Politik am Prüfstand: Frei- oder Kuhhandel?

Ein Beschluss darf in der Vorjahresbilanz der großen Heuler mit ökonomischem Beigeschmack nicht fehlen: im Frühjahr wurden die noch offenen Vertragsbestandteile des berühmten CETA beschlossen.

Um was geht’s?

CETA steht für ‚Comprehensive Economic and Trade Agreement‘ – zu Deutsch: umfassendes Wirtschafts- und Handelsabkommen. Wer es bloß als Handelsabkommen bezeichnet, verschweigt also die Hälfte. Vor allem, da genau jener Teil des Abkommens, der sich den klassischen Belangen des Handels widmet, bereits längst in Kraft getreten war. Dies liegt daran, dass die Handelspolitik alleinige Kompetenz der Europäischen Union ist. Für das Inkrafttreten des entsprechenden Teiles genügte deshalb der längst gefällte Beschluss im Europäischen Parlament. Den nationalen Parlamenten oblag es nur noch, über jene Teile des Abkommens zu entscheiden, die über die Handelspolitik hinaus gingen und somit auch in Bereiche nationaler Zuständigkeit fielen.

In diesen wirtschaftspolitischen Teilen wird sich zur Liberalisierung bekannt, also einer Marktöffnung aller nicht vorab explizit ausgenommenen Sektoren und Leistungen. Hierbei schreibt Annex I das tatsächlich bestehende Liberalisierungsniveau als Minimum fest. Dieses Minimum wird mit jeder hinzukommenden Liberalisierungsmaßnahme neu gesetzt, also schrittweise erhöht, was der Rücknahme von bisherigen und zukünftigen Liberalisierungsmaßnahmen entgegenwirkt. Von dieser Regel ausgenommen sind nur jene Sektoren und Leistungen, die in Annex II explizit angeführt werden. Es handelt sich also um das sogenannte Negativlistenprinzip: nur was explizit vorab als Ausnahme deklariert wurde, gilt als solche, alles andere wird vom Quasi-Gebot der Liberalisierung erfasst.

Hinzu kommen weitere Bekenntnisse wie jenes, Regulierungsunterschiede zu vermeiden und Standards anzugleichen oder zumindest als gleichwertig anzuerkennen. Während der Vertragstext explizit die fallspezifische Verweigerung eines dieser angestrebten Schritte erlaubt, könnte eine wiederholte Verweigerung als Verstoß gegen das völkerrechtlich geltende Frustrationsverbot interpretiert werden.

Noch heikler wird die Sache beim ebenfalls im Abkommen festgeschriebenen Investitionsschutz. Dieser soll vor entschädigungsloser Enteignung oder Diskriminierung schützen – also vor einem Tatbestand, der in entwickelten Rechtssystemen wie Kanada oder der Europäischen Union ohnehin verboten ist. Der Investitionsschutz geht allerdings über den der Allgemeinheit zukommenden Schutz des Eigentums hinaus und erzeugt somit eine Diskriminierung, wie er sie eigentlich vermeiden sollte. Auf Basis dieses besonderen Schutzes finden private Investoren die Möglichkeit, etwaige entgangene Gewinne vom Staat einzuklagen, wenn dieser implizit Schuld daran trägt – zum Beispiel durch neue Umweltauflagen oder Steuern.

Was hat das mit der Volkswirtschaftslehre zu tun?

Entsprechende Streitfälle werden zukünftig vor einem eigenen Investitionsgerichtshof geführt. In wie weit dessen Zusammensetzung den Vorwurf der Paralleljustiz entkräftigt, den sich bis dato zuständige private Schiedsgerichte eingehandelt hatten, ist wohl juristisch zu beurteilen. Die mit den Klagen verbundenen Risiken sind aber vor allem wirtschaftspolitischer Natur. Bei der Abwägung staatlicher Interventionen aufgrund neuer wissenschaftlicher Erkenntnisse oder unvorhergesehener Entwicklungen sind aufgrund des Abkommens nun auch potenzielle Kosten durch Klagen privater Investorinnen zu berücksichtigen.

Da selbst öffentliche Leistungen zur Daseinsvorsorge unabhängig ihres ökonomischen Charakters als nicht-tarifäre Handelshemmnisse geführt werden, lässt sich der Vorwurf einer ideologisch motivierten wirtschaftspolitischen Agenda im Abkommen nicht gänzlich vom Tisch wischen. Die Entscheidung über die Ausgestaltung eines Marktes bzw. seiner Regulierung sollte evidenzbasiert und situationsspezifisch gefällt werden, anhand ökonomischer Kriterien wie der Rivalität, der Ausschließbarkeit oder den externen Effekten eines Gutes. Die trockene Legistik im Vertragstext geht darauf ebenso wenig ein, wie auf die durch Technologie und Umwelt hervorgerufene Dynamik der wirtschaftlichen Entwicklung. Im Gegenteil, aufgrund der zuvor erwähnten Klauseln wird Liberalisierung teilweise zur Einbahnstraße erkoren, da die Reaktionsmöglichkeiten auf missglückte Privatisierungen beschränkt sind.

Was bleibt der Volkswirtschaft?

Klar, davon alleine wird die Welt nicht untergehen, und auch nicht die Volkswirtschaft. Diese hat durch den schon länger in Kraft getretene Teil des Abkommens zum Handel gerade erst ein – aufgrund der kleinen Größe Kanadas – überschaubares Wachstum erfahren. Gegen die längst von Statten gegangene Abschaffung tarifärer Handelshemmnisse wird sich wohl kaum ein Ökonom oder eine Politikerin verwehren. In wie weit durch die zusätzlichen Teile des Abkommens nun auch die Investitionstätigkeit zunimmt, bleibt abzuwarten.

Die Entscheidung über diese zusätzlichen Teile ist und bleibt daher wie vieles in der Wirtschaft und Wirtschaftspolitik eine Entscheidung unter Unsicherheit. Kritiker, Skeptiker und Pessimistinnen mögen in CETA gar einen Knebelvertrag sehen und potenzielle Klagen wie ein Damoklesschwert über jeder wirtschaftspolitischen Entscheidungen der Zukunft schweben sehen. Streng Marktgläubige und bedingungslose Optimistinnen hingegen werden in CETA bloß den gängigen Usus liberaler Spielregeln zur Absicherung gegen willkürliche politische Entscheidungen sehen. Für beide Sichtweisen finden sich Argumente und diese untermauernde Einzelfälle. Es gibt sie die Milliardenklagen von Konzernen, wie sie etwa Deutschland rund um den Atomausstieg kennengelernt hat. Doch entschieden selbst die bisher zuständigen privaten Schiedsgerichte nicht ständig und leichtfertig für die klagenden Konzerne. Und so wie die Notwendigkeit eines Investitionsschutzes bei entwickelten Rechtssystemen wie Kanada und der Europäischen Union in Frage gestellt werden kann, sind bei wirtschaftlich und politisch ähnlich entwickelten Volkswirtschaften wie Kanada und Europa auch Horrorszenarien von fallenden Standards in Arbeits-, Umwelt- oder Konsumentenschutz unwahrscheinlich.

Ein finales Urteil über die Notwendigkeit und den gesamtgesellschaftlichen Nutzen eines so umfassenden Abkommens basiert also zu einen großen Teil auf etwas, das der ökonomischen Disziplin nicht immer sonderlich gut glückt: Prognosen. Aktuelle Studien unterstreichen, dass es keine allgemeingültigen Prognosen zu Wirtschafts- und Handelsabkommen gibt. Was der optimale Grad an Handelsliberalisierung ist, ist von den miteinander verhandelnden Volkswirtschaften, deren Wirtschafts- und Bevölkerungsstruktur sowie vor allem von deren Präferenzen abhängig. Aus gutem Grund hat die Politik bereits aus negativen Erfahrungen und Kritik gelernt. Der Vertragstext von CETA und neuerer Abkommen verzichtet bereits auf einige umstrittene Liberalisierungsmaßnahmen früherer Vorlagen. Am Ende kommt es darauf an, wie und zu welchen Gunsten der Investitionsgerichtshof den Vertragstext in Zukunft auslegen wird. Die ökonomische Sorge wird damit am Ende zum juristischen Streitfall, wirtschaftspolitische Rechthaberei eine Frage noch zu klärenden Rechts.

 

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Confirmed: Raising tariffs is shooting yourself in the foot

As everybody knows from Econ 101, protective tariffs are harmful for the country that imposes them. A protective tariff is a tax on imports that is so high as to make all imports fall to zero.

But there is an argument why a low tariff may be better than no tariff at all. The reason is that a large country (large compared to its trading partners) faces an upward-sloping supply curve for its imports such that a fall in import demand lowers the world-market price of imported goods. Hence, part of the cost of the increased tariff would fall on the rest of the world due to lower export prices (a fall in the terms of trade) while the country that imposed the tariff might win overall.

Whatever the theoretical merits and demerits of this argument, recent experience with tariff increases in the US (aka Trump’s Trade War) provides powerful evidence against it.

In a newly released paper, Amiti, Redding and Weinstein show that the tariffs imposed last year by the Trump administration had two main effects:

1) US prices of imported goods rose one-for-one with increases in tariff rates.

2) Import demand decreased substantially with an estimated price elasticity of 6 (i.e. 6 percent lower imports for every 1 percent of higher tariffs).

As a consequence of these two results the paper estimates the welfare costs of the Trade War to be about 6.9 billion dollars. While that is not a huge number compared to the total size of the US economy, keep in mind that we’re only talking about a marginal change of the average tariffs from 1.5 to about 3.25 percent. And remember that the welfare costs rise with the square of the applied tariff rate. So should tariffs go up more in the future, the welfare costs will be much bigger.

I regard this as decisive evidence that the optimum tariff is indeed zero. Note that finding No. 1 implies that American consumers are paying the full cost of the tariff increase, with no terms-of-trade effect on the rest of the world. If even the largest economy in the world cannot improve their terms of trade by increasing tariffs, then smaller economies have no hope of doing so either. Raising tariffs is indeed shooting yourself in the foot.

Moreover, this paper is also a triumph for simple textbook economics. The results of Trump’s tariffs are exactly what one would expect from the kind of supply-and-demand model taught in Econ 101. As Tyler Cowen points out, the complete pass-through of tariffs to consumer prices also implies that monopoly power is not a big issue in these markets. It’s good to know that the much-maligned perfect competition partial equilibrium models still gets some important things right.

Sinkt die Chancengleichheit der Individuen mit einem Anstieg der Einkommensungleichheit?

In den Vereinigten Staaten wird oft berichtet, dass man es ebenfalls zu etwas bringen kann, wenn man sich genug anstrengt. Vor allem die Worte „American Dream“ oder die Phrase „Vom Tellerwäscher zum Millionär“ sind vielen Amerikanern ein Begriff. Dies würde bedeuten, dass eine hohe intergenerationale Mobilität, das heißt ein sozialer Auf- bzw. Abstieg innerhalb einer Generation, gegeben ist, sodass es Menschen aus den untersten Einkommensschichten möglich ist, reich zu werden. Aber wie sieht es wirklich aus? Hat ein Mensch heutzutage noch eine Chance aus der untersten Einkommensschicht weiter nach oben aufzusteigen? Und wie verhält es sich mit jenen, die schon reich bzw. in wohlhabenden Familien aufgewachsen sind in Bezug auf deren Mobilität? Gibt es noch eine Chancengleichheit in der Gesellschaft, sodass auch ein Individuum, dessen Eltern nicht so reich sind, auch eine gute Ausbildung machen und eine gute Arbeit finden kann?

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Effekte von Innovationen auf den Arbeitsmarkt

Innovationen werden als zentrale Treiber zur Stimulierung von Produktion und Beschäftigung gesehen. Für die Wettbewerbsfähigkeit von Unternehmen ist es wichtig, neue Produkte erfolgreich auf den Markt zu bringen, sowie Produktions- und Dienstleistungsprozesse zu verbessern und auszubauen. Derartige Innovationen können sich sowohl positiv als auch negativ auf die Beschäftigung auswirken. Die zentrale Frage ist, welcher dieser beiden Effekt überwiegt. Werden durch technologische Neuerungen mehr Arbeitsplätze geschaffen oder werden Arbeitskräfte von neuen Technologien wie Robotern verdrängt?

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Führen Innovationen langfristig zu mehr Arbeitslosigkeit?

Heutzutage diskutieren viele Medien, wie etwa „Der Standard“ in Österreich oder „Die Zeit“ in Deutschland, das Thema Automatisierung und deren Auswirkungen auf den Arbeitsmarkt. Zumeist wird über die „Vernichtung“ von Arbeitsplätzen gesprochen und darüber, dass die Automatisierung zu einem rasanten Anstieg der Arbeitslosigkeit führen wird. Daher stellt sich die Frage, wie berechtigt diese Befürchtungen sind.

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Politik am Prüfstand: la familia?

Als nächstes steht der mittlerweile gültige Familienbonus Plus am Programm. Es ist schon bemerkenswert, wie lange sich diese Maßnahme in der medialen Berichterstattung hielt und hält. Für ihre Verteilungswirkung und daraus resultierende Lenkungseffekte gilt das eher nicht.

Um was geht’s?

Beim Familienbonus Plus handelt es sich um einen Absetzbetrag, der die Steuerlast einer Person direkt vermindert. Konkret reduziert sich der Betrag, den man an Lohn- und Einkommensteuer zahlen müsste, um bis zu 1.500 Euro pro Kind und Jahr. Wer gar nicht so viel Lohn- und Einkommensteuer zahlen müsste, weil er oder sie nicht so viel verdient, der hat weniger von der Maßnahme – mit ganz viel Pech sogar gar nichts. Nur Alleinverdienerinnen und Alleinerzieher wird ein Minimum von 250 Euro im Jahr als sogenannter Kindermehrbetrag zugesichert.

Was hat das mit der Volkswirtschaftslehre zu tun?

Da der tatsächlich lukrierte Familienbonus mit dem Einkommen steigt, wird durch die Maßnahme die Progression der Lohn- und Einkommensteuer konterkariert. Progression bedeutet: umso höher das Einkommen, umso höher der Steuersatz. Das wiederum fußt auf dem Leistungsfähigkeitsprinzip, welches besagt: alle haben nach Maßgabe ihrer individuellen ökonomischen Leistungsfähigkeit zur Finanzierung staatlicher Leistungen beizutragen. Der Familienbonus nun aber sagt: umso mehr jemand beitragen könnte, umso mehr kann er oder sie sich sparen – bis zum Deckel von 1.500 Euro pro Kind versteht sich.

Dies gilt auch innerhalb eines Haushalts, weshalb es naheliegt, das besserverdienende Elternteil den Familienbonus beanspruchen zu lassen. Dabei handelt es sich größerenteils um den Mann. Der Familienbonus setzt also keine Anreize, die traditionelle Rollenverteilung aufzubrechen, sondern erhöht bei einseitiger Beanspruchung den Nettoeinkommensunterschied. Durchaus anzumerken ist hier übrigens auch die sogenannte 90/10 Regelung des Anspruchs zugunsten jener Person, welche die Betreuungskosten bis dato trägt. Diese Regelung ist insbesondere in Streitfällen, etwa bei getrennten Eltern relevant und kommt hier in der Praxis wohl größerenteils Erziehungsverantwortung tragenden Müttern entgegen. Bitterer Beigeschmack: diese Regelung wird im Gegensatz zum Rest des Pakets nicht beworben und ist auch noch auf drei Jahre befristet. Ebenfalls ein wenig skurril: die Sonderstellung von Alleinverdienern und Alleinerzieherinnen schafft in einem Haushalt mit zwei Geringverdienern den Anreiz, zumindest offiziell getrennt zu leben. Dann kann das verbleibende Elternteil zumindest das Minimum von 250 Euro beanspruchen – auch wenn dies den damit verbundenen Aufwand in der Praxis wohl nicht wert ist.

Die Ungleichbehandlung je nach Einkommenshöhe wirft nicht nur innerhalb der Haushalte, sondern auch über die Haushalte hinweg die Verteilungsfrage auf. Die von Studien gegebene Antwort könnte im ersten Moment überraschen: dem gröbsten Verteilungsmaß nach, dem Gini-Koeffizienten, trägt der Familienbonus minimal, aber doch zu einer gleicheren Einkommensverteilung bei. Dies ergibt sich einerseits aufgrund der Deckelung mit 1.500 Euro pro Kind und andererseits aus der Anzahl an Kindern – davon haben Haushalte mit mittleren Einkommen tendenziell mehr als Haushalte hoher Einkommen. Der Familienbonus bewirkt daher eine relative Umverteilung von den Rändern hin zur Mitte. Dass auch der untere Rand der Einkommensverteilung relativ verliert und sich die Ungleichheit in diesem Bereich erhöht, bleibt bei einem groben Verteilungsmaß wie dem Gini-Koeffizienten außen vor. Andere Verteilungsmaße zeigen aber durchaus, dass sich der Abstand zwischen unteren und mittleren Nettoeinkommen durch die Maßnahme vergrößert, vermeintlich Abgehängte also weiter abgehängt werden.

Dennoch ist zu vermerken: keiner dieser Haushalte verliert in absoluten Zahlen. Manche bekommen mehr als andere, aber (quasi) niemand bekommt weniger als bisher. Es handelt sich um eine steuerliche Entlastung ohne direkte Gegenfinanzierung. Das heißt, der eingeführte Absetzbetrag reduziert nicht nur die Einnahmen aus Lohn- und Einkommensteuer, sondern hinterlässt auch eine Lücke im Finanzierungshaushalt des Staates. Deshalb wird auf volkswirtschaftliche Effekte zur Selbstfinanzierung gehofft. Da der Familienbonus in gleichem Maße das verfügbare Einkommen der Haushalte erhöht, ist schließlich mit Nachfrageeffekten zu rechnen – insbesondere mit steigendem Konsum und daraus resultierenden Steuereinnahmen. Wie stark diese Nachfrageeffekte ausfallen, hängt von der Konsumneigung der Haushalte ab. Da die Konsumneigung mit zunehmenden Einkommen sinkt, könnte die relative Benachteiligung der unteren Einkommen auch die Selbstfinanzierung ein wenig geringer ausfallen lassen, als es ein allen gleichermaßen zustehender Transfer getan hätte.

Was bleibt der Volkswirtschaft?

Dennoch rechnen Simulationen mit einem Selbstfinanzierungsgrad von 30% im ersten und bereits 82% im vierten Jahr. Das ist wesentlich, kostet der Absetzbetrag dem Staat dann doch etwa 1,5 Milliarden Euro im Jahr. Ein paar Kosten ergeben sich auch für den privaten Sektor. So ein Absetzbetrag macht das Steuerwesen schließlich nicht einfacher, sondern muss unter anderem auch in der Lohnverrechnung entsprechend berücksichtigt werden. Doch der damit verbundene einmalige Aufwand bewegt sich um ein paar Stellen weniger im Millionenbereich und liegt hauptsächlich bei Unternehmen. Soweit sollte es daher nicht verwundern, dass sich der Widerstand gegen den Familienbonus in Grenzen hält: es handelt sich um eine Steuerentlastung, mittels derer der politisch umkämpften Mitte gegeben und niemanden etwas genommen wird.

Spannender ist hier eher die Detailfrage, weshalb der komplexe Absetzbetrag einer einfachen Erhöhung der Familienbeihilfe vorgezogen wird. Zwei Antworten gaben die Regierungsparteien selbst: zum einen entspricht die relative Bevorteilung von mittleren Einkommen eher dem vorherrschenden Leistungsträgerdenken, zum anderen trifft die relative Benachteiligung von niedrigen Einkommen nicht nur, aber doch stark Familien mit Migrationshintergrund. Etwas außen vor, aber durchaus daraus ableitbar, blieb die längerfristige Anreizwirkung. Der Familienbonus beschränkt den von ihm gesetzten Anreiz zur Familienbildung stark auf erwerbstätige Personen und hierbei vor allem auf jene, mit zumindest mittlerem Einkommen. Während die einen kritisieren, dem Staat müsste jedes Kind gleich viel wert sein, mögen andere eben nicht notwendigerweise jede zukünftige Geburt gleichermaßen wünschenswert sehen. Schließlich birgt der hohe Kinderanteil in Haushalten geringeren Einkommens auch soziale Risiken, nicht zuletzt da Armut, Ausgrenzung und Bildung stark vererbt werden. Der Familienbonus sorgt nun in keiner Weise für mehr Chancengleichheit – im Gegenteil – aber er setzt Anreize, die Kinderzahl an die eigenen Einkommensverhältnisse und den daraus erwartbaren Chancen anzupassen. Sinn und Erfolgsaussichten dieses hypothetischen Hintergedankens wären wohl gesondert zu analysieren.

Ein Hauch von Ökonomik: Nur die halbe Wahrheit

Heute ist High School Drama angesagt. Unser Schwarm hat sich gegen uns entschieden. Für unser Ego aber kommt es nicht in Frage, dass es an uns liegen könnte. Stattdessen muss wohl eine unserer Freundinnen die Beziehung sabotiert haben. So ein Biest hat in unserem Freundeskreis natürlich nichts verloren. Das gilt es den anderen aber erst einmal klar zu machen.

Dabei sollten wir nicht einfach drauf los lästern und sie mit der Unterstellung überrumpeln. Die anderen würden rasch vermuten, das bloß die Eifersucht oder gar Boshaftigkeit aus uns spricht. Das könnte uns mehr schaden als nützen. Nein, die anderen müssen von sich aus zur von uns gewünschten Entscheidung gegen dieses Biest kommen. Die Grundlage für die Entscheidung kann also nicht bloß unser Wort sein. Stattdessen muss ihnen eine Information vorliegen, bei der sie sich sicher sein können, dass sie so stimmt und wir sie nicht in unserem Interesse ändern konnten.

Nun wissen wir doch aber selbst nicht, ob an unserer Anschuldigung wirklich etwas dran ist. An dieser Stelle kommt die berühmte halbe Wahrheit ins Spiel. Die Sache genau zu beleuchten und jedes Detail über den Charakter unserer nunmehrigen Erzfeindin aufzurollen, ist mühsam und gefährlich. Immerhin könnte dabei auch Licht auf ihre positiven Seiten geworfen und deutlich werden, wie wenig die Sache eigentlich irgendjemanden angeht. Nein, uns ist lieber, die anderen befassen sich mit wenigen, dafür aber den richtigen Fragen.

Die richtigen Fragen sind aus unserer Sicht jene, deren Antworten für sich alleine aus dem Zusammenhang gerissen und ins Rampenlicht gestellt verdächtig wirken könnten. Und da sie mal unsere Freundin war und uns vertraut hat, haben wir wohl ein ganz gutes Gefühl dafür, welche Fragen das sein könnten. Am Ende gestaltet sich unser Feldzug daher einfacher, als es anfangs den Anschein hatte: statt etwas hieb und stichfest belegen zu müssen, genügt es wahrscheinlich, wenn das aus den Antworten der Erzfeindin entstehende Misstrauen groß genug ist, um die Freundschaft mit ihr zu belasten. Deshalb müssen wir auch keine Beweise fingieren, sondern bloß den Fokus auf die von uns ausgegrabenen Dinge lenken und auf sie beschränken – ein Unterfangen, das unter Freundinnen mit durchschnittlicher Aufmerksamkeitsspanne ganz gute Chancen haben könnte.

Es geht also nicht darum, direkten und gesicherten Einfluss auf ein Urteil zu haben. Es reicht, die Einschätzung der Freundinnen so zu verändern, dass ihnen das von uns gewünschte Urteil ein Stück weit näher liegt. Ohne jegliche Intervention unsererseits schätzen sie das Biest noch überwiegend positiv. Ein paar gezielte Fragen und schon mag die Einschätzung kippen – vielleicht auch nur leicht, aber es mag genügen: statt eher ja, heißt es dann eher nein.

Wenn ‚Information Design‘ und sogenannte ‚Bayesian Persuasion‘ in unserem kleinen privaten Feldzug gute Aussichten auf Erfolg haben, mag es wohl auch in größerem Stil für Unternehmen oder der Politik funktionieren. Vor allem ist es eine attraktive Alternative zu verschwörungstheoretischem Tobak. Wer falsche Informationen verbreitet, kann aufgedeckt werden. Wenn dies zum nachhaltigen Vertrauensverlust führt, kann das am Ende mehr kosten als es nützt. Weniger riskant ist es da der Versuch, die Aufmerksamkeit der Kundschaft oder Öffentlichkeit auf jene Fragestellungen zu lenken und beschränken, bei denen wir uns nützliche Antworten erhoffen. Es geht also darum, korrekte Information zu fördern, aber eben selektiv. Der Anspruch ist dabei auch nicht, ausschließlich solche Information zu erlangen, die unserem Anliegen nützt. Es genügt, den Mix aus uns nützlicher und uns nachteiliger Information soweit zu verändern, dass die darauf aufbauende Entscheidung anderer knapp aber doch zu unseren Gunsten ausfällt. Am Ende geht es um die Wahrheit, aber eben nicht um die ganze.

Blöde Sache und ein Grund mehr, weshalb die ökonomische Theorie für effiziente Lösungen vollständige und allseits gleichermaßen vorliegende Information empfiehlt. Eine Empfehlung der die Realität in vieler Hinsicht nur selten folgt. Was daher grundsätzlich eher nach Wunschdenken klingt, ist in unserem kleinen High School Drama vermutlich nicht einmal das. Im sozialen Miteinander ist schließlich auch gerade der Schutz von privater oder gar intimer Information erstrebenswert. Werden unangebrachte Fragen toleriert, kann das Gegenüber zu unangebrachtem Antwortverhalten gezwungen sein. Das Recht zu schweigen mag den Verdacht erhöhen, die Aussage einen Verrat an sich selbst und der Vertraulichkeit darstellen. Da ist unsere Erzfeindin im Gegensatz zur Wahrheit nicht nur halb, sondern doppelt in der Zwickmühle.