Nase, zaubere eine Seifenblase!

Rosamunde Bushart wollte uns mit ihrem Sprichwort wohl kaum zu jener Routine raten, welche sich in beunruhigend hohem Maße in unserer Kommunikation wiederfindet. Jene Routine, in der wir eine Konversation mit potenziell andersdenkenden zum Geduldspiel degradieren. Ein Geduldsspiel, das sich grundsätzlich in zwei sich wahlweise wechselnden Akten beschreiben lässt. Im ersten Akt üben wir uns in geradezu autodidaktischem Nicken und geheucheltem Verständnis, um die Ausführungen des Gegenübers nicht unnötig zu verlängern. Je nach Interesse am Gegenüber und Wirkungskreis der Konversation entscheiden wir uns dann für oder gegen einen zweiten Akt, in welchem wir in einem rechthaberischen Vortrag möglichst rasch auf all die uns vom Gegenüber offenbarten Wissenslücken hinweisen. Die von uns anerkannte Auswahl an Kommunikationsverläufen beschränkt sich demnach darauf, dem Gegenüber dessen Dummheit vorzuführen oder es in eben dieser Dummheit sterben zu lassen. Die Selbstgefälligkeit dieses Blickwinkels ist wohl schwer zu verkennen.
Eine gemäß dieser Routine geführte Debatte dient nur noch zur Übung der eigenen Beweisführung. Das eigentliche Urteil haben wir längst gefällt und unter Gleichgesinnten bestätigen lassen. Dank des dort gesuchten und gefundenen Konsenses ist unsere Wahrnehmung auch längst zur vollsten Überzeugung gereift, mit welcher wir den armen bis bösen Rest fleißig zum Opfer lachhafter bis gemeiner Lügenmärchen und Irrtümer stilisieren.
Die daraus resultierende Gefahr einer sich spaltenden Gesellschaft ist dem Großteil von uns mittlerweile bewusst. Doch das Bewusstsein dieser Gefahr bewirkt nicht zwangsläufig eine Abkehr von dieser Routine. Dies hängt viel mehr davon ab, wie teuer uns die Folgen einer gespaltenen Gesellschaft persönlich zu stehen kommen könnte.
An dieser Stelle tun sich mehrere Hürden auf. Fühlen wir uns kompetent und informiert, können wir uns Kontrollverlust nur schwer vorstellen und neigen dazu, Risiken zu unterschätzen. Dieser könnte uns auch in Bezug auf die drohende Entladung von Spannungen in einer Gesellschaft unterlaufen. Des Weiteren hängen unsere letztendlichen Kosten aus einem solchen Konflikt davon ab, welche Seite der Gesellschaft sich durchsetzt. Unsere sorgsam gepflegte Blase lässt uns dabei vermutlich auch die Wahrscheinlichkeit eines Unterliegens unserer Seite im Konflikt unterschätzen. Außerdem liegt das Auftreten dieser Kosten in der Zukunft und werden von uns daher nur in diskontierter – und entsprechend reduzierter – Form berücksichtigt. Es gibt also allen Grund dafür, anzunehmen, dass wir die uns durch Beibehalten der Routine drohenden Kosten nur zu einem Bruchteil ihres nominellen Werts berücksichtigen.
Hinzu kommt nun, dass eine Abkehr von der Routine ebenfalls Kosten verursacht. Zum einen würde sie von uns erhöhte Konzentration, Empathie und Reflektion in Konversationen und über diese hinaus verlangen. Dies würde uns nicht nur Zeit und Energie kosten. Viel mehr könnte die aufgeweichte und offenere Haltung auch unserer Bestimmtheit und Überzeugungskraft abträglich sein. Jeder Schritt den wir auf Andersdenkende zu gehen, könnte uns einen weiteren von den bisher Gleichgesinnten und deren Unterstützung entfernen.

Am Ende drohen uns bei einer Abkehr von der Routine also nicht bloß neue Kosten, sondern auch noch der Verlust gewohnten Nutzens.
Wir stehen vor dem Eingeständnis, dass nicht bloß wir und unsere Routine die Blase nährten, sondern die Blase letztlich auch uns. Gegeben unsere Zeitpräferenz und Inkompetenz bei der Risikoabschätzung haben wir also gute Chancen, den Wert unserer Blase höher einzuschätzen, als die bei ihrem Zerbersten drohenden Kosten. Nur wenige von uns werden sich also dem Unmut von außerhalb unserer Blase öffnen, während der Rest eifrig weiter an der Festigung unserer subjektiven Wahrnehmung zaubert.

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